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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Michael Hampe darf „Il trovatore“ anrichten

Kommst du von rechts, von links oder überhaupt?

Hat denn das keiner gesehen? Hat das keiner gehört? Gab es keine Haupt- und Generalprobe? Gibt es in einem Opernhaus keine Notbremse? ‘Verwandlung und Verhängnis’ heißt das Motto der Dresdner Opernsaison. Das Verhängnis nahm am Sonnabend seinen Lauf, auf die Verwandlung wird gewartet. Da kommen unangenehme Erinnerungen hoch. Man denkt unweigerlich an die letzte Spielzeit mit der so unglücklichen wie dümmlichen Inszenierung ‘Die lustige Witwe’, auch einem Team anvertraut, dessen Absichten bestens bekannt waren. Im Gegensatz zum aktuellen Debakel, gab es das vorjährige bereits in mehrfacher Ausführung vorher zu sehen. Aber auch der Stil von Michael Hampe dürfte den Verantwortlichen nicht gänzlich unbekannt gewesen sein. Wenn man mit seiner Verpflichtung einen derzeit vielerorts geforderten deutlichen Akzent gegen Irrungen und Wirrungen des ‘Regietheaters’ setzten wollte, dann hat man sich gründlich geirrt.

Ein Unglück kommt selten allein

Nun kommt ein Unglück selten allein, und noch andere Umstände trugen dazu bei, dass es eine Premiere mit Hindernissen wurde. Das Theater begann schon vor dem Opernhaus und setzte sich darin fort noch bevor der erste Ton erklang und sich der schwarze Vorhang hob. Man mag zunächst im Freien an eine Performance gedacht haben. Gediegene Herren im Frack tragen possierlich nagelneue Fähnchen. Andere, auch Damen dabei in schwarz, tragen Signalwesten als wären sie kostümiert. Wer soll hier gelotst werden, was wird hier aufgeräumt? Bei näherem Hinsehen ist zu erfahren, das ist die Ankündigung eines Warnstreiks. Eine Protestaktion der deutschen Kommunal- und Staatsorchester. Deren Gehaltsanhebung um 2,9 %  im Tarif des Öffentlichen Dienstes ist ausgesetzt worden. Man befürchtet die Abkoppelung aus diesem verhältnismäßig sicheren Tarifsystem. Später erfahren wir noch in einer unsicher vorgetragenen Begründung durch einen Orchestervertreter von der Bühne herab, zu der der Intendant besser gar keine Mine macht, dass man als Staatskapellenmusiker eigentlich überlastet sei, dass man die Inflationskosten nicht auffangen könne, Benzin usw., und dass man verspreche mit 30minütiger Verspätung dann doch wieder das Beste zu geben. Buhs und Beifall. Ende des Opernabends für einige Besucher, die gleich gehen. Die Glücklichen! Es kommt aber, soweit man sehen kann, nicht zu spontanen Sammel- oder Spendenaktionen. Ob das Inszenierungsteam ehrenamtlich gearbeitet hat oder einen nennenswerten Betrag gespendet hat, wird zum Anlass für Spekulationen. Geweint wird nicht.

 

Glücklich ist, wer früh gegangen ist

Was im Verlauf des Abends auf der Bühne geschieht, kann es an Dramatik mit dieser vorangegangenen Aktion ganz und gar nicht aufnehmen. Der existenziellen Aktualität im Kampf um eine Gehaltsanhebung von 2,9 % folgte ein Höchstmaß an Dramatik bestenfalls dahingehend, dass die Protagonisten der Aufführung sich entscheiden mussten, ob sie den rechten oder den linken Arm heben oder als absolute Steigerung gestischem Ausdrucks auch mal kurzfristig beide. Herren, Tenöre besonders, aber auch Baritone und Bässe, bevorzugen den rechten Arm, Damen wie die Mezzosopranistin den linken, oder sie schieben den Unterkiefer vor, beide Arme dazu, um sie dann bei weit aufgerissenen Augen und entsprechender Tonhöhe und Lautstärke in die Höhe zu recken. Die Sopranistin hingegen war anhaltend mit ihrem Kleid und einem roten Tuch beschäftigt und es hatte mehrmals den Anschein, als riefe ihr ein Assistent aus der Gasse zu, sie müsse sich doch jetzt bitte hinknien und dann auch wieder aufstehen, nach rechts, nach links,  nach hinten abgehen oder stehen bleiben. Es war ja zu ahnen, das es nicht gut gehen kann, wenn sie zudem minutenlang im Bühnenwind stehen muss, was garantiert nicht zuträglich war für ihre stimmliche Konstitution. Marina Mescheriakowa ist die darstellerisch und gesanglich höchst unglückliche Leonora in Giuseppe Verdis Oper ‘Il trovatore’, für die der Regisseur Michael Hampe und sein Ausstatter Carlo Tommasi eine Aufführung organisieren durften, die so verstaubt wie langweilig geworden ist. Dass man sich bei so beliebiger Ästhetik auf den spanischen Bürgerkrieg beziehen will, wie im Programmheft zu lesen ist, aber ein nahezu bewegungsloses und uninspiriertes Bilderbuchtheater präsentiert, grenzt an Hohn.

 

Weder Feuer noch Glut

Gewiss ist Verdis Oper mit der sprunghaften Dramaturgie, den undurchsichtigen Familienverhältnissen verfeindeter Brüder, die derselben Frau verfallen sind, inmitten mittelalterlicher Kampfhandlungen, mit der geheimnisvoll raunenden, exotisch auftrumpfenden Zigeunerin, bei letztlich recht gemütlicher Musik, eine enorme Herausforderung für jeden Regisseur. Was zur Premiere in der Semperoper zu sehen und zu hören war ist schlicht eine Unterforderung.
Auch musikalisch will der Abend nicht recht in Gang kommen. Acht kurze Bilder, die sich kaum unterscheiden, werden jeweils durch  Umbaupausen unterbrochen. Ein schwarzer Zwischenvorhang geht nieder und stoppt somit jedes auch nur aufkeimende Maß an Dramatik der Musik. Fabio Luisi, der in dieser Saison nur drei Aufführungen des Stückes dirigiert, muss mit den Damen und Herren der Staatskapelle immer wieder neu ansetzten, was zunehmend schwerer gelingt, zumal er sich auch nicht konsequent durchsetzten kann, weil unklar bleibt, wo hier das Tempo bestimmt wird, am Pult oder auf der Bühne. Roberto Frontali als Graf Luna, Carl Tanner als Manrico, Andrea Ulbrich als Azucena und Georg Zeppenfeld als Ferrando agieren lethargisch, szenische und darstellerische Unbedarftheit behindert ständig die Glaubwürdigkeit des musikalischen Ausdrucks. Es reicht auch nicht für den Trost, wenigstens den künstlerischen Triumph eines kostümierten Konzerts erlebt zu haben.

Es bleibt dabei: Keine Überraschung in der Semperoper

Es ist ja noch nicht so lange her, da sagte Fabio Luisi aus künstlerischen Gründen das Dirigat einer Meistersinger-Aufführung im Repertoire ab. Er hatte kein angemessenes Probenmaß erhalten. Jetzt, zur Premiere ‘Il trovatore’ aber, ist er verantwortlich für die Einstudierung und die Präsentation der Aufführung. Komisch. Für den Maestro gibt es schon bevor er überhaupt den Taktstock hebt Missfallensbekundungen. Für Marina Mescheriakowa direkt im zweiten Teil, wenn ihre Stimme nur noch beinahe bei jedem zweiten oder dritten Ton anspricht.  Am Schluss geht’s gemäßigt, eher gleichgültig zu, was bedenklich ist. Der freundliche Applaus schwillt an für den Chor, er wird stärker für die Mezzosopranistin Andrea Ulbrich fällt zurück ins normale Maß für den Tenor Carl Tanner, den Bass Georg Zeppenfeld und den Bariton Roberto Frontali. Dann  rascher Übergang zum Verebben, das Ensemble, der Dirigent und das Regieteam werden unaufgeregt entlassen.

Der Semperoper ist wieder einmal keine Überraschung gelungen und da kann man nichts machen.



 
 

 


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper
Carl Tanner (Manrico), Andrea Ulbrich (Azucena) Carl Tanner (Manrico), Andrea Ulbrich (Azucena) Barbara Hoene (Ines), Marina Mescheriakova (Leonore), Chor der Sächsischen Staatsoper

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Giuseppe Verdi, Il trovatore

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Staatskapelle Dresden (Orchester), Roberto Frontali (Solist Gesang), Carl Tanner (Solist Gesang), Georg Zeppenfeld (Solist Gesang), Marina Mescheriakova (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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