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Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Triumph für Tosca in Dresden

Premiere mit Hindernissen

Giacomo Puccinis Oper 'Tosca', 1900 in Rom uraufgeführt, in Deutschland zum ersten Mal 1902 in der Dresdner Semperoper gespielt, ist ein Welterfolg. Die Handlung mit historisch grundierten Motiven eines Politkrimis, bei der Liebe, Lust und Leidenschaft nicht zu kurz kommen, am Ende alle Hauptpersonen tot sind, ist spannend. Zudem steht, wie eigentlich immer bei Puccini, eine starke Frau im Mittelpunkt, für sie und die Sänger, den Tenor und den Bariton an ihrer Seite, gibt es anspruchsvolle Aufgaben. Einzelne Stücke sind zu Hits geworden, die nicht nur Opernfans entzücken.

Am Sonnabend hatte in Dresden eine neue Inszenierung, die achte seit der Uraufführung, Premiere. Das Haus war ausverkauft, das Publikum begeistert, die dritte Produktion der Dresdner Opernsaison geht ohne Misstöne wie ablehnende Buhs für die szenische oder die musikalische Interpretation über die Bühne.

Genauer Blick und Liebe zum Detail

Das ist zunächst Verdienst der Inszenierung. Die Geschichte wird erzählt, sehr genau an der Vorlage, und das ist wirklich spannend, denn die Beziehungen der Personen untereinander sind genau herausgearbeitet. Die Entwicklung der Tosca etwa, von der naiven, eifersüchtigen Sängerin zur kämpferischen Frau, die aus Liebe und Selbstachtung bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen, in dem Falle Mord.

Auch kleinere Rollen erhalten genaue Konturen. z.B. Spoletta, ein Bediensteter des Polizeichefs Scarpia, gespielt und gesungen von Timothy Oliver. Der Mann spielt nämlich auch, dass er durchaus Probleme hat mit dem was er da machen muss, wenn es im Polizeipalast zu Folterungen kommt, dann hat man den Eindruck, der junge Mann würde am liebsten nicht dabei sein. Macht aber mit, das ist eben seine Arbeit. Solche Details machen eine Aufführung interessant.

Besonders spannend ist natürlich im Hinblick auf die drei Hauptpersonen der Prozess, in dem drei Menschen aus unterschiedlichen Beweggründen in einen tödlichen Konflikt geraten. Wie sie zwischen die Fronten sich bekämpfender und einander ablösender Herrschaftsformen geraten, wie hier von denen, die ihre Macht bedroht sehen, kriminelles Potenzial zum Einsatz kommt, was besonders gefährlich ist, wenn dabei, wie im Falle Scarpias, erotisches Potenzial zum Antrieb wird.

Alte Schule, von wegen von gestern

Man merkt eben, dass der Regisseur Johannes Schaaf, der vom Schauspiel und Fernsehen kommt, seit den 70ger Jahren erfolgreich Opern inszeniert, ein Altmeister ist. Er hat es nicht nötig sich für klüger als die Autoren zu halten, er hält es aber für nötig und unerlässlich, genau hinzusehen was da im Text und in den Noten steht, da wird keine Anweisung voreilig gestrichen, denn gerade viele Details, die den Abend so spannend machen, stehen genau so im Textbuch. Das Ergebnis ist dann geradezu demokratisch, man muss nämlich kein Spezialist sein, die ganze Oper womöglich schon kennen, um dem Verlauf des Abends folgen zu können.

Und, man kann es nur staunend konstatieren, eine solche Herangehensweise ist ganz und gar nicht unzeitgemäß und das Geschehen auf der Bühne kann uns näher rücken als wir meinen. Erhellende Korrespondenzen ergeben sich durch die Kostüme von Petra Reinhardt und die Bühne von Christof Cremer. Interessant ist hierbei, dass von der Kostümierung her alle Menschen auf der Bühne historische Herkunft haben, aber in ihren Umgangsformen sich durchaus sehr heutig benehmen.

Tosca hat ländlichen Hintergrund, sie trägt zunächst ein luftiges, helles, fast weißes, Kleid und bringt Feldblumen in die Kirche. Später trägt sie schwarze Abendrobe, zeitlos.

Scarpia, Roms Polizeipräsident, trägt einen fast modischen Rock, bei dem ein Rock in changierenden Rottönen über dem anderen abgelegt werden kann. Das kann man auch so sehen, dass der Mann für jeden neuen Wind schon den neuen Rock am Leibe trägt.

Gänzlich heutig sind die Räume, eine Kirche aus Beton, wie sie überall stehen könnte und betoniertes Herrschaftsdesign für den Polizeipräsidenten im zweiten Akt. Dass die Handlung endgültig private Dimensionen verlässt macht der dritte Akt deutlich, einer Tötungsstätte, an der ein Berg von Schuhen aufgehäuft ist, was aber die Soldaten vom Dienst nicht stört.

Puccini hat Vorfahrt

Der einhellige Premierenerfolg ist natürlich in großem Maße der musikalischen Qualität des Abends geschuldet, der nicht ohne Hindernisse zustande kam.

Bevor die Premiere begann, kam der Intendant vor den Vorhang. Da ahnt man immer etwas. Indisposition, Absagen, Umbesetzungen, oder so. Die Sängerin der Titelpartie, Emily Magee, die sich seit Wochen auf ihr Rollendebüt vorbereitet hat, ist erkrankt. In der Generalprobe erst hat Chiara Taigi, die Rolle übernommen, nachdem eine andere Kollegin schon mal einen Probenversuch gemacht hatte. Die sympathische und instinktiv spielbegabte Sängerin aus Rom kommt, singt und siegt. Grandiose Leistung.

Im zweiten Akt liefert sie sich eine Auseinandersetzung mit dem Polizeipräsidenten Scarpia, die es in sich hat, knisternde Spannung, alles kraft des Gesanges, nicht immer schön im landläufigen Sinne, dafür dramatisch, hoch emotional. Musiktheater, das geht einen an, kommt einem nahe, weil die Sänger so toll sind, das ist die besondere Chance eines Live-Erlebnisses. Man sieht auch den Schweiß und wie an diesem Abend die Tränen, Glückstränen am Ende in diesem Fall bei der Sängerin, angesichts der Publikumsreaktionen.

Lucio Gallo als Scarpia kann ganz eisige Töne der kalten, brutalen Macht von sich geben, aber auch so glutvoll, leidenschaftlich und begierig singen, wie er genüsslich Muscheln schlürft und Wein trinkt.

Und der Tenor, immer wichtig in der italienischen Oper, Volltreffer, ohne Wenn und Aber. Aleksandr Antonenko aus Riga als Cavaradossi, bekannt zwischen Salzburg, Wien und New York, lässt in Dresden auf der Bühne die Sterne blitzen und im Opernhaus die Herzen höher schlagen. Eine gut geführte Stimme, dunkel grundiert, leuchtende Höhe, Lyrismen und Leidenschaft und wenn nötig, angemessenes Pathos, etwa bei den triumphalen Ausbrüchen im zweiten Akt oder der Freiheitsvision im dritten Akt.

Nicht gar so kurzfristig wie die Sängerin der Tosca hatte Ivan Anguélov das Dirigat für Marco Guidarini übernommen, der nicht mehr zur Verfügung stand. Anguélov gibt sein Debüt erfolgreich am Pult der Staatskapelle, man kennt ihn aber auch temperamentvoller. Mag sein, dass er sich wegen der besonderen Situation etwas mehr Zurückhaltung übt als eigentlich nötig. So war es aber gut möglich minimale, der Situation geschuldete Unsicherheiten auszugleichen. Da sind sicher noch Reserven. Dass die Staatskapelle mit ihrer besonders sensiblen Begleitkunst allen Sängern ein so sicheres wie tragendes Fundament war spürten alle an diesem Abend, so galt auffällig viel Beifall der Protagonisten den Musikern. Mehrmals warf die Sopranistin Blumen ihres Buketts in den Orchestergraben, der Dirigent bat öfter als üblich die Musiker sich zu erheben. Angemessene Gesten, die gut ankamen.

Hinzu kommt, dass Puccini bei der Staatskapelle ganz elegant klingt, dass Gefühle voll zum Tragen kommen, aber immer so etwas wie eine angenehme Distanz bleibt, will sagen, es wird nie sentimental. Auf Dramatik und direkt ins Bauchgefühl zielendes, mächtiges Auftrumpfen muss nicht verzichtet werden, alles aber im Maß der Dramaturgie Puccinis, bei der die Melodik Vorfahrt hat.

Das ist Oper für alle, dennoch nicht allgemein, die Kenner kommen auf ihre Kosten, die Einsteiger auch, die Geschichte berührt, sie stimmt musikalisch, sie stimmt szenisch, allein die Grundqualität der Darbietung stellt einen Anspruch dar, dem man sich gern aussetzt.


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper
Chiara Taigi (Floria Tosca), Aleksandr Antonenko (Mario Cavaradossi) Chiara Taigi (Floria Tosca), Aleksandr Antonenko (Mario Cavaradossi) Chiara Taigi (Floria Tosca), Lucio Gallo (Baron Scarpia)

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Premiere 'Tosca'

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Ivan Anguélov (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Timothy Oliver (Solist Gesang), Chiara Taigi (Solist Gesang), Lucio Gallo (Solist Gesang), Aleksandrs Antonenko (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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