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Donnerstag, 2. Dezember 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Achim Freyers 'Zauberflöte' in der Semperoper

In eine farbenfrohe Welt geworfen

Wo bin ich? – Vielleicht nie zuvor und auch kaum später wurde das, was Martin Heidegger die ‚Geworfenheit’ nannte, so prägnant in einer populären Kunstform formuliert, wie im Singspiel der 'Zauberflöte'. Søren Kierkegaard hat dies genau hier exemplifiziert und auch später haben sich immer wieder Philosophen und Gelehrte den Kopf über ein Phänomen zerbrochen, das bei Mozart so liebevoll, kindlich und doch zutiefst ursprünglich in der 'Zauberflöte' zum Ausdruck kommt: Tamino ist ‚je schon ins Sein geworfen’ und stellt sich die entscheidende Frage nach dessen Sinn. Erst danach beginnt das große, fantastische Spiel des Lebens.

Achim Freyers ‚Urtheater’

Die Dresdner 'Zauberflöte' rührt in der hoch gelobten Inszenierung (2002) von Achim Freyer genau an diesen ursprünglichen Fragen der Menschheit. Sie ist ‚Urtheater’ und doch auch urkomisch, denn nirgends lastet die historische, philologische Schwere auf der Oper, die in den letzten Jahrzehnten von der Forschung an das Werk heran getragen wurde und von ägyptischen Hieroglyphen bis zu Mysterientheorien der Freimaurer alles analysiert und interpretiert hat, was Wissenschaft heute möglich macht. Aber kann darin denn wirklich der Sinn und Wert der Kunst Mozarts liegen? Verfehlt man so nicht gerade die spielerische Leichtigkeit mit der in seinen Opern immer wieder alles und nichts zur Sprache kommt? Achim Freyers Ansatz war jedenfalls ein dezidiert anderer, doch der Erfolg hatte ihm bereits bei der umjubelten Premiere in Schwetzingen recht gegeben. Seit Juni 2006 gehört die 'Zauberflöte' nun zu den schönsten Stücken im Repertoire der Semperoper und begeistert seitdem das Publikum von jung bis alt. Zwischen Märchen, Mysterium und Kinder-Zauberoper ist Freyer ein wahres Meisterwerk gelungen, das in Dresden eine würdige Heimat gefunden hat und noch lange nicht abgenutzt scheint. Das Ensemble und Dirigat wechselte mit der Zeit immer wieder, doch auch in der 54. Vorstellung überzeugt die Dresdner Staatskapelle durch viel Spielfreude, ebenso, wie ein Sängerensemble von international höchstem Niveau.

Drei Türen und darin ein Raum

Hilflos geworfen in eine Welt voller fantastischer Unklarheiten findet sich Tamino zunächst in einem überschaubaren Zimmer, das von drei großen Türen umfasst wird. Diese verkörpern in unterschiedlichen Farben ‚Weisheit, Vernunft, Natur’ – also allesamt wichtige Leitbegriffe der klassischen deutschen Philosophie, wie sie in den Schriften und literarischen Texten zu Zeiten Mozarts omnipräsent waren. Im Mittelpunkt steht monumental ein großes Tor der Natur, dessen Klinke noch viel unerreichbarer scheint, als das der anderen. Nur, wenn die Liebe ins Spiel kommt, geraten die Türen in Bewegung. Diese grundlegende Komposition ist bereits der erste Geniestreich Freyers. Achim Freyer (*1934) – der Meisterschüler von Bertolt Brecht am Berliner Ensemble – zeichnete auch verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme. Als großartiger Maler, der 1977 und 1987 auf der documenta in Kassel ausstellte, verfügt Freyer über ein überragendes Gespür für Farbe und Komposition. Allein dadurch gelingt es ihm den statischen Kastenraum, der sich über die gesamt Spielzeit im Prinzip kaum verändert, immer wieder neu zu beleben. Geringe Nuancierungen im Licht oder Kostüm ermöglichen bereits auf der Grundlage einer gut durchdachten Bühne, bezaubernde Effekte und überraschende Szenenwechsel. Märchenhaft und farbenfroh ist seine zeitlose Inszenierung und ein ganz besonderer Humor durchzieht die Oper vom ersten Auftritt bis zum großartigen Duett von Papageno und Papagena. Allein Freyers kindliche Phallussymbolik ist vielleicht gar zu verschwenderisch eingesetzt. Wenn bei Papageno ein Vögelchen aus der Hose tanzt ist das zwar noch lustig, aber insgesamt hätte man diese Assoziationen etwas sparsamer und damit umso gezielter einsetzen können. Der Phallus ist bei Freyer jedoch (zum Glück!) nie vulgär oder obszön, sondern stets spielerisch, kindlich und naiv. Wie oft hat man sich doch in letzter Zeit an diese pseudoprovokanten Anspielungen in Oper und Theater gewöhnt, die oft nicht allzu weit von Hollywood & Bollywood entfernt sind. Freyer steht diesem Trend rigoros entgegen und erinnert hier mit vollem Recht an seinen Lehrer Bertolt Brecht – der ja nun wahrlich kein prüder Zeitgenosse war – doch stets betonte, dass Ideologie in der Kunst und Theater immer Anti-Kunst sei, und man Einfälle doch den Häusern überlassen sollte...

Zauberflöte 2008

In der Dresdner 'Zauberflöte' überzeugen somit auf den „ersten Blick“ die großartigen Eindrücke, die von Freyers Bühnenbild und Kostümen ausgehen. Doch diesem Erlebnis stehen die musikalischen Leistungen in nichts nach. Die Semperoper verfügte zu jeder Zeit über ein überragendes Mozartensemble und wählte bedacht ebenso hervorragende ‚Mozartdirigenten’ aus. Am gestrigen Abend führte der junge Wiener Dirigent Ewald Donhoffer mit einem subtilen Gespür für die feinen dynamischen Nuancen von der Ouvertüre an glänzend die Staatskapelle und feierte damit ein gelungenes Debüt an der Semperoper. Das Orchester der Sächsischen Staatskapelle Dresden überzeugte durch einen warmen, voluminösen Klang, der in Timbre und Klangfarben wunderbar mit den Farben der Bühne korrespondierte. Obwohl die Entscheidung, wie zu Zeiten Mozarts, für eine eher kleine Besetzung ausfiel, tönte vom Orchestergraben eine breite Klangfülle. Der Koreaner Wookyung Kim sang einen fantastischen Tamino ohne Schwächen. Sein Tenor ist ebenso lyrisch, wie kraftvoll und in der gesanglichen Artikulation genauso präzise, wie in den gesprochenen Dialogen. Georg Zeppenfeld, der seit 2001 als festes Mitglied zum Solistenensemble der Semperoper gehört, überzeugte einmal mehr mit einen sehr guten Sarastro, dessen voluminöser Bass, auch an den anspruchsvolleren Stellen immer textverständlich bleibt. Mit meisterhafter Technik gelang ihm stets eine Variation in seinem gesanglichen Timbre. Die Rolle des Papageno war mit Markus Butter nicht auf diesem Weltklasseniveau besetzt. Zwar ist Butter mimisch und gestisch urkomisch und unterhaltsam, aber doch gesanglich mit einigen Unsicherheiten behaftet, die man jedoch angesichts seiner agilen Rolle entschuldigen könnte. Mangelnde Klarheit der Diktion wäre ihm dennoch an einigen Stellen vorzuwerfen. Der aus Norfolk/Virginia stammende Sänger Timothy Oliver sang seinen Monostatos entscheidend zu leise, mitunter undeutlich und mit schlicht mangelnder Durchsetzungskraft gegenüber dem Orchester. Auch mangelt es ihm am nötigen Elan der Rolle und so schlägt sich die grundsätzliche Antipathie seiner Figur auch auf die unzureichende Leistung über und Monostatos avancierte zu einer Figur die man weder gern sieht, noch hört. Brillant ist jedoch der Achim Freyer geschuldete Aperçu, durch den die Magie des Glockenspiels in einer großartigen Metamorphose den Monostatos samt seinem Gefolge in eine kindliche Trance versetzt, die darin gipfelt das der Mohr zum Springseil übergeht und fröhlich zur Musik hüpft. Kyung-Hae Kang sang eine souveräne Pamina mit hoher gesanglicher Brillanz besonders in den leisen Registern. Ihre Naivität im Schauspiel und der Artikulation, aber auch die Präzision und Klarheit in jeder gesungenen Note waren überaus gelungen. Besonders optisch harmoniert sie natürlich perfekt mit Tamino. Nur vereinzelt fallen im Vergleich zu Wookyung Kim in den gesprochenen Teilen noch linguistische Unsicherheiten auf und nicht immer verkörpert sie den beseelten Charakter, den Mozart für die Rolle der Pamina intendierte. Die Königin der Nacht erhielt - natürlich wie so oft - für ihre berühmte Arie den größten Applaus. Die präzisen Koloraturen, die Cornelia Götz in allen Höhen überzeugend darbietet und dabei stets noch bewusst ihr wunderbares Timbre bestimmt, gehörten aber auch ohne Frage zu den Höhepunkten der Abends. Zwischen der Märchenwelt Wielands und der Utopie der Aufklärung ist Freyers Entwurf nach wie vor eine der überzeugendsten Inszenierungen der 'Zauberflöte'. Neben den bekannten Sehenswürdigkeiten – dem Zwinger, den Gemälden der Alten Meister oder dem Panorama am Elbufer – gehört die 'Zauberflöte' damit zu den schönsten Schätzen die man heute in Dresden entdecken kann.

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Kritik von Toni Hildebrandt



Kontakt zur Redaktion


Die Zauberflöte: Eine deutsche Oper in zwei Aufzügen

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Markus Butter (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), Cornelia Götz (Solist Gesang), Kyung-Hae Kang (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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