> > > > > 16.09.2008
Sonntag, 15. September 2019

Felix Mendelssohn Bartholdy

Pointenreiche Interpretationen

Musikalische Edelsteine

Das Nürnberger Kammermusikfestival hat nichts von seinem Elan und seiner Attraktivität eingebüßt. Mit einer Mischung aus Vertrautem und Rarem hat sich das zu frühherbstlicher Zeit stattfindende Festival längst einen Namen gemacht. Jung, dynamisch, aktuell – so nahm sich das stimmungsvolle Programm im Liederabend im Katharinensaal aus. Akustisch ist das Ambiente wohl kaum ein Wunderkabinett, vor allem wenn die Interpreten die dynamische Steuerung überziehen. So wurden die turboartig sich hoch schraubenden Fortissimi von Ben Johnson von den akustischen Wänden arg verzerrt reflektiert. Wenigstens durchmaß Johnson das Strömende und Fließende in einer Auswahl von fünf Liedern Franz Schuberts niveauvoll. Andrew West erwies sich eher als vorlauter Partner.

Das sehr gut besuchte Konzert warf auch ein Licht auf die kompositorische Vielschichtigkeit von Maurice Ravel. In ‘Don ‘Quichotte à Dulcinée’ offenbarte sich in der Wiedergabe durch den Bariton Roderick Williams und den spürsinnig begleitenden Andrew West, wie sich in Ravels letztem, l932 entstandenem Werk – initiiert durch ein nicht zustanden gekommenes Filmprojekt mit Fjodor Schaljapin – die Musik nicht im kulinarisch feinädrigen Nachformen von Linien erschöpft, sondern emotionale Tiefen berührt. Roderick Williams brachte die spanischen Folklore-Elemente trefflich zur Wirkung, beleuchtete zugleich den asketisch späten Stil Maurice Ravels.

Ganz anders nahm sich die Stimmungslage bei Gabriel Fauré aus. Mit leuchtender Melodik, artikulatorisch perfekt im Sprachduktus, interpretierte Rebecca Martin drei Lieder Gabriel Faurés – ein kammermusikalisch inspirierter Traditionalist unter den vom ‘wagnérisme’ angesteckten Revolutionären. Dass die Musik von Francis Poulenc Witz und Humor, aber auch eine ganz spezifisch gallische Leichtigkeit, kurzum Charme und Esprit offenbart, dafür investierte Rebecca Martin viel Differenzierungskunst. Rhythmisch pikant, launig, zärtlich, so tönte es aus Banalités, aus den keck sprudelnden Liedkompositionen wie’Voyage à Paris’, ‘Hotel’ ‘Fagnes de Wallonie’ und ‘Sanglots’. 

 Das Duo Williams/West öffnete vor der Konzertpause Geheimnisse berührender Liedkunst mit Robert Schumanns ‘Dichterliebe’. Eine Interpretation voller Wärme, kraftvoll in der Emphase, prägnant in den dynamischen Kontrasten, doch in der Lyrik zu wenig geschmeidig durchgeformt. Das Publikum spendete großen Beifall.

Mit Mendelssohns d-Moll Trio op.49 führten der Geiger Jan Peter Schmock, Pierre Doumenge (Cello) und der mit pianistischen Geläufigkeiten reichlich beschäftige Nicholas Rimmer Wohlklang, Sensibilität und musikantische Kraft vor – ein durchwegs homogener Trio-Klang. Ohne Forcierungen machten die Streicher deutlich, welche Bedeutung für sie das Gleichgewicht im Musikalischen besitzt. Hörvergnügen bereitet das leichtfüßig sommernächtlich dahin huschende Scherzo. Da fühlte man wie sich die Geisterwelt leicht in die Lüfte hob, was Schwester Fanny ja so kommentierte’…’Ja man möchte selbst einen Besenstil zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu folgen’.

Allzu selten ereignen sich in den kammermusikalischen Reihen Konzerte in reiner Quintett-Besetzung. Das Camille Saint-Saens gewidmete, l878/l879 komponierte, motivisch-thematisch zu einer Einheit verschmolzene Klavierquintett von César Franck entpuppte sich als Gebilde von virtuos-konzertantem Anspruch. Da sprudelte der Spielwitz, wenn sich im Kopfsatz expressiv, rhythmisch scharf punktiert das Geschehen entwickelt, große Intensität annimmt, ruhevoll die Idylle im zweiten Satz vorüberzieht und eine effektvoll sich steigernde Coda das Werk zu Ende führt. Die Interpreten (Vesna Stankovic, Thomas Gould, Nicolas Barr, Pierre Doumenge und Andrew West) blieben weder Kontraste noch vibrierende rhythmische Impulse schuldig.

Die rassige Rhapsodie für Solovioline und Begleitung ‘Tzigane’ von Maurice Ravel erwies sich zu Beginn des Konzertes als Muntermacher für die Zuhörer. Pizzicati, Flageoletts, zigeunerhafte Tonlagen, akkordische Gemeinheiten so richtig zum Mitfiebern. All das setzte Vesna Stankovic (am Flügel Andrew West) mit markigem Ton, trefflicher Disposition des Bogens und akkurater Griffhand virtuos in Szene. Doch für die listige Persiflage eines Zigeunerprimas hätte man sich doch ein wenig mehr klangliches Raffinement gewünscht.

Kritik von Prof. Egon Bezold



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7. Internationales Kammermusikfestival Nürnberg: Musikalische Edelsteine

Ort: Kaiserburg,

Werke von: Franz Schubert, Maurice Ravel, Gabriel Fauré, Francis Poulenc, Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, César Franck

Mitwirkende: Rebecca Martin (Solist Gesang), Roderick Williams (Solist Gesang)

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Detailinformationen zum Veranstalter Festival Kammermusik Bodensee

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