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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Wie ein Ballettabend an der Semperoper verebbt

Gut getanzt, nicht ganz gewonnen

David Dawson nimmt Abschied. Seit 2006 ist er Hauschoreograf beim dresden SemperOper ballett. Seine Arbeiten, von denen etliche Eingang ins Repertoire fanden, wurden oft und international gewürdigt. Hier und da aber war immer wieder auch zu hören, dass es doch an der Entwicklungsfähigkeit hapere, dass sich ein gewisses Gleichmaß bemerkbar mache, dass man Dynamik vermisse. Sicher berechtigte Einwände. Dawsons so streitbare wie begeisternde Version des Klassikers 'Giselle' sowie etliche seiner neueren und älteren Choreografien möchte man im Dresdner Repertoire nicht missen, zumal sie in spannenden Korrespondenzen mit Arbeiten anderer Choreografen aus Vergangenheit und Gegenwart in besonderem Licht stehen.

Mit der Uraufführung vom Sonntag aber verhält es sich anders. 'The World According to Us' soll so etwas wie eine poetische Reise durch Epochen der Kunst sein, die zu uns sprechen bzw. uns prägen. So lassen sich Elemente des klassischen Altertums ausmachen, die Renaissance kommt ins Spiel, ein paar vage Assoziationen zu Erscheinungen populärer Gegenwart und vor allem Anklänge an unterschiedliche Tanzepochen prägen die langatmige Arbeit. Zudem führt uns Dawson noch einmal alle seine individuellen Künste vor Augen und wir sehen wie wunderbar die Dresdner Tänzerinnen und Tänzer diesen Stil der in die Höhe geführten eleganten Arme und Beine beherrschen. Die solistischen Passagen haben dabei weit mehr Charme als zusammengeführte Bewegungsabläufe. Den Männern gibt der Choreograf zudem die Gelegenheit, in Röcken der Antike und der Renaissance höchst virtuos in minimalen Divertissements so raffiniert wie exzellent aufzutrumpfen. Den Frauen bleiben elegische Abfolgen aus Wiederholungen.

Das sieht man alles eine ganze Weile recht gern, das Interesse aber erlischt viel schneller als den Machern lieb sein dürfte. Das liegt einmal daran, dass sich bald der Gedanke einschleicht, die gesampelte Musik beliebter Stückchen von Bach oder Britten, Mendelssohn Bartholdy, Schubert, Vivaldi, Schostakowitsch, Strawinsky, Ligeti und Biber könne nicht so sehr viel mit dem Tanz zu tun haben und evtl. erst hinzu gekommen sein, als es die Bewegungen schon gab. Harte Kost am Ende eines Abends, der mit zwei legendären Choreografien von George Balanchine aus dem Geist der Musik begann. Noch härter aber ein endloser Schwall entsetzlich gekünstelt vorgetragener Texte durch Kate Strong, die sie selbst in englisch-deutscher Mischung mit dem Choreografen verfasst hat. Bedeutungsschwangeres Geschwurbel eitler Machart, Zitate und Montagen, verstehbar oder nicht, unnötig auf jeden Fall.

Zurück zum Tanz. Zur Intensität der körperlichen Expression zumindest führte zuvor die erste Uraufführung des Abends in einem dunkel gehaltenen Raum von Francoise Chirpaz und Kristen Cere. 'Self Portrait' ist eine Versuchsanordnung für fünf Tänzerinnen und Tänzer, die Männer stehen bzw. tanzen im Vordergrund, sie sind mit prägnanteren Aufgaben streitbarer Auseinandersetzungen betraut. Der Andere, das unerforschte Gebiet, die Grenzen seiner Aura, die Durchlässigkeit derselben, die Unverletzlichkeit der Autonomie und die Lust an gewaltsamer Verletzung sind Themen oder besser gesagt die Herausforderungen, auf die diese elektroakustisch aufgeladene Choreografie vehement reagiert. Inwieweit es am Ende gänzlich überzeugend gelingt Aspekte menschlicher Einzigartigkeit zu thematisieren mag man unterschiedlich sehen, vollends einig dürfte man sich darüber sein, dass man sich der Kraft und Energie der Tänzer und Tänzerinnen nicht entziehen kann.

Mit den Solisten Natalia Sologub, Jirí Bubenícek und Britt Juleen, einem Herrenquartett sowie acht Damen des Ensembles werden auch George Balanchines 'Rubine' aus der Trilogie 'Juwelen' zum Funkeln gebracht. Zum ersten Mal in Dresden zu erleben und der Beginn einer choreografischen Erinnerungsarbeit an deren Ende auch die „Diamanten“ und die „Smaragde“ erstrahlen sollen. Die tänzerische Präsenz, die technische Beherrschung der speziellen neoklassischen Anforderungen und die historische Bedeutung dieser Interpretation stehen außer Zweifel. Leise Zweifel jedoch kommen auf angesichts der Rekonstruktion einer Bühnendekoration der New Yorker Uraufführung 1967 von Peter Harvey, deren bombastische Klunker-Ästhetik völlig aus dem Rahmen einer zeitgemäßen Sicht auf Balanchines Unterhaltungskunst der Spitzenklasse fällt. Möglicherweise haben auch die gebrochenen, etwas ironisierten Bewegungen des klassischen Kanons in der seinerzeit mutigen Mischung mit Elementen der Show am Broadway nicht mehr jene zündende Kraft, die ihnen einst solchen Erfolg brachte. Etwas museal wirkt das alles schon in den mit Gold verzierten rubinroten kurzen Kostümen über weißen Strumpfhosen. Kleiner Einwand, großes Glück, getanzt wird prächtig zu Igor Strawinskys Capriccio für Klavier und Orchester, gespielt von der Staatskapelle mit dem Solisten Detlef Kaiser unter der Leitung von Paul Connely.

Einfach toll und begeisternd gut ist der Anfang dieses Ballettabends. Katherina Markowskaya und Jón Vlaejo tanzen Blanchines 'Tarantella' mit der flotten Musik von Louis Moreau Gottschalk und sie überspringen und überfliegen den garstigen Graben der Geschichte dermaßen gekonnt und elegant und technisch exzellent, dass es nur so eine Freude ist, ihnen dabei zuzusehen. Knapp zehn Minuten, ein Augenblick, die Zeit steht still. Sie schwebt, springt und dreht, schönster Wahnsinn einer wahnsinnigen Kunst. Er, uneitel und rasant in einer irren Folge flacher Sprungfiguren die ihn knapp überm Boden fliegen lassen, optische Täuschung, Traum und Wunsch, wir heben mit ihm ab und halten den Atem kurz an wenn der Ausnahmetänzer seine Bewegungen durch minimale Verzögerungen zu einer Abfolge von Höhepunkten kommen lässt. Tanzlust ohne Wenn und Aber auf leerer Bühne in strahlendem Licht vor dem blauen Horizont des Himmels. Eine Hommage an das Leben, ein weit aufgestoßenes Fenster am Horizont des Alltags.


Sächsische Staatsoper Dresden
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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Sächsische Staatsoper Dresden: dresden SemperOper ballett

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Mitwirkende: George Balanchine (Choreographie), Paul Connelly (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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