> > > > > 14.09.2008
Samstag, 10. Dezember 2022

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Don Carlo“ in Superbesetzung an der Semperoper

Findungsprozesse mit glücklichem Ausgang

Wenn einem Regisseur so gut wie gar nichts zum Stoff einfällt, dann sollte er es lassen, ein Werk wie Verdis Oper ‘Don Carlo’ zu inszenieren. Gleiches gilt für einen Bühnenbildner. Geht aber wohl nicht, es gibt Verträge, es gibt Termine. So kommt es dann, dass sich durch fast alle Spielpläne großer Opernhäuser Inszenierungen schleppen, die den Namen gar nicht verdienen, die aber – meist sehr gästefreundlich – nicht selten bei guten Besetzungen zu musikalischen Höhepunkten einer Saison werden können.

Auch in der 25. Aufführung der Dresdner Inszenierung ‘Don Carlo’, aus dem Jahre 2003, glänzt optisch und gedanklich gar nichts. Vom Regisseur Eike Grams auf eine große Schädelstätte gestellt, haben die Protagonisten vorwiegend im diffusen Dunkel der schwarzen Bühne von Gottfried Pilz stehen zu bleiben. Zunächst stehen sie nicht nur fremdelnd im Dunkel, es hat auch den Anschein, das Ensemble erster Kräfte der internationalen Opernszene befinde sich in einem Findungsprozess, gemeinsam mit den Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von Massimo Zanetti. Zunächst also ein wenig Erschrecken, vor allem wegen der musikalischen Such- und Findungsprozesse. Ob es an der Dunkelheit liegt, dass auch der Opernchor und die Mitglieder des Sinfoniechores zunächst etliche ihrer Einsätze erst verspätet realisieren, und nicht immer zusammenklingt, was zusammen gehört.

Dann aber gewinnt die Aufführung zunehmend an Stringenz. Das Ensemble findet zusammen. Es kommt Spannung auf. Am Ende überwiegen jene kostbaren Momente in denen die Zeit still zu stehen scheint, man die berühmte Stecknadel fallen hört, die Unzulänglichkeit der harmlosen Szene vergessen ist.

Für die drei Aufführungen dieser Saison konnte man in Dresden ein exzellentes Ensemble verpflichten. Fabio Armiliato in der Titelpartie ist ein lyrischer Held. An Kraft fehlt es nicht, demonstriert wird sie nicht. Als unglücklicher Infant beglückt er das Publikum mit jugendlichem, geschmeidigem Gesang. Rodrigo, marchese di Posa, eine der sensibelsten Baritonpartien bei Verdi, wird von Franco Vassallo gesungen. Das wird nach anfänglichen Irritationen zum Ereignis. Nuancierte Gestaltung, schöner Gesang, Schöngesang nie. Georg Zeppenfeld, ist zum ersten Mal in Dresden als Filippo II. zu erleben. Welch einsamer Mensch. Welche musikalische Haltung und Beherrschung selbst dann, wenn er sie rollengemäß zu verlieren hat. Die große Arie, das große Opernglück. Zeppenfelds Bass bleibt schlank, keine Gefühlsverstärker. Klarheit des Klanges als Widerspiegelung frostklarer Einsamkeit. Und natürlich folgt die große Szene in der Auseinandersetzung mit dem mächtigen Großinquisitor Hans-Peter Königs als spannungsgeladene Begegnung ebenbürtiger Interpreten.

Adrianne Pieczonka, kürzlich als außergewöhnlich intensive Interpretin der Marschallin im ‘Rosenkavalier’ auf der Dresdner Opernbühne, wirkt als Elisabetta di Valois zunächst weniger konturiert. Im Verlauf des Abends aber steigert sich die Sängerin enorm und beschert im vierten Akt mit ihrer großen Arie einen Höhepunkt, der lange nachklingt. Luciana D´Intino, Principessa d´Eboli, trumpft mit ungewöhnlich dunkler Tiefe und dramatischen Höhen auf. Ihre Art, von einem Register zum anderen zu gelangen, irritiert zunächst, fügt sich aber letztlich als Gestaltungselement in eine fulminante Leistung und kommt der Expressivität in ‘O don fatale’ eher zugute als dem Lied vom Schleier.

Am Ende ein großer Abend im Repertoire der Semperoper zu dessen Gelingen die Mitglieder des Hausensembles, Jacques-Greg Belobo, Stephanie Atanasov, Roxana Incontrera, Angelo Antonio Poli, Gerald Hupach, Christoph Pohl, Rainer Büsching, Rolf Tomaszewski, Matthias Henneberg und Sangmin Lee, wesentlich beitragen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden : Giuseppe Verdi, Don Carlo

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Gottfried Pilz (Ausstattung), Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Sinfoniechor Dresden e.V (Chor), Massimo Zanetti (Dirigent), Eike Grams (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Stephanie Atanasov (Solist Gesang), Roxana Incontrera (Solist Gesang), Gerald Hupach (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang), Rainer Büsching (Solist Gesang), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang), Luciana D`Intino (Solist Gesang), Adrianne Pieczonka (Solist Gesang), Hans-Peter König (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Franco Vassallo (Solist Gesang), Fabio Armiliato (Solist Gesang), Rolf Tomaszewski (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georges Bizet: Jeux d'enfants op.22

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich