> > > > > 04.06.2004
Freitag, 7. Oktober 2022

Georg Friedrich Händel

Herkules-Kantaten von Bach und Händel in Dresden

Qualität am Scheideweg

Die auf Xenophon zurückgehende Fabel von ‚Herkules am Scheideweg’ war bei den Humanisten der Renaissance als Exempel sehr beliebt. Ließ sich hier doch ein Beispiel für eine moralische Entscheidung, die keine Kompromisse duldet, aufzeigen. Herkules trifft darin auf die personifizierten Wollust und Tugend, die beide um seine Ergebenheit buhlen. Der Held entscheidet sich für den Weg der Tugend. Diese Grundsituation der Entscheidung ist bis weit ins 19. Jahrhundert hinein immer wieder in Literatur, bildender Kunst und Musik bearbeitet worden.

Wollust und Tugend, Pleasure and Virtue – zweimal wurde Herkules nun in einem geistvoll zusammengestellten Abend bei den Dresdner Musikfestspielen vor die Wahl zwischen einem Leben der Lust und der Pflichterfüllung gestellt: Johann Sebastian Bach komponierte die Kantate BWV 213, ‘Herkules am Scheidewege’, zum elften Geburtstag des sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian (1733). Ein Jahr später wird er nahezu alle Musikstücke daraus in sein ‘Weihnachtsoratorium’ übernehmen, nicht ohne sie durch Transposition und Uminstrumentierung dem nun geistlichen Kontext anzugleichen. Ein Verfahren, das sich des öfteren bei Bach findet. So hört man also durchaus bekannte Musik mit neuem Text und ungewohnter Orchesterbehandlung; dass Bachs Komposition vor allem in der Behandlung der Singstimme im Original der ‚Herkules’-Kantate deutlich angemessener ist, mag manch einen überraschen.
Einen umgekehrten Weg ging Georg Friedrich Händel bei seinem musical interlude ‘The choice of Hercules’(HWV 69), das in Bachs Todesjahr, 1750, als eigenständiges Nachspiel zur musikalischen Ode ‘Alexander's Feast or The Power of Musick’ entstand. Händel verwendete hierbei zahlreiche Stücke seiner unaufgeführt gebliebenen Schauspielmusik ‘Alceste’. Trotz dieser Parodie, wie der Terminus technicus für dieses Verfahren lautet, bleibt Händels Instinkt für dramatische Gestaltung unverkennbar. In intensiven Farben schildert Händel die Verlockungen des Vergnügens und die Konfrontation kulminiert in einem packenden Terzett, in dem Hercules nur mehr die Worte ‘Where shall I go?’ in den Sinn kommen, ehe er sich doch noch des rechten Weges besinnt. Bach hingegen gestaltete mit seinen langen, von Repetitionen bestimmten Arien vielmehr einen philosophischen Gewissensdisput; das Werk wirkt, zumal im direktem Vergleich mit Händels Umsetzung des Stoffes, starrer und schematischer.

Die musikalische Darbietung durch das Dresdner Barockorchester, den Dresdner Kammerchor und die eingeladenen Solisten unter Hans-Christoph Rademann klang – vor allem im Bach – nicht immer professionell. Rademann ist fast schon eine Institution im Musikleben Dresdens, vor allem als Chorleiter hat er sich einen Namen gemacht. Doch was bei Aufführungen im Stadtalltag durch das Engagement der Mitwirkenden gefallen kann, wirkte im Festspielrahmen deplaziert. Es ist eine Frage der Maßstäbe: Noch vor wenigen Tagen musizierten im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele ‚Les Talens Lyrique’ auf höchstem Niveau, nun sah man sich mit einem aus Studenten und Dresdner Orchestermusikern zusammengestellten Ensemble mit undifferenziertem Gesamtklang konfrontiert, bei dem nicht einmal die Einsätze präzise waren. Die Intonation der Bläser, vor allem der Hörner, war abenteuerlich, die Streicher klangen schneidend, die Balance zwischen den einzelnen Streichergruppen fehlte, die musikalischen Nummern blieben zusammenhangslos stehen, ja, es wirkte an einigen Stellen sogar so, als hätte man sich zu einer Verständigungsprobe zusammengefunden. Die Interpretation blieb bei fast konstanter Lautstärke spannungslos und energiearm, der basso continuo ging im Orchester fast unter, die Wiederholungen blieben monoton, ließen Variationen und Kontraste vermissen und die gemessen gewählten Tempi waren gelegentlich am Rande des musikalischen Stillstands. Da konnten auch ein paar beherzt vorgetragene Orchestersoli nicht mehr viele Akzente setzen. Etwas besser gelang der Händel, der schon durch seine abwechslungsreichere Struktur eine dramatischere Wirkung hat. Dennoch – es muss so deutlich gesagt werden – festspielwürdig war das nicht.

Die durchweg jungen Vokalsolisten des Abends kamen ebenfalls über solides Mittelmaß kaum hinaus. Für Miriam Meyers Sopran etwa war die Bach-Arie ‘Schlafe, mein Liebster, und pflege der Ruh’ eindeutig zu tief gelegen, Volumenprobleme waren die Folge. Wenn die Stimme sich nach oben hin öffnen kann, bekommt sie hingegen eine leichte Leuchtkraft. Doch die kurzatmige Phrasierung der Sopranistin, die ihre Gestaltungsansätze immer wieder unterbrach, wirkte störend im musikalischen Fluss. Ob sie mit den beiden Partien gut beraten war, mag dahingestellt sein, dass sie aber eine zu leichtgewichtige Stimme mitbrachte, merkte man spätestens im Terzett von Händels ‘Hercules’. Stilistisch sicherer hingegen wirkte der belgische Countertenor Patrick von Goethem, auch wenn seine Höhe nicht homogen angebunden schien und gelegentlich artifiziell klang. Lyrisches gelang ihm überzeugender als die schnelleren Nummern: Man hätte gerne mehr von der vokalen Qualität des ‘Yet, can I hear the dulcet lay’ in Händels Kantate gehört.
Der Mezzosopran von Annekathrin Laabs hingegen wirkte schon zu ausgeglichen, klang belegt, da fehlten Farben und Variationsfähigkeiten der Stimme. Die Koloraturen der ‚Pleasure’ im Händel kamen unakzentuiert und standen um ihrer selbst Willen im Raum, zu brav war das vorgetragen, ohne wirklichen dramatischen Gestus. Da wurden zwar schön die Töne gesungen, aber es entstand keine Musik. Lediglich der Tenor von Marcus Ullmann konnte den Eindruck engagierten Gestaltens hinterlassen. Die präsente Stimme zeigte Beweglichkeit und technische Präzision. Schade, dass seine Partien verhältnismäßig klein ausfielen.

Und dann passierte es in den letzten Minuten der Aufführung doch noch: im Schlusschor ‘Virtue shall place thee in that blest abode’ von Händels ‘Hercules’ wurde die Musik plötzlich lebendig, die Linien traten plastisch hervor, effektvoll wurden die Stimmen gegeneinander ausgespielt, die differenzierte Rhythmik setzte Akzente, das Wechselspiel zwischen Chor und Orchester gelang vorzüglich und der Gesamtklang war auf einmal transparent. So hätte man sich das den ganzen Abend über gewünscht.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


"Hercules": Dresdner Hofmusik/Rademann

Ort: Palais im Großen Garten,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Dresdner Kammerchor (Chor), Hans-Christoph Rademann (Dirigent), Dresdner Barockorchester (Orchester), Annekathrin Laabs (Solist Gesang), Marcus Ullmann (Solist Gesang), Miriam Meyer (Solist Gesang), Patrick von Goethem (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich