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Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Macbeth“, 20. Vorstellung, in der Semperoper

Morden mit Musik, mordsmäßig schön

Am Freitag schien die Sonne wieder. Als sie in Dresden über der Stadt untergegangen war ging sie in der Semperoper auf. Verdis ‘Macbeth’, seit fast drei Jahren im Repertoire, steht so oft nicht im Programm. Auch in dieser Saison sind nur drei Aufführungen angesetzt. Am 1. und 4. Oktober geht das blutige Politspektakel in der noch immer sehenswerten Inszenierung von Philipp Himmelmann wieder über die Dresdner Opernbühne.

Zur Premiere stand Daniele Gatti am Pult der Staatskapelle und setzte entscheidende musikalische Akzente. Jetzt steht zum ersten Mal Manlio Benzi vor dem Orchester, ein Schüler Gattis, und er macht seinem Lehrer alle Ehre. Benzi treibt das Drama voran, lässt die melodischen Fluten immer wieder anschwellen. Kein Halten. Diese Welt ist aus den Fugen. Es entblößt sich ein Mechanismus, der zum Alptraum wird. Wer sich in diesen Mechanismus begibt, wer ihn betätigt – was heißt, wer zum Dolch greift und den Mord als legitime Aufstiegschance begreift – wird von diesem Mechanismus zermalmt und watet am Ende durch einen Alptraum, in dem das Blut der anderen bis an die Kehle steigt, bevor man im eigenen Blut ersäuft.

Ja, mitunter lässt Benzi auch mordsmäßig kräftig aufspielen, aber selten auch hat man so viel Feines und Zartes vernommen, so viele leise Passagen der Streicher, so betörenden Gesang des Orchesters. Aber undurchsichtig wie das Stück ist die Musik, wohin führt der verführerische Ton, was erkennt, was sieht der Mörder wirklich? Die grausamste Frage des Dramas stellt die Musik mit ihrem Melos, ihrem Schwung und ihrer Verführung zum Einstimmen, ob es denn am Ende doch menschliche Bestimmung ist zu morden, im Blut zu waten, schlecht zu schlafen.

Ein großer Abend für das Orchester und ein ebenso großer Abend für den Gesang. Zunächst die Damen und Herren des Chores, zur Premiere in der Einstudierung von Matthias Brauer, jetzt unter neuer Direktion von Ulrich Paetzholdt. Toller Klang der Damen, der Herren, zusammen besonders. Franz Grundheber, mit über 70 Jahren, seit über 40 Jahren auf den Bühnen und Podien der Musikwelt erfolgreich, ein Ausnahmesänger und Darsteller in einer Interpretation der Titelpartie, die Ihresgleichen sucht. Zunächst die besondere Tragik des Mannes, der den Lear geben könnte, im Mechanismus aus Mord und Alptraum. Die Schärfe des erotischen Konflikts in diesem Stück hat tiefe Dimensionen. Dabei ist Grundheber ein zurückhaltender Schauspieler, er zweifelt, geistert, räsoniert, man möchte ihn bedauern. Völlig modern, im Heute angekommen, könnte er vor Richtern den unerkannten netten Mann von nebenan geben der, keiner Schuld bewusst, allein aus Pflicht zum Wohle aller, politisch korrekt, eben auch morden musste. Zu seinem Spiel aber kommt der Gesang, und da klingen noch ganz andere Dimensionen mit. Wie man Verstrickung und Verzweiflung Tönen gibt, auch Trotz und Zweifel, am stärksten aber Einsamkeit, das kann man hören, und es trifft das Gefühl, gebrochen oder strahlend schön.

An seiner Seite, der Kämpfer und Rivale, der junge Banco des Georg Zeppenfeld. Nur eins ist hier zu bedauern, dass er schon so früh im Stück sterben muss, und wir von so wunderbarem Bassgesang nur eine Arie hören dürfen. Mit einer Arie auch nur kommt, singt und siegt Wookyung Kim als Macduff. Das ist ein Abend edler Stimmen, zunächst der Herren, ganz und gar nicht zu vergessen der junge Timothy Oliver mit frischem Tenor als Malcolm.

Als Lady Macbeth gibt Sylvie Valayre ihr Dresdner Debüt. Demnächst kommt die Turandot dazu. Das ist der Karrieretyp. Aalglatt. Das Businessweib in elegantem Schwarz, knallhart in tödlicher Einsamkeit. Sportiv, beweglich ist das Spiel der Sylvie Valayre. Wenn sie mit Ganzkörpereinsatz Karriereschübe in Bewegung setzt, stets mit Stil und Eleganz. Im Einklang mit der Optik ihr Gesang, betörend in den tiefen und mittleren Lagen, schmaler in der einsamen Kälte der Höhen. Der Furor dieses Opernabends basiert auf einer Ensembleleistung, zu der die Interpreten der kleineren Partien uneingeschränkt beitragen, Birgit Fandrey als Dame der Lady und Jürgen Commichau als Arzt sowie Matthias Beutlich und Annett Eckert aus dem Chor und Johann-Friedrich Salzmann aus dem Kinderchor als Erscheinungen.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Giuseppe Verdi, Macbeth

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Johannes Leiacker (Bühnenbild), Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Philipp Himmelmann (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Jürgen Commichau (Solist Gesang), Birgit Fandrey (Solist Gesang), Sylvie Valayre (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Franz Grundheber (Solist Gesang), Annett Eckert (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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