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Dienstag, 17. September 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Les Héroines de la Tragédie Lyrique

Vokales von Lully, Charpentier, Rameau und Leclair

Christoph Rousset und das von ihm 1991 gegründete Ensemble ‚Les Talens Lyriques’ sind längst keine Unbekannten mehr. Spezialisiert auf Vokalmusik des 17. und 18. Jahrhunderts hat man sich rasch in die erste Reihe der Originalklangensembles hineingespielt. Besonders mit Interpretationen französischer Opern dieser Zeit fiel das aus bemerkenswert vielen jungen Musikern bestehende Ensemble immer wieder positiv auf. Zahlreiche Preise und eine bereits beachtliche Reihe von CD-Produktionen belegen dies nachhaltig. Mit einem Programm voller Höhepunkte aus Bühnenwerken Lullys, Rameaus, Charpentiers und Leclairs machte das Ensemble unter seinem Chefdirigenten Rousset und der Sopranistin Salomé Haller nun bei den Dresdner Musikfestspielen halt.

In einer erschreckend leeren Semperoper präsentierten sie unter dem Titel „Les Héroines de la Tragédie Lyrique“ ein Programm, das exemplarische Stationen der Entwicklung französischen Musiktheaters von der höfischen Kunst Ludwigs des XIV. bis unmittelbar vor Glucks Reformbestrebungen nachzeichnete; immerhin einen Zeitraum von über 80 Jahren. In dieser höchst unterhaltsamen Lehrstunde wächst das Bewußtsein für die gewinnende Farbigkeit des Orchestersatzes, für die Bemühungen um eine Auflösung des schematischen basso continuos, für die Experimente, die Nummernorganisation der Opern bruchloser zu gestalten, rezitativisches und arioses zusehends enger aneinander zu binden. Eine schleichende Reform der dramatischen Gestaltung sozusagen, die vor der großen und nachhaltigen, formalen und inhaltlichen Reform Glucks stattfand.

Salomé Haller, die gefeierte französische Sopranistin, ist seit einigen Jahren, durch ihre Zusammenarbeit mit führenden Interpreten und Orchestern der sogenannten Originalklangbewegung, wie René Jacobs oder dem Concerto Köln, zu einer der faszinierendsten Spezialistinnen barocken Operngesanges geworden. Sie ist in der Lage mit einer Handbewegung ganze szenische Situationen darzustellen, ihre stimmlichen Möglichkeiten scheinen zudem kaum Grenzen zu kennen. Mit bruchlosem, vollem Sopran gleitet sie mühelos durch die Register, hat eine ebenso vollklingende, gut projizierende Tiefe wie markante, intonationssichere Höhe. Die Stimme ist flexibel geführt, in Koloraturläufen ebenso sicher wie in dramatischen Ausbrüchen oder Momenten lyrischer Innigkeit. Marc-Antoine Charpentiers großer Heroine Medea verleiht sie dabei mit leichten Einfärbungen ihrer Stimme ebenso charakteristische Persönlichkeit wie den Verführungskünsten von Lullys Armida oder den mythischen Figuren Rameaus. Ja, zuletzt weiß sie in einer Zugabe aus Rameaus ‚Platée’ selbst noch mit rasenden Koloraturen komische Akzente zu setzen. Eine insgesamt atemberaubende und jede Sekunde fesselnde Darbietung die Maßstäbe setzt.

Christoph Rousset und sein Instrumentalensemble haben es da nicht leicht mit eigenen Akzenten Kontrapunkte zu setzen. Dies gelingt ihnen jedoch in den instrumentalen Stücken des Programms vortrefflich, wenn die Virtuosität der Spieler in den Vordergrund treten darf. Der schlanke Klang von ‚Les Talens Lyriques’ ist ungewöhnlich variationsfähig, da gibt es kein eingefahrenes Interpretationsschema, sondern jedes Stück hat seinen eigenen Charakter, stets überraschen neue Akzente im Klangbild und immer wieder bestechen die rhythmischen Wechsel, die Harmonieverschiebungen und die solistischen Passagen. In den vokalen Opernszenen hingegen ist die dramatische Gestaltung oberste Direktive: Von lautmalerischen Elementen bis hin zu Affektschilderungen ist die Klangsprache des Ensembles in seiner Originalität mitreißend, die Begleitfiguren haben dabei stets ein Eigenleben und werden nie zu monotonen Anhängseln degradiert. Die Melodieentfaltung entwickelt sich immer im Bezug zur Singstimme, steht im Dialog mit ihr, bereitet ihren Einsatz vor oder kommentiert sie. Ein musikalisches Miteinander in höchster Vollendung, gerade auch weil es nie zum Selbstzweck wird, sondern immer dramatisch gedacht erscheint.

Ein von der relativ kleinen Gemeinde der Besucher, die den Weg in die Semperoper gefunden hatten, heftig gefeiertes und bejubeltes Konzertereignis, das Dresden mit seinen vielen, lokalen Barockensembles zeigte, wo internationale Maßstäbe anzusetzen sind. Bitte mehr davon!

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Kritik von Uwe Schneider



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Les Talens Lyrique : Salomé Haller / Christophe Rousset

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Jean Baptiste Lully, Marc- Antoine Charpentier, Jean-Philippe Rameau

Mitwirkende: Christophe Rousset (Dirigent), Jean-Marie Leclair (Orchester), Salomé Haller (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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