> > > > > 23.07.2004
Samstag, 20. Juli 2019

Olivier Messiaen

Eine Nacht mit der größten Domorgel der Welt

Tönende Kathedrale

Pünktlich um 20.56 Uhr hob Pankraz Freiherr von Freyberg an, die Gäste im großen barocken Dom St. Stephan von Passau willkommen zu heißen. Die vielen hundert Menschen, die der Intendant der Europäischen Wochen begrüßte, hatten sich auf ein längeres Konzert eingestellt. Sie brachten Kissen, Decken, Thermoskannen, gut sitzende Kleidung und bequeme Schuhe mit, um eine ganze Nacht lang der Orgel lauschen zu können, die immer noch im Ruf steht, die größte zu sein, sich tatsächlich aber größte Domorgel der Welt nennen darf. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang hatten sechs Organisten aus sechs europäischen Ländern Gelegenheit, sich und das grandiose Instrument mit seinen 17.774 Pfeifen sowie vier Glockenspielen in Szene zu setzen. Im Publikum mischten sich schwarze Irokesenschnitte unter graue Dauerwellen, brave Scheitel und trendige Strubelfrisuren. Die Alterspyramide dieses Abends bildete überraschenderweise jeden Jahrgang ziemlich gleichmäßig ab.

Welche Spuren hinterlassen acht Stunden Musik mit über 40 verschiedenen Stücken aus 450 Jahren Orgelgeschichte? Um 5.31 Uhr ragte noch Einzelnes aus dem Klangmeer heraus, worunter sich keinesfalls nur die tönenden Kathedralen massiger Tuttistellen befanden, die jeder Musiker zumindest einmal hören ließ.
Vom bereits fern wirkenden Eingangskonzert mit Ludwig Ruckdeschel, dem Hausherrn, bewahrten sich die spröden, schillernden Klänge der Choralpassacaglia ,Die Sonn hat sich mit Ihrem Glanz gewendet‘, op. 61 von Karl Höller. Die vielen Klangfarben, die Ruckdeschel auf seinem Instrument erschuf, wirkten wie das delirierende Nachspiel zu einem schwülheißen Sommertag. Das Werk wuchs auf der Passauer Orgel zum faszinierenden Höhepunkt in Ruckdeschels Programm, in dem ansonsten eine kämpferische Toccata und Fuge d-moll, BWV 565 und eine schattenhafte ,Vater unser‘- Sonate, op. 65, Nr. 6 von Felix Mendelssohn auffielen. Es bedarf wohl der Vertrautheit eines Hausherrn, die Raffinessen dieser Orgel so wirkungsvoll in den Interpretationen aufzuheben, ohne sich als effekthascherisch zu demaskieren.

Der Österreicher Heribert Metzger sparte anschließend mit Wirkungsvollem. Sein Recital geriet lange zu pauschal und etwas uninspiriert, um für sich einzunehmen. Auch die vielgestaltige Phantasie über ,Wie schön leucht uns der Morgenstern‘, op. 40, Nr. 1 von Max Reger konnte kaum für die langweilige Partita ,Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael‘ von Johann Nepomuk David entschädigen.
In der Stunde nach Mitternacht polarisierte Ferdinand Klinda aus der Slowakei die Liebhaber französischer Orgelmusik mit Werken von Franck, Vierne und Alain. Zwar waren sie schön im französischen Orgelidiom registriert, doch verzichtete Klinda weitgehend auf Rubato, ja spielte geradezu metrisch. Exquise und Delikatesse waren nicht geboten, doch könnte man seine Interpretationen auch als Rückschau vom modernen Standpunkt des von ihm verehrten Olivier Messiaen verstehen. Mit drei Teilen aus dessen ,Méditation sur le Mystère de la Sainte Trinité‘ schloss Klinda sein Programm.

Aivars Kalejs aus Lettland machte es den immer noch einigen hundert Zuhörern anschließend nicht leicht, sich über den ersten Anflug des Schlafes zu retten. Denn die ,Hommage an Händel‘, op. 75b von Sigfrid Karg-Elert ist in ihrer ewig repetierenden meditativen Bewegung wahrlich nicht zur Erfrischung angetan. Die beiden orientierungslosen ,Due pezzi per organo‘ von Ottorino Respighi brachten ebenfalls keine Abwechslung. Die kam erst mit den schrullig witzigen Bearbeitungen dreier amerikanischer Kirchenlieder von George Shearing, die Kalejs mit hörbarem Genuss nicht ganz so ernst nahm. Mit ,Via dolorosa‘ zeigte der Organist, dass seine eigene Musik deutlich an der langsam flächigen Sprache eines Arvo Pärt orientiert ist – suggestiv, einfach, aber mit bezweifelbarem Entwicklungspotential.
Im Nachhinein fiel Kalejs jedoch weit gegen den nächsten Organisten ab: Ales Bárta aus Tschechien. Sowohl technisch als auch interpretatorisch war Bárta der überlegene Mann der Nacht und das zwischen 3.00 und 4.10 Uhr! ,Präludium und Fuge über B-A-C-H‘ von Franz Liszt brillierten durch klarste Artikulation der Läufe, packenden Zugriff auf die mächtige Architektur und leuchtende Registrierung. Qualitäten, von denen Werke Martinus, Brahms’ und Ebens genauso profitierten. Überwältigend jagte Bárta am Ende Milos Sokolas ,Passacaglia über B-A-C-H‘ über die Köpfe der mitgerissenen Hörer hinweg. Viel Beifall der gänzlich Aufgewachten.

Tomasz Adam Nowak aus Polen spielte dann bereits in den Tag hinein. Das Tageslicht, das im Verlauf seiner etwas schwerfälligen Interpretation von Bachs ,Präludium und Fuge G-Dur‘, BWV 550 durch die Fenster drang, wirkte wie ein ungebetener Eindringling in unserer verschworenen Gemeinde von immer noch ca. 250 Leuten. Bevor er mit einer äußerst gelungenen, lichten Improvisation den neuen Tag begrüßte, erschreckte Nowak mit den gewalttätigen Klängen von Henryk Góreckis ,Kantata‘, op. 26. Die bebenden Cluster, heftigen Ausbrüche und wummernden Bässe waren nicht unbedingt nach dem Geschmack des ermatteten und geläuterten Publikums.
Am Ende der achtstündigen Abgeschiedenheit herrschten schwer deutbare intensive Gefühle zwischen Glück, Leere und Zufriedenheit. Man hätte richtig durchstarten können, hätten einen die leidigen Giftstoffe im Blut nicht gezwungen, schleunigst ein flauschiges Bett zu finden.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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5. Passauer Orgelnacht: Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang

Ort: Dom St. Stephan,

Werke von: Felix Mendelssohn Bartholdy, Max Reger, Johann Nepomuk David, César Franck, Louis Vierne, Jehan Alain, Olivier Messiaen, Sigfrid Karg-Elert, Ottorino Respighi, Franz Liszt, Johann Sebastian Bach, Henryk Górecki, Karl Höller, George Shearing, Milas Sokola

Mitwirkende: Pankratz, Freiherr von Freyberg (Inszenierung), Thomas Adam Nowak (Solist Instr.), Ales Bárta (Solist Instr.), Ferdinand Klinda (Solist Instr.), Heribert Metzger (Solist Instr.), Ludwig Ruckdeschel (Solist Instr.), Aivars Kalejs (Solist Instr.)

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