> > > > > 12.08.2008
Sonntag, 20. Oktober 2019

René Jacobs

Jacobs' Belshazzar macht in Innsbruck Station

O wär's doch konzertant gewesen...

Unter der künstlerischen Leitung von Rene Jacobs haben die Innsbrucker Festwochen einen Weg eingeschlagen, der wohl so manche Festivalbesucherin und manchen Festivalbesucher der ersten Stunde mit Wehmut und Sorge erfüllt: Längst wurden die Ideale des Festivalgründers Otto Ulf über Bord geworfen, längst ist Innsbruck nicht mehr der Ort, wo exklusiv unbekannte Barockopern in aufsehenerregenden Weltpremieren präsentiert werden, möglichst mit Bezug auf die reiche Opern- und Musikvergangenheit der Stadt. Jacobs – als Sänger ein Mann der ersten Stunde in Innsbruck - verwirklicht primär seine Projekte und prinzipiell ist es ihm egal, ob er das in Berlin, Brüssel, Aix-en-Provence, Paris, Toulouse oder sonst wo macht – so werden die Aufführungen bei aller hohen Qualität grundsätzlich austauschbar und das ist einfach schade. Der Belshazzar zum Beispiel wurde in Berlin gezeigt und wandert nach Aix weiter. Wenn Freunde der Barockmusik die gleiche Aufführung auch anderswo erleben können, wieso sollen sie nach Innsbruck kommen? Ich denke, dass sich das Festival, um seine Identität zu wahren, auf die Ideale der Gründerzeit zurückbesinnen sollte: Wald- und Wiesenprogramme und persönliche Selbstverwirklichungs-Festivals laufen sich auf die Dauer tot.

Ein großes, zu Unrecht eher unbekanntes Händel-Oratorium

Belshazzar ist ein eher unbekanntes Oratorium Händels – völlig zu Unrecht. Was der Komponist in diesem Werk an Dramatik, psychologischer Durchdringung der Figuren und innovativer Behandlung des Chores zuwege gebracht hat, ist schlichtweg phänomenal. Belshazzar ist eine Parabel über die Nichtigkeit menschlichen Strebens, das Recht zum Tyrannenmord, den Sieg der Tugend und des Glaubens an den einen Gott. Jacobs schreibt im umfangreichen Programmbuch (‘Heft’ wäre gänzlich untertrieben) ausführlich über die Qualitäten des Werkes, das die biblische Geschichte vom letzten Babylonierkönig aufgreift, dessen Ende und Untergang Gott selbst im berühmten, vom jüdischen Propheten Daniel gedeuteten ‚Menetekel’ prophezeit und dessen Reich vom Perserkönig Kyros erobert wird.

Die musikalische und szenische Umsetzung

‚Zeit der Wunder’ lautet das Motto der Innsbrucker Festwochen in diesem Jahr. Wie ein Wunder erschien es mir vor allem, dass SängerInnen, Chor und Orchester den eigentümlich ungelenken Bewegungen von Rene Jacobs am Dirigentenpult, seinem rudernden Einheitsschlag folgen konnten. Taten sie das überhaupt, oder entwickelten sich Singen und Musizieren hier zu Selbstläufern? Ich hege sehr stark diesen Verdacht. Jedenfalls erwies sich die Akademie für Alte Musik Berlin als ein Klangkörper, der die Partitur stilsicher und akzentuiert umsetzte. Wie bei Jacobs gewohnt agierte die farbig besetzte Continuogruppe fantasievoll und in erstaunlich präziser Übereinstimmung mit den Sängerinnen und Sängern. Kenneth Tarver in der Titelrolle überzeugte als dämonischer Bösewicht, stimmlich vielleicht nicht hundertprozentig, da blieb er etwas eindimensional. Anrührend und mit unglaublich viel Gespür für Händel’sche Melodielinien, dazu schauspielerisch sehr überzeugend agierte die Innsbruck-erfahrene Rosemary Joshua in der Rolle der Nitocris, der mitleidenden Mutter Belshazzars und Kassandra des nahenden Untergangs. Bejun Mehta verlieh dem Cyrus mit seiner nuancenreichen, sicher geführten Countertenor-Stimme vokalen Glanz und Profil. Mit wallenden blonden Haaren und etwas metallisch-monochromem Mezzo wirkte Kristina Hammarström als Prophet Daniel unglaubwürdig und blieb stimmlich im Bereich soliden Durchschnitts. Neal Davies überzeugte mit reifem Bass und ausdrucksvollem Spiel als Gobryas.

Die szenische Umsetzung des großen Oratoriums konnte nicht recht überzeugen. Vielfach wurde so sparsam agiert, dass unweigerlich der Eindruck entstand, es handle sich de facto um eine konzertante Aufführung. Der Chor schlüpfte unvermittelt in verschiedene Rollen, ohne dass dies dramaturgisch glaubhaft vermittelt wurde. Der Bühnenbildner huldigt düsterem Reduktionismus, zu wenige Regieideen beleben den Gang der Handlung. Spannend wurde der Abend primär durch Händels überaus dramatische und mit dem ausgeprägten theatralischen Gespür des erfahrenen Opernkomponisten komponierte Musik. In Belshazzar sind es vor allem die Chöre, die den Gang der Handlung auf höchst originelle Weise vorantreiben. Der RIAS-Kammerchor erwies sich als perfekter Klangkörper für die Chöre des Oratoriums – Flexibilität und ein homogener Chorklang wurden komplettiert durch herausragende Chorsolisten. Der souveräne Spitzen-Chor aus Berlin war ohne Zweifel der Star des Abends.

Insgesamt gelang Jacobs ein musikalisch überzeugender Händel-Abend, auf die szenische Umsetzung hätte er besser verzichtet, aber das Werk wirkte aufgrund seiner immanenten dramatischen Kraft ohnehin aus sich heraus.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



Kontakt zur Redaktion


Spannendes Musikdrama szenisch verwässert: Händels Belshazzar unter Jacobs in Innsbruck

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: RIAS Kammerchor (Chor), René Jacobs (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Neal Davies (Solist Gesang), Krista Hammarström (Solist Gesang), Bejun Mehta (Solist Gesang), Rosemary Joshua (Solist Gesang), Kenneth Tarver (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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