> > > > > 30.05.2004
Dienstag, 29. September 2020

Carl Maria von Weber

„Oberon“ konzertant in Dresden

C. M. von Webers fast vergessenes Meisterwerk

„Das Glänzende und Rührende eines solchen Triumphes ist nicht zu beschreiben“, schrieb der schon todkranke Carl Maria von Weber 1826 aus dem fernen London, vom Erfolg seiner neuesten – und letzten – Oper, „Oberon or the Elf King’s Oath“, berichtend, an seine Frau in Dresden: „Wie ich ins Orchester trat, erhob sich das ganze überfüllte Haus, und ein unglaublicher Jubel, Vivat- und Hurra-Rufe, Hüte- und Tücherschwenken empfingen mich und war kaum wieder zu stillen“. Es war der vielleicht größte Erfolg Webers. Man sollte meine, dass sich ein solcher Erfolg eines bis heute bekannten und für die deutsche Frühromantik bedeutenden Komponisten im Repertoire hätte halten können. Doch weit gefehlt. „Oberon“ ist eine jener Opern die musikgeschichtlich bekannter sind als es die Aufführungszahlen belegen würden.

Bis heute verkennt man immer wieder den Charakter dieser ‚Großen romantischen Feenoper’, die eben nicht den klassischen dramaturgischen Strukturen der Zeit gehorcht, sondern vielmehr ein Ausstattungsstück mit exotischen Schauplätzen, vielen Szenenwechseln (immerhin 13 Bilder), überraschenden Wendungen, Bühneneffekten und mancherlei Theaterzauber mehr ist. Etwas, das nicht so recht ins Konzept der großen deutschen Oper passen wollte, und so sind Aufführungen des „Oberon“ stets von Bearbeitungen geprägt, die nicht selten das Werk verschlimmbessern. Die – übrigens ursprünglich englischsprachige – Urgestalt des Werkes hat man kaum je gehört. Es verwundert, daß die Originalklangorchester, die sich mittlerweile weit ins 19. Jahrhundert vorgewagt haben, dieses Werk noch nicht für sich entdeckt haben. John Elliot Gardiners Versuch vor wenigen Jahren blieb leider im Ansatz stecken.

Bei den Dresdner Musikfestspielen gab es nun Gelegenheit in einer konzertanten Aufführung mit ausführlichen Erzähl- und Dialogpassagen, wenigstens eine vage Ahnung von der ursprünglichen Gestalt des Werkes zu bekommen. Johannes Schaaf und Wolfgang Willaschek hatten, basierend auf einer Züricher Opernproduktion von 1998, die Dialogtexte, der zeitgenössischen Übersetzung von Theodor Hell folgend, eingerichtet. Johannes Schaaf war sogar eigens angereist um die Dialogregie zu übernehmen. Freilich war auch diese Version nur eine weitere in der Vielzahl von Bearbeitungen des Werkes und die detaillierten Erzählpassagen hatten, trotz des engagierten Vortrages von Peter Arens, Längen und wirkten so störend, wie sie das immer tun, wenn man dem eigentlichen Werk nicht vertraut. Von der ursprünglichen Werkkonzeption, dem Verhältnis von Text und Musik etwa, erfährt man dabei wenig; und rasch gerät so eine Aufführung zur Märchenstunde mit Musik.

Musikalisch hingegen agierte man auf hohem Niveau. Lothar Zagrosek am Pult des Sinfonieorchesters des Mitteldeutschen Rundfunks fand rasch den richtigen Zugriff, um Webers melodienreiches Spiel der Stimmen und Gegenstimmen mit großem Bogen zu fulminanten Steigerungen zu führen, um die farbenreichen Instrumentationseffekte auszukosten und die solistischen Passagen in das Gesamtgewebe des vorzüglich aufspielenden Orchesters zu integrieren. Vor allem der Spannungsaufbau im ersten Finale, in dem ferne Janitscharenmusik gegen ein Marschmotiv im Orchester anspielt um dann noch von Chor und Solisten ergänzt zu werden, bleibt in Erinnerung.

Von den sechs Sängern ist zu allererst Charles Workman als Hüon zu nenne, der mit seinem vollen, kräftigen Tenor souverän die gewaltigen Registersprünge seiner Partie meisterte, noch in den extremen Höhenlagen volltönend die strahlende Stimme kontrollierte, mit geläufigen Koloraturen ebenso beeindruckte wie mit der lyrischen Gestaltung seines Gebets im zweiten Akt („Vater! Hör mich flehn’ zu dir“). Seine Bravourarie im ersten Akt („Von Jugend auf in dem Kampfgefild’“) war der frühe vokale Höhepunkt des Abends. Deon van der Walt, der zweite Tenor des Abends, stand ihm an Stimmkultur und Technik nicht nach, hatte jedoch mit der Gesangspartie des Oberons kaum Gelegenheit vokale Akzente zu setzen. Seine Solostellen gerieten jedoch mehr als überzeugend.

Problematischer geriet da Solveig Kringelborns Rezia. Sie gefiel in ihrer anspruchsvollen Partie mehr durch die Gestaltung, als durch ihre stimmlichen Möglichkeiten. In der Mittelllage klingt ihre Stimme schön und kultiviert, Lyrisches gelingt ihr mit innigem Ausdruck und stimmlich natürlich (Kavatine im dritten Akt). Sobald sie jedoch die Stimme öffnet oder gar in die Höhenlagen vordringen muss, bekommt ihr Sopran rasch eine tremolierende, schneidende Schärfe und die sonst sichere Artikulation wird unsauber; bei Registersprüngen sitzen die Töne nicht, sie müssen erst anschwellen und stören die Phrasierung. In der bekanntesten Nummer des Werkes, Rezias Arie „Ozean, du Ungeheuer“, gelang es ihr durch eine gewisse Virtuosität des Vortages zwar nicht die technischen Probleme zu verschleiern, aber die Intensität ihrer Darbietung ließ über manch schrägen Ton hinwegsehen.

Ergänzt wurde das Solistensextett durch Liliana Nikiteanu als ihre Vertraute Fatime, Anton Scharinger als Scherasmin und Ulrike Helzel als Puck. Die vokalen Anforderungen an diese Partien sind ungleich leichter und besonders die spielfreudige Liliana Nikiteanu konnte mit ihrem schön geführten Mezzosopran in der einfallsreich instrumentierten Arie „Arabien, mein Heimatland“ zeigen, welche vokalen Qualitäten und Einfühlungsvermögen ihr zu eigen sind. Aber auch gemeinsam mit dem Papagenohaften Anton Scharinger als ‚Dienerpaar’ konnte sie Singspielqualitäten zeigen.

Eine kompetente Rekonstruktion der ursprünglichen Fassung und Absichten Webers, so zeigte diese konzertante Aufführung, wären dringend nötig und wünschenswert, denn musikalisch steht die Partitur des „Oberon“ dem „Freischütz“ in nichts nach. Dem Triumph der Londoner Uraufführung steht die wunderbare Musik jedenfalls nicht im Wege. Vielleicht findet sich ja doch noch ein Dramaturg oder Regisseur, der sich nicht über Carl Maria von Weber und seinen Librettisten J.R. Planché stellt und sich mit dem Genre des ursprünglichen fairy play auseinandersetzt?!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Weber: Oberon (konzertant): MDR-Sinfonieorchester/Zagrosek

Ort: Kongreßzentrum,

Werke von: Carl Maria von Weber

Mitwirkende: Lothar Zagrosek (Dirigent), MDR Sinfonieorchester (Orchester), Deon van der Walt (Solist Gesang), Solveig Kringelborn (Solist Gesang), Anton Scharinger (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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