> > > > > 24.09.2008
Donnerstag, 18. August 2022

Mailand feiert John Zorns neues Meisterwerk

Ein Lied der Lieder

‘I think that the music that my generation is doing is really rootless in a lot of ways, because we listened to a lot of different kind of music from an early age (...) and as a result we don’t really have a single home.’ (John Zorn)

Die New Yorker Presse hat John Zorn kürzlich zum ‘letzten großen jüdischen Mystiker’ erkoren, ihn in Traditionen mit Arnold Schönberg, Gershom Scholem und Daniel Libeskind gestellt und doch betont, dass ‘seinem’ Judentum ein neues Bewusstsein, einer neuen Generation innewohnt, das sich grundlegend von der Nachkriegsgeneration unterscheidet. John Zorn (*1953) gelang der internationale Durchbruch Anfang der 80er Jahre als er als Komponist, Bandleader und vom Free Jazz inspirierter Saxophonist eine neue New Yorker Avantgarde begründete. Anthony Braxton oder Ornette Coleman, Karlheinz Stockhausen und John Cage waren wichtige Einflüsse auf seinem Weg zu einem grenzenlosen Musikdenken, das alsbald auch Elemente aus Folk, Pop und Filmmusik integrierte. Spätestens mit der Gründung des eigenen Labels Tzadik widmete sich Zorn jedoch zunehmend dem, was er unter einer ‘Radical Jewish Culture’ verstand, und heute eine Schlüsselrolle in seinem Werk und Output einnimmt. Sein aktuellstes Werk ‘Shir ha-Shirim’ markiert auf diesem Weg einen vorläufigen Höhepunkt.

Im Mailänder Teatro degli Arcimboldi feierte das zweiteilige Konzert im Rahmen des renommierten MITO-Festivals eine bewegende Europapremiere. Shir ha-Shirim wurde zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israels in Auftrag gegeben und basiert auf dem ‘Hohelied Salomons’, wie es Martin Luther einst in die deutsche Sprache übertrug. Shir ha-Shirim – zunächst wörtlich das ‘Lied der Lieder’, oder lateinisch der Canticum Canticorum – war Teil des Megillot in der hebräischen Bibel und wird bis heute zum Pessach gelesen. Zwischen Mystik und Erotik gehört es zu den erstaunlichsten religiösen Texten, und hat durch seine Poesie seither unzählige Künstler zu Vertonungen oder szenischen Adaptionen inspiriert. John Zorn, der stets betonte, dass er ‘(...) not religious, but interested in everything that has to do with Jewish thinking’ sei, war wohl besonders an dieser allegorischen Spiritualisierung einer wohl altägyptischen oder syrischen Volkslyrik interessiert, die im Kern seiner antiakademischen Musikphilosophie stark entgegen kommt. ‘Nicht obwohl, sondern weil das Hohe Lied ein ‘echtes’, ein weltliches Liebeslied war, gerade darum war es ein echtes ‘geistliches Lied (...)’, schrieb bereits Franz Rosenzweig in seinem ‘Stern der Erlösung’ und sicher hat Zorn dies ganz ähnlich aufgefasst.

Mit seinem Shir ha-Shirim hat er eine profane Musik mit einem quasi-profanen Text auf eine sakrale Sphäre gehoben. Im ersten Teil des Werkes wird ein ‘Material’ – ein ‘jüdisches Wissen’ – präsentiert, das rein instrumental, noch nicht die ‘Macht des Wortes’ verkünden möchte. Man kann diesen ersten Akt als eine lange Introduktion begreifen, in dem auf den zweiten, wichtigeren Teil eingestimmt werden soll – analog zu liturgischen Praktiken und Zeremonien. Zorn dirigiert von seinem Stuhl aus behutsam, aber äußerst aufmerksam ein exzellentes, kammermusikalisches Ensemble, bestehend aus Gitarre (Marc Ribot), Harfe (Carol Emanuel), Kontrabass (Greg Cohen) und Vibraphon (Kenny Wollesen). Die Präzision der ‘komponierten Improvisationen’ ist atemberaubend. Nach der Premiere im Abrons Arts Center in New York am Anfang des Jahres ist das Ensemble noch weiter zusammen gewachsen und verkörpert nun in Perfektion den einen, von Zorn intendierten Klangkörper. Die Timbre der einzelnen Instrumente nähern sich immer wieder subtil aneinander an, überlagern sich und erzeugen ein ‘Sfumato’, das zur Tiefenstruktur des Werkes beiträgt. Wie in einem Palimpsest lagert Zorn seine jüdischen Melodien und Harmonien Schicht für Schicht übereinander. Ergebnis ist eine historisch, wie künstlerisch beeindruckende Deutung und Fortführung einer heute fast vergessenen jüdischen Musikkultur.

 Doch John Zorn wäre nicht John Zorn, wenn er nicht diese ‘Schönheit’ umgehend in Frage stellen würde. Mit der Adaption des Hoheliedes wird aber zugleich eine Ebene erreicht, die sehr treffend von Edmond Jabès als das Kernproblem alles jüdisch-künstlerischen Ausdrucks formuliert wurde: der Jude stellt keine Fragen, er ist selber zur Frage geworden – und kein Komponist könnte sich wohl klarer über diese Situation sein als John Zorn selbst. Sein Avantgarde-Club ‘The Stone’ in der New Yorker Lower East Side war einst der Hafen für jüdische Immigranten in Amerika, doch die Öffnung, die stets fester Bestandteil jeder kosmopolitischen jüdischen Intellektuellenszene war, führte Zorn alsbald hinaus in die weite Welt, ließ ihn verschiedenste Musikkulturen studieren und brachte ihn 1998 sogar nach Bayreuth zu den Festspielen - wohlweislich an einen Ort, an dem schon seit langem viel mehr zur Frage geworden war, als seine eigene Künstlerexistenz.

Die Frage die Shir ha-Shirim stellt, fällt einher, mit dem, was sie ist. Wir hören im wortwörtlichen Sinn ein ‘Lied der Lieder’, eine Musik die vielschichtiger nicht sein könnte. Ein fünfstimmiger Chor, die ‘Töchter Jerusalems’, werden begleitet von den beiden New Yorker ‘Sprechstimmen’: Lou Reed und Laurie Anderson. Schönberg trifft hier auf Steve Reich und auch ein wenig Velvet Underground mag noch mitschwingen, doch immer ist auch Zorns markanter Personalstil heraus zu hören. Zorn dirigiert mit der Übersicht und Eleganz eines Boulez – einem der Patronen des MITO-Festivals, und vermittelt auf subtilste Weise die Ungenauigkeit in Einsatz und Artikulation Lou Reeds mit der präzisen, durchkomponierten Artikulation des polyrhythmischen Chores. Den Sprechstimmen kommt das Wort, die Schrift und der heilige Text zu, dem Chor die Stimme als Phänomen, wie sie als Ursprung am Anfang jeder abendländischen Musik steht. Auch hier hat Zorn auf wunderbare Weise ein Paradox artikuliert und in seinem Werk zusammengeführt. Was Jacques Derrida in seinem Buch ‘Schibboleth, pour Paul Celan’ als ‘Différence’ formulierte, liegt auch in John Zorns Shir ha-Shirim als Frage und Antwort zugleich für uns offen. Es ist der immanente Widerstreit einer Kultur, die Erkenntnis der Unmöglichkeit sich selbst zu sein und die Erfahrung über die messianischen Kraft der künstlerischen Metapher. Hierin ist Zorn wahrhaft ein letzter großer jüdischer Mystiker.

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Kritik von Toni Hildebrandt



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