> > > > > 24.06.2004
Donnerstag, 18. August 2022

Johannes Brahms

,Ein deutsches Requiem' mit dem Schönberg Chor

Großes vom ewig Kleingedruckten

Einstudierung: Erwin Ortner. Die drei kleingedruckten Wörter haben wohl alle schon einmal gelesen, die Aufnahmen großer Chorwerke unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt zu Hause haben. Erwin Ortner, der Chef des Arnold Schönberg Chores Wien, ist der ewig Kleingedruckte, dessen Ruhm zu großen Teilen dann die Großgedruckten einsacken; wie Harnoncourt, der fast immer mit dem Arnold Schönberg Chor zusammenarbeitet, was wiederum für dessen Leiter sprechen kann. Das Dreiländerfestival 52. Europäische Wochen Passau bot jetzt die Chance, den Chorleiter als Großgedruckten wahrzunehmen. Als Dirigent des ,Deutschen Requiems’ von Johannes Brahms stand er in der grandiosen Barockkulisse der Basilika des Klosters Niederalteich vor seinem Chor und dem Radio-Symphonieorchester Wien und begeisterte mit einer eigenwilligen, in Teilen geradezu phänomenalen Deutung von Brahms’ Totenmesse. Dabei ließ er keinen Zweifel daran, dass dieses Werk sich in erster Linie an die Hinterbliebenen wendet. Es ist keine Dies-irae-donnernde Schreckensvision des jüngsten Tages, die den Lebenden Furcht einjagen will. Es ist auch keine ewige Klage um den Verlust eines geliebten Menschen, sondern in weiten Teilen eine dem Mut aufhelfende Ode an das Leben mit viel lichtem Moll und hoffend traurigem Dur.

Entsprechend ist Ortner bereits im ersten Satz ,Selig sind, die da Leid tragen’ weniger einer, der weihevoll schwer zelebriert, als gelassen beschwingt singt. Dass er vom Chor aus denkt, verrät das ungemein sanglich fließende Thema in den tiefen Streichern. Weich, fast samten klingend und den weiten Hallraum auslotend kommen die Einsätze des Chores. Der Schönberg Chor setzt auf schlanke, mäßig vibratoreiche, agile Stimmen; besonders im Tenor und Bass ist dieser Hang zur jugendlichen Farbe auffallend. So hängt der Chor sein Hauptgewicht weniger zwischen wummernde Bässe und jubelnde Soprane, sondern legt es ausgewogen und homogen auf eine profilierte Mittelstimmendecke. Scharf akzentuierte Diktion oder Entäußerung lässt der Schönberg Chor nicht hören, auch wenn man sie sich in den leisen wie lauten Passagen des zweiten Satzes ,Denn alles Fleisch, es ist wie Gras’ vielleicht sogar gewünscht hätte. Was Brahms hier komponiert hat, macht auch als zäher Trauermarsch mit peinigender Pauke und grob auffahrenden Chorsalven Sinn, doch hätte sich das mit Ortners Gesamtkonzept kaum vertragen.

Die Akustik der lange nachhallenden Barockkirche, die viele Konsonanten und scharfe Akzente verschluckte, darf als Hauptschuldiger für die schwache Wortverständlichkeit keinesfalls unerwähnt bleiben. Optimale Wortdeutlichkeit zeigte der Bariton Jochen Kupfer, der seine Botschaft von der Kanzel herabpredigte. Kupfer begeisterte mit einer detailgenauen Interpretation, die eindeutig an intimem Liedgesang geschult ist, bei der jedes Wort Sinn machen muss und keinesfalls nur Tonträger sein darf. Sein sonorer, warmer Bariton machte jeden Satz zum Erlebnis. Nach seinen Worten ,Siehe, ich sage euch ein Geheimnis’ im vorletzten Satz rutschte man als Zuhörer gespannt auf die Kante der unbequemen Kirchenbank, um dieses Geheimnis nun tatsächlich zu erfahren. Keinerlei Geheimnis verbarg allerdings die Sopranistin Simone Nold. Sie präsentierte sich in jeder Hinsicht als Sophie aus dem Rosenkavalier, die sie unlängst an Covent Garden gab. Ihr Sopran klang spitz und mit einem Tremolo ausgestattet, der die Musik zu den biblischen Worten ,Ihr habt nun Traurigkeit’ ins niedlich Oberflächliche abgleiten ließ.

Dafür ließ Ortner anschließend seine Deutung von ,Denn wir haben hier keine bleibende Statt’ unter die Haut gehen. In ungewöhnlich schnellem Tempo, wie ein nervöser Herzschlag pochten die Worte, unterbrochen nur durch das Innehalten des Baritons. Schließlich wuchs sich der Satz zu einem veritabeln Sturm aus, der, vom Orchester massiv unterstützt, auf den gewaltigen Ausruf ,Hölle, wo ist dein Sieg’ zusteuerte. Dann, nach der triumphalen Wendung ins gleißende C-Dur, stürzte alles schockartig ins Nichts einer kammermusikalisch schlicht begonnenen Fuge ,Herr, Du bist würdig.’ So wirkte das vorangegangene Fortissimo durch deutliche Abphrasierung der langen Silben und totale Zurücknahme des Orchesters nachträglich noch bestürzender. Was folgte war Verdichtung der Polyphonie, doch nicht wie häufig bei Interpretationen des Requiems der neuerliche Versuch, Lautstärke und Wucht des Vorherigen noch einmal zu überbieten.
Eine exemplarische, hoch musikalische Deutung, der nach dem schlichten letzten Satz der starke Applaus des Publikums folgen musste.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Arnold Schönberg Chor/RadioSymphonieorchester Wien: Dirigent: Erwin Ortner

Ort: Basilika Niederalteich,

Werke von: Johannes Brahms

Mitwirkende: Arnold Schönberg Chor (Chor), Erwin Ortner (Dirigent), Radio Symphonieorchester Wien (Orchester), Jochen Kupfer (Solist Gesang), Simone Nold (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Europäische Wochen Passau

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