> > > > > 04.10.2008
Freitag, 25. September 2020

Franz Schubert

Kamioka dirigiert Rihm und Schubert in Essen

Beglückendes Konzerterlebnis

'Stell dir vor, wir geben ein Konzert in Essen und keiner geht hin!' Dies oder Vergleichbares könnten die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters Wuppertal gedacht haben, als sie am Samstagabend kurz nach 20 Uhr die Bühne im Alfried-Krupp-Saal der Essener Philharmonie betraten und beim Blick in den Zuschauerraum feststellen mussten, dass sie zahlenmäßig mit dem Publikum ziemlich gleichauf lagen, vielleicht sogar in der Überzahl waren. Diese Absenz von Interessenten jedoch an den Querelen um den entlassenen Intendanten Michael Kaufmann festmachen zu wollen und als Protest der Bürger anzusehen, wie dies einige Leute in der Reihe hinter mir wortreich diskutierten, mutet – angesichts von Konzerten, die auch vorher schon häufig vor gelichteten Reihen stattfanden – etwas überzogen an. Viel wahrscheinlicher erscheint es, dass die Essener sich finanziell verausgaben, weil sie lieber teure Konzertevents mit berühmten Orchestern ansehen (ungeachtet der Tatsache, dass die Werke da eigentlich meist nur routiniert herunter musiziert werden, geleitet von ebenso routinierten Dirigenten, die den Takt angeben und die Musiker agieren lassen, ohne sie groß mit Interpretation zu belästigen) und deshalb kein Geld mehr für andere lohnende Ereignisse aufbringen können.

Dass die Wuppertaler Sinfoniker jedoch nicht nur ein Orchester aus der Nachbarstadt sind, sondern schon in der Vergangenheit für hohe Qualität standen, die sich unter ihrem derzeitigen Dirigenten, dem agilen Japaner Toshiyuki Kamioka, musikalisch wie technisch außerordentlich weit entwickelt hat, sollte aufmerksamen Betrachtern der regionalen Kulturszene nicht entgangen sein. Der Konzertabend mit Kompositionen Franz Schuberts und Wolfgang Rihms zumindest hat dies nachdrücklich unterstrichen, zumal die gelungene Programmzusammenstellung mit Schuberts 'Rosamunde'- bzw. 'Zauberharfe'-Ouvertüre D 644, Rihms zweiter Musik für Violine und Orchester, 'Gesungene Zeit', und Schuberts 'großer' C-Dur-Sinfonie D 944 von viel Überlegung zeugte. Das melodische Moment, der Gesang, der zentral für alle drei Kompositionen ist, war bei Kamioka in besten Händen, das belegte schon die Ouvertüre, bei dem das Orchester in den von Kantilenen bestimmten Themen eine enorme, sehr intensive klangliche Leuchtkraft entfaltete und sich ansonsten mit viel Spielwitz ins Zeug legte.

Rihms 'Gesungene Zeit' wirkte nach dieser Eröffnung mitnichten als Fremdkörper: Der österreichische Geiger Benjamin Schmid gewann dem Solopart erstaunlich viele Facetten ab und nutzte eine Vielzahl von Vibrato- und Bogennuancen, um Rihms instrumentalen Gesang abwechslungsreich zu gestalten. Dass er dabei nicht der Versuchung unterlag, alles unter dem Primat der Tonschönheit anzusiedeln, sondern die eisigen, innerlich bewegungslosen Flageoletts in den hohen Registern ebenso zuließ wie den aufgerauten, fast schon eruptiv hervor gepressten Klang auf der G-Saite, zeugt von der Überlegung, mit der er seinen Vortrag differenzierte. Kamioka begriff Rihms Komposition als das, was sie ist: als prinzipiell einstimmigen Gesang, der unter Mitwirkung des Orchesters verdichtet wird, zu einigen Höhepunkten findet und am Ende förmlich verebbt. Mit welchem Verständnis der Dirigent den aus ständig wechselnden instrumentalen Farbfäden geflochtenen Strang mal zart, mal dick gespachtelt nachzeichnete, ihm dadurch plastische Wirkungen verlieh und ihn immer wieder anders zu Schmids Vortrag in Beziehung setzte, gehörte für mich zu den stärksten Augenblicken dieses Abends.

Die große C-Dur-Sinfonie im zweiten Teil des Konzerts geriet gleichfalls zum Ereignis, auch wenn sie im Hinblick auf den Gesamtklang – eine Folge der großen Orchesterbesetzung – für meinen Geschmack manchmal ein wenig zu streicherlastig wirkte. Insbesondere Kamiokas sehr individueller und ungewöhnlich flexibler Umgang mit den Tempi förderte einige Überraschungen zu Tage: Mit großer Legato-Geste ließ er die Einleitung des Kopfsatzes in äußerst gedehntem Zeitmaß musizieren, das er beim Übergang zum Hauptthema stark anzog, um es gleich anschließend beim zweiten Thema wieder zu drosseln. Diese bis in die Coda des Satzes hinein durchgehaltenen Umschwünge trugen zwar dazu bei, die unterschiedlichen Charaktere von Schuberts Themen stärker voneinander abzugrenzen, führten aber auch – obgleich vom Orchester bereitwillig und voller Aufmerksamkeit mitgetragen – zu Brüchen im musikalischen Verlauf, deren Logik sich mir nicht so recht erschloss.

Vergleichbar, aber doch viel besser in die Dramaturgie der Musik eingebunden, arbeitete Kamioka im Andante, das er relativ zügig anstimmte, um dann vor allem die Übergänge zur Wiederkehr des Themenbeginns mit teils starken, aber doch organisch empfundenen Ritardandi zu gestalten. Ruhiger wurde er in den Zwischenteilen und – eine ganz wunderbar umgesetzte Passage – nach dem harmonisch komplexen Höhepunkt des Satzes, wenn die Celli mit ihrer klagenden Kantilene fast alleine zurückbleiben und zum Thema zurückleiten. Nach dem rhythmisch packenden, voller Spannkraft musizierten Scherzo mit seinem ungemein farbenreich realisierten Trio erklang schließlich das Finale als überschäumender, tänzerisch federnder Jubelhymnus, bei dem sich das Orchester noch einmal zu Höchstleistungen hinreißen ließ. Dass es Kamioka dann nach der großen Klangsteigerung am Ende des Satzes auch noch gelang, den Schlussakkord nicht laut ins Auditorium zu schleudern, sondern ihn – das eingezeichnete Sforzato zum Decrescendo weiter denkend – ins Piano zurückzunehmen, um nach seinem Verklingen die Spannung noch mehrere Sekunden lang aufrecht zu erhalten, war eine großartige Geste, die sein ganzes Können in einem kurzen Augenblick offenbarte.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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In Residence Wolfgang Rihm: Schubert & Rihm: "Gesungene Zeit" VI

Ort: Philharmonie,

Werke von: Franz Schubert, Wolfgang Rihm

Mitwirkende: Toshiyuki Kamioka (Dirigent), Wuppertaler Symphony Orchester (Orchester), Benjamin Schmid (Solist Instr.)

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