> > > > > 21.05.2004
Montag, 18. Oktober 2021

Kulturpalast Dresden, Copyright: Mister No

Kulturpalast Dresden, © Mister No

Das BBC Symphony Orchestra zu Gast in Dresden

Spektakuläres vor leeren Rängen

Obwohl die Dresdner Musikfestspiele seit Jahren unter dem Etikett eines Mottos betrieben werden und eine Untergliederung in verschiedene Reihen existiert, lässt sich ein grosser Teil der Veranstaltungen (in diesem Jahr sind es um die 120) auch mit viel Wohlwollen diesen Vorgaben nur schwerlich zuordnen. Das Festival hat es in der Folge seit jeher schwer, sein Publikum zu finden. So gibt es, neben vollen, meist von lokalen Größen bestrittenen Programmen, auch immer wieder Veranstaltungen, in denen internationale Spitzenensembles und –solisten, vor halb leeren Sälen auftreten müssen. Zu lange hat man auf eine touristische Vermarktung gesetzt und dabei das eigene Publikum hinten angestellt, nicht angesprochen und nicht erzogen. Dass der Sinn des Festivals daher immer wieder ins Gerede kommt, ist objektiv betrachtet nicht verwunderlich. Eine grundlegende Neukonzeption der Festspiele, die sich Neuem öffnet und die alten Bahnen des Traditionalismus’ verläßt und damit neue Publikumsschichten anspricht, wäre vielleicht überlegenswert.

Das BBC Symphony Orchestra London, war dieses Jahr das erste internationale Gastensemble, das bei den Dresdner Musikfestspielen auftrat - dies vor einem bestenfalls halbvollen Saal des Dresdner Kulturpalastes. Dabei hatten sie mit ihrem Chefdirigenten, Leonard Slatkin, ein höchst spannendes - und wie es für das Orchester typisch ist, Moderne und Tradition verbindendes Programm im Gepäck, sowie mit dem international gefeierten, schwedischen Posaunisten Christian Lindberg einen Solisten der Sonderklasse.

Den Auftakt bildete eine äußerst konzentriert und mitreißend vorgetragene Lesart von Samuel Barbers zweigeteiltem, aber einsätzigem Orchesterwerk „Medea’s Meditation and Dance of Vengeance“. Diese aus einer Ballettmusik gewonnene Studie, brachte gleich zu Beginn die Qualitäten des BBC Symphony Orchestras exemplarisch zur Entfaltung: den warmen, transparenten Klang der Streichergruppen, die rhythmische Präzision des gesamten Orchesterapparates, der den rasch wechselnden Metren und explosionsartigen Variationen mühelos folgt. Der gesamte Spannungsbogen wird dabei keinen spektakulären Orchestereffekten geopfert, stets ist man sich der Gesamtkonstruktion dieser, trotz ihrer Wucht auch filigranen Partitur Barbers bewußt.

Dann betrat Christian Lindberg das Podium, dessen Persönlichkeit mit dem ganzen Körper schon die Musik antizipiert, bevor auch nur ein Ton erklungen ist. Eine fesselnde Kraft, die sofort auf das Publikum überspringt. Ausgewählt hatte er zwei sehr gegensätzliche zeitgenössische Kompositionen, die beide für ihn entstanden sind und die in einem dialogischen Entstehungszusammenhang stehen: Toru Takemitsus „Fantasma/Cantos“ (1994) und Mark-Anthony Turnages „Another Set To“ (2000). Das langsame, ruhig dahinfließende und sich nahezu unmerklich weiterentwickelnde Stück Takemitsus spielt mit den Klangfarben und Blastechniken der Posaune, variiert den Ton über den Gebrauch verschiedener Dämpfer und Klangfarbenkombinationen mit dem Orchester. In der Zurückgenommenheit des Materials und seiner Durchführung liegt hier die ungeheuere Suggestivkraft dieses Werkes, das in Annäherung an die Liedform visionäre Klanglandschaften kreiert. Dem gegenübergestellt wurde das auf Anregung Takemitsus entstandene, überschwengliche Werk von Turnage, das als bewußter Kontrast zu den lyrisch-ruhigen Linien es ersten Werkes konzipiert worden ist. So bilden beide Werke eine Einheit der Gegensätze. Turnages jazzbetontes und mit Bluesharmonien liebäugelndes Virtuosenstück für Lindberg macht aus der Posaune ein plapperndes, in Gegenrede zum Orchester befindliches Artikulationsmedium. Genußvoll werden tonale und harmonische Reibungen ausmusiziert, wird die große Geste der eröffnenden Posaunenkadenz zelebriert, wird gekonnt zwischen den Stilen variiert um schließlich in eine scheinbar tumultartige Stretta zu münden, deren Virtuosentum bei Orchester und Solisten atemberaubend ist. Ein Triumph für Komponisten, Solist, Orchester und Dirigent auf ganzer Linie, der (wieder einmal) zeigt wie mitreißend, faszinierend zeitgenössische Musik sein kann. Angesichts solcher Erfolge ist es erstaunlich, dass das immer wieder angemerkt werden muss.

Im zweiten Teil des Konzertes erklang eine überwältigende Interpretation von Antonín Dvoraks viel zu selten gespielter sechster Sinfonie in D-Dur. Zu Unrecht nimmt dieses Opus in der Popularität einen Platz hinter der achten und neunten Sinfonie Dvoraks ein; findet man in diesem Werk doch bereits alles, was Dvoraks auszeichnet: wie die groß angelegte, weit auslandende Gesamtkonzeption, die charakteristisch von einander abweichenden, zugleich aber thematisch eng miteinander verbundenen Sätze, die ideenreiche Verarbeitung des Einflusses böhmischer Volksmusik oder die brillante Instrumentationskunst Dvoraks. Leonard Slatkin erwies sich dabei einmal mehr als großartiger Gestalter komplexer Zusammenhänge. Virtuos leuchten die Soloinstrumente aus dem bestätigen Wechsel der instrumentalen Register des Orchesterapparates heraus. Akzentuiert wird der metrisch interessante Furiant des Scherzos in Kontrast zu den ausladenden und melodiebetonten Variationen des Adagios gestellt, um schließlich mit phänomenaler Steigerung aus den großangelegten Durchführungsteilen des Finalsatzes in äußerster klanglicher Transparenz in die temperamentvolle Coda der Sinfonie zu münden. Großer Jubel für ein außergewöhnliches Konzert – das bislang den Höhepunkt der Dresdner Konzertsaison 2004 markiert.

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Kritik von Uwe Schneider



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BBC Symphony Orchestra: Lindberg/Slatkin

Ort: Kulturpalast,

Werke von: Samuel Barber, Toru Takemitsu, Mark Anthony Turnage, Antonín Dvorák

Mitwirkende: Leonard Slatkin (Dirigent), BBC Symphony Orchestra (Orchester), Christian Lindberg (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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