> > > > > 24.08.2008
Mittwoch, 16. Oktober 2019

Es fehlte das Drama

Hauchzart und unspektakulär: Pasquinis Sant‘Agnese

Die zweite szenische Produktion der Innsbrucker Festwochen 2008 war einem musikdramatischen Werk des großen italienischen Tastenmeisters Bernardo Pasquini gewidmet, der mit Corelli und Alessandro Scarlatti im ausgehenden 17. Jahrhundert das römische Musikleben dominierte und eine internationale Größe war. Das Oratorium über den Märtyrertod der heiligen Agnes, eines zwölfjährigen Mädchens, wurde vermutlich 1677 in Rom und sicher 1678 in Wien aufgeführt; das Libretto stammt vom dichtenden Kardinal Pamphili und ist übervoll von Bildern und theologischen Anspielungen. Als typisches italienisch sprachiges ‚Oratorio volgare‘ der Zeit besteht das Werk aus einer Abfolge von Rezitativen und Arien, in denen zum – in der Innsbrucker Aufführung ebenso farbenreich besetzten wie stilsicher interpretierten – Continuo ein Streicherapparat tritt, den Alessandro de Marchi in Concerto grosso-Manier und durchaus schlüssig abwechselnd solistisch und chorisch spielen ließ.

Zu schön, um effektvoll zu sein

Pasquinis Agnese hat schöne Nummern und Pasquini erweist sich als Meister kantabler Kontrapunktik, aber der Musik fehlt es an dramatischen Höhepunkten. Fast zwei Stunden lang passiert wenig, während hauchzart-liebliche Musik dem Ohr schmeichelt – sicher ein Genuss für alle Sinne, aber etwas zu lukullisch für meine Ohren. Zugegeben: Wunderschön zart gelangen der Academia Montis Regalis die meist imitativen Einsätze der Orchesterritornelle in den Arien. Aber allzu selten hatte das Ensemble Gelegenheit zu dramatischen Ausbrüchen. Die szenische Umsetzung tat das Ihrige zum eher blassen Gesamteindruck. Das sparsame Repertoire an Gesten und Verrenkungen inklusive reduktionistisch knappem Bühnenbild hätte man sich gut und gerne sparen können: Das war zu wenig. Das Oratorium hinterließ insgesamt den Eindruck, dass es besser aufgehoben wäre bei einer konzertanten Aufführung in einer Kirche – dieses Werk bietet einfach zu wenig an Aktion für eine szenische Umsetzung. Fazit: Man hätte sich einiges an Geld ersparen und zum Beispiel nur die noch am schlüssigsten wirkende Lichtregie einsetzen können.

Van Rensburg und Abate als Stars des Sängerensembles

Das Sängerensemble bot beachtliche Leistungen. Mit mädchenhaftem Charme und glockenklarer Stimme gestaltete Emmanuelle de Negri die Titelpartie, wirkte also als engelsreiner, unschuldiger Noch-nicht-Teenager glaubhaft. Der Countertenor Martin Oro war ein guter Flavio mit etwas gewöhnungsbedürftigem Timbre und angestrengten Passagen. Karin Roman blieb als Mutter der Agnes eine Randfigur und sorgte für eine bestenfalls solide Darbietung, während Kobie van Rensburg als ‚Bösewicht‘ Aspasio nicht nur schauspielerisch, sondern vor allem stimmlich voll und ganz überzeugte. Mit profundem und trotzdem beweglichem Bass füllte Antonio Abete die Rolle des Präfekten eindrucksvoll aus.

Es ist dem überaus umsichtig agierenden Cembalisten und Leiter der Aufführung Alessandro de Marchi und seinem Ensemble grundsätzlich hoch anzurechnen, dass sie sich eines unbekannten Werkes eines großen Komponisten angenommen haben, doch Pasquinis Agnese ist eben das Gegenteil eines dramatischen Reißers, vielmehr ein kontemplatives und theologisch etwas überfrachtetes, interessantes, aber eben nicht wirkungsmächtiges Stück Musikgeschichte. Ein sensationeller Abend war das nicht.

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Kritik von Dr. Franz Gratl



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Hauchzart und unspektakulär: Pasquinis Sant‘Agnese: 2. szenische Produktion der Innsbrucker Festwochen

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Bernardo Pasquini

Mitwirkende: Alessandro de Marchi (Dirigent), Academia Montis Regalis (Orchester), Antonio Abete (Solist Gesang), Kobie van Rensburg (Solist Gesang), Martín Oro (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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