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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Paul Hindemiths 'Cardillac' in der Semperoper

Mördergold

Milde, verklärende Töne verhauchenden Chorgesangs. Der Mörder ist tot. Das Volk hat Cardillac erschlagen. Aber da ist er doch. Leibhaftig sieht in der Dresdner Neuinszenierung des Werkes der unsterbliche Mörder aus der Loge in leicht ramponierter „Arbeitskleidung“ huldvoll auf diese Szene herab. Es hat den Anschein, er lächle unter seiner Maske. So das Finale.

Der Anfang führt nach Paris im 17. Jahrhundert. Die Stadt ist in Unruhe. Geheimnisvolle Verbrechen können nicht aufgeklärt werden. Ein Mörder tötet gezielt jeden Käufer von Schmuckstücken des hochverehrten Goldschmiedekünstlers Cardillac. Misstrauen herrscht. Denunziation ist angesagt. Jeder hat sein Bild von sich und von den anderen. So sind alle regierbar. Verschärfte Maßnahmen der Polizei und besondere Folter, allein zum Zweck der Wahrheitsfindung, die „brennende Kammer“, sind allen recht. Besonders denen, die niemals ins Visier des Mörders geraten können, weil sie sich Schmuck aus Cardillacs Werkstatt niemals leisten könnten. Wer hier kauft, um sich Liebe zu erkaufen und den Nervenkitzel dazu, lebt in ganz anderen Dimensionen. Das ist ein Teil der Geschichte, die Paul Hindemith aus der Bühnenhandlung von Ferdinand Lion, die Motive der Erzählung 'Das Fräulein von Scuderi' E.T.A. Hoffmanns aufnimmt, im Jahre 1926 mit mäßigem Erfolg in Dresden auf die Opernbühne brachte.

Der andere Teil ist das Psychogramm eines getriebenen Mannes. Der Künstler Cardillac hat sein Haus auf Gold gebaut. Der Faszination seiner eigenen Kunst, die er aus dem Metall der Verblendung schafft, ist er krankhaft verfallen, nichts will er loslassen. Das geht soweit, dass sein irrer Mordplan selbst dem Verlobten der eigenen Tochter gilt, der ein Schmuckwerk als Geschenk zur Verlobung ersteht. Das Maß ist überzogen. Hier muss er scheitern.  Beim Versuch jenen Offizier zu töten fällt seine Maske, die er als Mörder trägt.

Und der dritte, der ungeheuerlichste Teil der Geschichte, handelt davon wie das Opfer den Täter schützt. Wenn sich Cardillac als Mörder in höherem Auftrag zu erkennen gibt und vom Volk getötet wird, küsst er sterbend das Gold, nicht die eigene Tochter. Und schon beginnt der Glanz einer Legende vom Verbrechen aus höherem Antrieb zu funkeln.

In Dresden wird die Erstfassung des Werkes gespielt, 90 Minuten ohne Pause. Wegen des Misserfolges hatte Hindemith später das Werk erweitert, der erhoffte Erfolg blieb wieder aus. 83 Jahre nach der Uraufführung gleicht Johannes Leiackers Bühne einem dunklen Spiegel, in dem sich das Geschehen wiederum in einer Vielzahl von Spiegelungen und knappen Durchblicken bricht. Das kann dazu führen, dass die Wahrnehmung der Menschen sich auf Teile von ihnen reduziert, ihr Bild vielfach oder verzerrt wird.

Bettina Walters Kostüme, auf denen Bildmotive des Niederländers Jan Vermeer zu erkennen sind, besonders das des schlichten Mädchens mit dem erregenden Perlenschmuck im Ohr, kleiden den exzellent agierenden Chor in ein künstliches Historiendesign, das so wenig historisch gesehen eindeutig ist, wie Philipp Himmelmanns Inszenierung. In seiner Sicht fließen die Ebenen der Zeit und des Geschehens Weise ineinander, was besonders an den Zeitsprüngen der Mode für die Protagonisten zu sehen ist. Die Künstlichkeit des Raumes rückt das Geschehen in die phantastische Ferne opulenter Opernästhetik, macht die Zuschauer zu den Verfolgern einer so unfassbaren wie auf Erklärung drängenden Geschichte. Da hebt sich der Zeigefinger des Regisseurs deutlich, wenn etwa das Licht angeht im Saal, auf dass ja jeder sehen solle, wem der Opernspiegel gilt.

Gar nicht nötig. Hier steht ein Ensemble auf der Bühne, dessen Intensität für Spannung sorgt, die nicht nachlässt bis zum letzten Ton. Markus Marquardt in der Titelpartie, direkt in der Darstellung, überzeugend im Gesang, gibt dem Unfassbaren absurde Normalität. Berührend das Spiel und der Gesang Anna Gablers, Cardillacs Tochter, einzig von Gold und Mord unberührt. Für Evelyn Herlitzius als Dame, deren erotische Potenzen mit dem Gewicht goldener Belohnung wachsen, kommt der pervertierte „Liebestod“ leider zu früh, von ihrem expressiven Gesang hätte man gern mehr gehört. Ihren todgeweihten Kavalier gibt eindrücklich Rainer Trost. Oliver Ringelhahn ist der junge Offizier der Cardillacs Bann erliegt, den Goldhändler typisiert Michael Eder in biederer Durchschnittlichkeit und als Führer in Rot bändigt Matthias Henneberg kraftvoll den Volkszorn. Der ursprüngliche Einwand, Hindemith habe gegen alle Konvention und vor allem gegen jede Chance, auch nur Bruchstücke des Textes zu verstehen, komponiert, um der Musik letzte Autonomie zu schaffen, kann auch mit dieser Aufführung nicht gänzlich entkräftet werden, aber ob er wirklich gegen das Werk spricht, ist fraglicher geworden.

Fabio Luisi, die Mitglieder Staatskapelle und der von Ulrich Paetzholdt einstudierte Chor geben der drängenden Erregung, die hier in der Luft liegt, markante und scharfkantig geformte Klangbilder. Die schroffen Passagen der Partitur werden ebenso wenig geleugnet wie die spröden. Da ist auch Raum für filigrane Kammermusik, für den gebrochenen Sound mit Elementen des Jazz und der Revue. Klänge solcherart waren in Deutschland bald unerwünscht. Dafür wurden Mörder, die ihrem Handwerk unmaskiert nachgehen, schon bald bewundert für den Wahnsinn des Systems ihrer tödlichen Planung. Die Opfer wird man betrauern. Die Täter auch, sie konnten ja nicht anders, sie sind einem Wahn erlegen. Die Toten nur ihrer Gewalt.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Cardillac

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Paul Hindemith

Mitwirkende: Johannes Leiacker (Bühnenbild), Fabio Luisi (Dirigent), Philipp Himmelmann (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Michael Eder (Solist Gesang), Oliver Ringelhahn (Solist Gesang), Rainer Trost (Solist Gesang), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang), Anna Gabler (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Matthias Henneberg (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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