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Montag, 18. Oktober 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Ein altbewährtes Erfolgsrezept

Mozartschönklang

Schön war es, wirklich schön. Die Academy of St. Martin in the Fields kam zu den Dresdner Musikfestspielen, hatte Murray Perahia als Solisten und Dirigenten dabei und spielte Mozart und Bach, wie wir sie seit Jahrzehnten von diesem Ensemble kennen. Ja, wirklich schön klingt das, wenn keine irritierenden Ruppigkeiten, Dissonanzen oder Kanten zu vernehmen sind, wenn alle Orchesterinstrumente ein gemeinsames Leben zu führen scheinen, wenn Mozart rund und brav klingt.

Spätestens seit den 1970er Jahren hat die Academy (meist unter Sir Neville Marriner) vor allem den Plattenmarkt dominiert, ja fast überschwemmt. Sie gehören zu dem Ensemble mit den meisten Aufnahmen überhaupt; entscheidend haben sie so unsere ästhetischen Hörgewohnheiten seit über dreißig Jahren entscheidend mitgeprägt.

Man weiß nicht recht, ob man die Naivität mit der das Ensemble – selbstverständlich in höchster Qualität – weiterhin seinem soften, romantisierenden Klangideal treugeblieben ist, bewundern oder belächeln soll. Wie nun in Dresden Mozart und Bach zelebriert wurden, erweckte den Eindruck, als ob sich in den letzen beiden Jahrzehnten nichts, aber auch gar nichts an (historischer) Aufführungspraxis, an ästhetischen Entwicklungen und interpretatorischen Neuansätzen getan hätte. Als ob Mozart und Bach noch immer so klingen müßten, dass sie jederzeit problemlos einer Filmromanze oder einem Werbeclip unterlegt werden könnten. Natürlich hat dieser Sound seine aus der Tradition des 19. Jahrhunderts gewachsene Legitimation. Ob es heute aber wirklich noch bewegende oder gar aufregende Interpretationen hervorzubringen vermag, sollte man fragen dürfen. Dass es wenig damit zu tun hat, wie Mozart oder gar Bach ihre Werke klanglich konzipiert haben, dürfte mittlerweile allerdings unstrittig sein.

So bot das Londoner Kammerorchester also einen auf vollem, sattem und vibratoreichem Streicherklang gebetteten Mozart. Zu Beginn das selten gehörte „Adagio und Fuge c-Moll KV 564“ für Streichorchester von 1788. Murray Perahia am Pult formte souverän den großen Bogen des einleitenden Adagios und die an Bach und Händel geschulte Fuge, bei der allerdings die Akzente im Streicherteppich verwischten. Wesentlich besser strukturiert und abwechslungsreicher gelang das vom Klavier aus geleitete C-Dur Klavierkonzert KV 467. Auffallend die Diszipliniertheit der einzelnen Instrumentalgruppen, das Aufeinanderhören und Miteinandermusizieren. In den besten Momenten entstand hier eine Dynamik des Spielens, die sich quasi von Phrase zu Phrase selbst anstieß und homogen auseinander hervorwuchs. Perahias weicher, unaufdringlicher Anschlag gliederte sich diesem Geschehen nahtlos ein: Virtuosentum wurde hier deutlich dem Gesamtklang untergeordnet, selbst die kurzen Solokadenzen hoben sich davon nicht ab. Dass Perahias außerordentliche technische Fertigkeiten außer Frage stehen und er mit seinem Spiel wie mit seiner gesamten Persönlichkeit zu faszinieren weiß, ist hinlänglich bekannt und beschrieben worden und bedarf kaum noch der Erwähnung. Wie sehr er seine Klangvorstellungen in den Dienst der Academy stellte und sich zum Teil des Orchesters machte, konnte hingegen schon überraschen.

Besonders deutlich wurde dies beim romantisierend vorgetragenen d-moll Cembalokonzert von Johann Sebastian Bach (BWV 1052), das – selbstverständlich, möchte man fast sagen –, wie der Mozart, auch auf dem Steinway gespielt wurde und mit soft-aufgeblähter basso continuo-Begleitung der Streicher unterlegt, Assoziationen zu CDs mit Titeln wie „Romantic Love Dreams“ wachrief. Dies alles im Kontrast zu Perahias stupenden Läufen und Verzierungen, bildet ein fragwürdiges Konzept, das einzig auf bedingungslosen ‚Schönklang’ ausgerichtet ist.

Die abschließende Es-Dur Sinfonie Mozarts (KV 543) repetiert all das nochmals und setzte folglich auch keine neuen Akzente mehr: die überdeutlichen Strukturen, die begradigten Begleitfiguren, die abgeschliffenen Irritationen im Orchestersatz, die Unterordnung des Eigenlebens der Soloinstrumente in den Gesamtklang. All dies, das sei eigens noch mal bemerkt, auf höchstem spieltechnischem Niveau und innerhalb der eigenen Klangkonzeption schlüssig und virtuos vorgetragen. - Das Publikum in der vollbesetzten Semperoper bekam was es erwartet hatte und reagierte mit viel Applaus und Begeisterung, die allerdings auch schnell enden wollte.

Schön war’s eben, wirklich schön. Aber Mozart und Bach sind viel aufregender. Das wissen wir inzwischen.

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Kritik von Uwe Schneider



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Academy of St. Martin in the Fields: Murray Perahia - Mozart/Bach

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Murray Perahia (Dirigent), Academy of St. Martin in the Fields (Orchester), Murray Perahia (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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