> > > > > 05.09.2008
Montag, 6. Juli 2020

Cecilia Bartoli widmet sich Maria Malibran

Begeisterung für eine große Kollegin

Cecilia Bartoli verfolgt eine clevere Karrierestrategie: Vor Jahren in den Massenmedien beinahe so präsent wie heute Anna Netrebko legte sich der Rummel um ihre Person nach und nach wohl auch deshalb, da Bartolis Stimme wegen des kleinen Volumens in den großen Opernhäuser regelrecht verloren geht. Doch der 1966 in Rom geborenen Künstlerin ist es Dank ihres Pioniergeists für unbekannte Werke gelungen, im Gespräch zu bleiben. Gegenstand ihres Interesses war diesmal die vor 200 Jahren geborene Diva Maria Malibran. Bartolis musikhistorischer Spürsinn fand nicht nur in Konzerten, einer CD sowie einer mobilen Ausstellung ihren Niederschlag, sondern brachte auch wieder Halévys für die Malibran komponierte ?Clari? ans Tageslicht. Das im Dezember 1828 im Pariser Théâtre-Italien uraufgeführte Werk -das übrigens auch den ersten wirklichen Erfolg für Halévy bedeutete und von der damaligen Kritik positiv aufgenommen wurde- in einem Opernführer zu suchen ist ein hoffnungsloses Unterfangen, es wurde in den letzten 150 Jahren nirgends gespielt, auch eine CD-Einspielung existiert nicht.

Über die Entstehung gibt es kaum gesicherte Fakten: Die Vermutung liegt nahe, dass die Ballettpantomime ?Clari ou La Promesse de mariage? von Rodolphe Kreutzer und Louis-Jacques Milon als Vorlage für das Libretto von Pietro Giannone diente. Gleichzeitig kann aber auch Baculard d'Arnauds ?Clary ou Le Retour à la vertu recompensé? die Basis für die biedere Handlung gewesen sein: Unter dem Vorwand eines Heiratsversprechens ist das Bauernmädchen Clari von einem Herzog auf sein Schloss gelockt worden. Dort verwöhnt er sie zwar mit kostbaren Geschenken, doch von der Eheschließung will er nichts mehr wissen. Als anlässlich von Claris Geburtstag ein Schauspiel aufgeführt wird, das genau ihre eigene Geschichte widerspiegelt, wird sie sich der Ausweglosigkeit ihrer Situation bewusst, fühlt sich verraten und verlässt den Hof. Doch der Rückweg in ihr Heimatdorf, wo sie als entehrt gilt ist ihr versperrt: Gerade noch rechtzeitig ist sich der Herzog jedoch über seine wahren Gefühle klar geworden und sucht sie zu Hause auf. Dem Happy End steht nichts mehr im Wege. Wie also nun ein solches Stück auf Bühne bringen? Ein naturalistischer Ansatz würde die Geschichte noch mehr ins Lächerliche ziehen. Und so griff Regisseur Moshe Leiser zum Mittel der sanften Persiflage: Er verlegt die Handlung in die Gegenwart, in der sich der offenbar neureiche Duca mit ausgeprägtem Sinn für schlechten Geschmack auf Clari im Internet gestoßen ist. Leiser gelingt den gesamten Abend in bravouröser Weise eine Trennlinie zwischen dem oberflächlich, lächerlichen Ambiente des Duca und Claris Gefühlen, ohne durch die Ironie das Stück selbst anzugreifen.

Ganz der Theaterpraxis des 19. Jahrhunderts entsprechend hat Bartoli zwei zusätzliche Arien in die Produktion eingefügt: Dies betrifft zum einen Rossini, dessen Desdemona zu den Paraderollen der Malibran zählte, die sie auch 1828 in unmittelbarer Nähe zu ?Clari? am Théâtre-Italien verkörperte, und deren berühmte Arie ?Assisa al piè d?un salice? sie offenbar auch in ?Clari? einbaute. Für die Wertschätzung von Halévys Partitur ist dies nicht unbedingt ein Vorteil, zeigt sich hier doch die Kluft zu einem tatsächlichen Meisterwerk. Der zweite Einschub ist Halévys 1850 in London uraufgeführtem ?La tempesta? entnommen. Bartolis enormen Stimmumfang kommt die drei Oktaven umfassende Partie mit all ihren Verzierungen ideal entgegen, wenn auch Phrasen in der Mittellage nun unsteter klingen sowie die Höhe aber auch die Tiefe nicht mehr die volle klangliche Präsenz aufweisen. Dieser nüchterne Befund tritt allerdings dank Bartolis unglaublicher schauspielerischer Präsenz in den Hintergrund sobald sie die Bühne betritt. Für den Duca ist John Osborn eine rollendeckende Besetzungsvariante, wenn man sich diverse Spitzentöne auch müheloser wünschen würde. Die beiden Züricher Ensemblemitglieder Carlos Chausson (Vater) und Eva Liebau (Bettina) sind auch in diesen beiden Rollen ein Gewinn, auf Stefania Kaluza (Simonetta) trifft dies nur mehr bedingt zu. Vokaler Schwachpunkt der Sängerliste ist eindeutig Oliver Widmer klein- und engstimmiger Germano. Adam Fischer am Pult des hauseigenen Originalklangkörper ?La Scintilla? blieb weitgehend unauffällig sorgte allerdings für einen bei diesem Repertoire befremdlich trockenen Klang.

Ob das Werk für die Spielpläne nun langfristig rückgewonnen werden kann sei dahingestellt, die Produktion hat sich jedenfalls gelohnt!

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Begeisterung für eine große Kollegin: Cecilia Bartoli widmet sich Maria Malibran

Ort: Opernhaus,

Werke von: Jacques François Fromental Halévy

Mitwirkende: Adam Fischer (Dirigent), La Scintilla (Orchester), Cecilia Bartoli (Solist Gesang), Carlos Chausson (Solist Gesang), Eva Liebau (Solist Gesang), Stefanie Kaluza (Solist Gesang), Oliver Widmer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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