> > > > > 03.09.2008
Freitag, 22. Januar 2021

1 / 2 >

Liederhalle Stuttgart, Copyright: Pjt56

Liederhalle Stuttgart, © Pjt56

Jewgenij Koroliov beim Europäischen Musikfest

Schach den Emotionen

Das Unterfangen, die große Trias der letzten Klaviersonaten Beethovens an ein und demselben Abend vorzutragen – und noch dazu ohne Pause durchzuspielen! –, darf man getrost vorab schon als kühn bezeichnen. Nichts weniger hatte sich der russische Pianist Jewgenij Koroliov im Rahmen des in diesem Jahr unter dem Motto ‘Vollendet unvollendet’ stehenden Europäischen Musikfests in Stuttgart vorgenommen. Der Abend selbst stand seinerseits, in Anlehnung an die Bezeichnung des Schlusssatzes der E-Dur-Sonate, unter dem Motto ‘Mit innigster Empfindung’ – eine Losung, auf die später noch einmal zurückzukommen sein wird.   

Vornehmlich für Furore gesorgt hat Koroliov in der Vergangenheit – und auch in jüngster Zeit erst wieder – mit Recitals und Einspielungen barocker Klavierliteratur, darunter schwerpunktmäßig die Werke Bachs, für die ein besonderes Faible zu hegen er denn auch freimütig bekennt. Wer ihn in derlei Hinsicht, sei es live oder auf Platte, schon gehört hat, weiß, auf welch beeindruckende Art und Weise Koroliov es versteht, die Strukturen mehrstimmiger Kompositionen herauszuarbeiten und mit stimmlicher Transparenz zu erfüllen.

Nun gut, mag man an dieser Stelle zunächst sagen: An polyphonen Elementen ist der ‘finale Gipfel’ des Beethovenschen Sonatenschaffens bekanntlich wahrlich nicht arm. Doch genau die besagte, andernorts so effektive, rational-nüchterne Lesart des – sicherlich nicht zufällig – in seiner Freizeit passionierten Schachspielers Koroliov wird hier zum Problem. Denn eine solche, betont analytische Sichtweise verträgt sich mit der Interpretation dieser, die Schwelle zur Romantik wohlgemerkt bereits überschreitenden Werke nur begrenzt. Von Anfang an mangelt es Koroliov zwar nicht an einem kraft- und ausdrucksvollen Ton in den vollgriffigen, eruptiven Passagen. Doch scheint es im Übrigen allzu oft, als wolle er die Aspekte und stilistischen Ansätze seines Bachspiels um jeden Preis in das späte Klavierwerk Beethovens implantieren. Fast sorglos spielt er über die Phrasen emotionaler Verinnerlichung, mit denen gerade diese Sonaten regelrecht gepflastert sind, ein ums andere Mal hinweg. Nur selten holt er – seine Interpretation buchstäblich der ‘pausenlosen’ Vortragsfolge angleichend – einmal Atem, um sich wirklich in die geistigen Untiefen dieser pianistischen Vermächtnisse zu versenken. Wiederholt gewinnt man dabei beinahe den Eindruck, als kämen unter einem Mezzoforte angesiedelte klangliche Farbskalen in der Palette seines Anschlagsrepertoires gar nicht vor. 

Dass Koroliovs Spiel bei oftmals so nüchterner, unterkühlter Sachlichkeit und Tendenz zur Unrast indessen auch andere, teils sogar ganz erstaunliche Effekte zeitigt, sollte man demgegenüber keineswegs verschweigen; ist dies doch gewissermaßen die positive Kehrseite seiner interpretatorischen Herangehensweise: Auf diese Art gelingt es ihm nämlich, Stimmen hörbar zu machen, die man sonst bei der Interpretation dieser Werke selten bis noch überhaupt nicht wahrgenommen hat. Indem er die Grundarchitektur dieser Werke gleichsam – ausdrücklich im wohlmeinenden Wortsinn! – ‘atomisiert’ und ihre kompositorischen Strukturen bis auf die Grundmauern freilegt, bleibt nahezu kein strukturelles und formgebendes Detail auf der Strecke. Und vereinzelt brechen sich im Lauf des Abends, so etwa im Finalsatz der As-Dur-Sonate oder in der Arietta des Opus 111 auf dem Weg hin zum Anheben des gefürchteten ‘Endlos-Trillers’, dann doch auch noch Momente von hoher musikalischer Intensität und Tiefgang Bahn, in denen Koroliov in die Abgründe beethovenschen Seelenlebens tatsächlich abzutauchen vermag.

Dem einleitend erwähnten Untertitel seines Recitals wird er an diesem Abend insgesamt jedoch nicht wirklich gerecht. Oder um als Fazit noch einmal das Motto der gesamten Veranstaltungsreihe aufzugreifen: Rational vollendet – emotional unvollendet.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Klavierabend Jewgenij Koroliov: Unvollendete Vollendung

Ort: Liederhalle,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Evgeni Koroliov (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Musikfest Stuttgart

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2020) herunterladen (2399 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (1/2021) herunterladen (2400 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Theodore Dubois: Quartet in A minor - Allegro leggiero

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich