> > > > > 11.07.2009
Freitag, 19. August 2022

Giuseppe Verdi

Verdis 'La Traviata' im Römertheater von Orange

Der kompromittierende Todesstoss

Die Kurtisane leidet still vor sich hin. Myung-Whun Chung dirigiert Verdis Oper 'La Traviata' im Römertheater von Orange subtil, ist auf feine Zwischentöne aus. Er unterlässt mit seinem zart und feinsinnig aufspielenden Orchestre Philharmonique von Radio France jegliche laut ausbrechende Larmoyanz. Der auswendig dirigierende, zierliche koreanische Maestro setzt nur in den Ballszenen um Verdis Titelheldin Violetta Valery einige scharf markierte Akzente. Sonst sekundiert er aus einem meditativ mitfühlenden Gestus heraus seinen Gesangssolisten einen abgeklärt feinnervigen Orchesterklang, der bereits im 'Traviata'-Vorspiel der leichten Seufzerbetonungen nicht entbehrt. Chung schaffte subtile Klänge von Verklärung, ließ seine fabelhafte Oboistin (Hélène Devilleneuve) zu Violettas Lamento-Schlussgesang in klagender Hingabe alternieren.

Diese 'Traviata'-Aufführung der leisen Töne fesselte die Zehntausend im provenzalischen Römertheater Oranges gerade deshalb, weil Meister Chung sie mit seiner hohen Innenspannung suggestiv zum Zuhören zwang. Das war gleichsam Kammermusik im Riesenraum der Römer-Arena. Einfach fantastisch. Wer Ohren hatte, zu hören, der machte sie weit auf und hörte einfach hin.

Er hörte dann auch auf die seelenvoll feinsinnig vortragende Violetta von Patrizia Ciofi. Die Italienerin gab eine absolut glaubwürdige, geläuterte Titelheldin ab. Man verspürte noch die zartesten Regungen von Verdis Seelenpartie. Dank einer fabelhaften Gesangstechnik erzielte die Sopranistin eine Intensität der leisen Töne. Das war Stimmbeherrschung ganz im Dienste des Ausdrucks. Sauber im Figurativen kamen Fiorituren flockig ohne Forcieren. Ihren Todesgesang brachte diese Violetta in tragender Subtilität und übernatürlicher Ruhe. Sie vermittelte hohe Gesangskunst voller Ebenmäßigkeit und Rundung ohne jegliches Auftrumpfen.

Brauchte es bei solcher musikalischer Subtilität Ciofis und Chungs überhaupt noch einer Inszenierung oder störte eine solche nur, ob sie nun behutsam bebilderte oder Kontrasteffekte gesetzt hätte? Frédéric Bélier-Garcia arbeitete für die Szenenwechsel mit beweglich einfahrbaren, trapezförmigen Versatzstücken. Sie gestatteten es ihm, Bilder zugunsten einer optischen Zusammenschau zu verbinden. So war das Todesbett bereits im ersten Bild aufgefahren. Die Festszene Floras mit der Kompromittierung Violettas durch Alfredo im dritten Bild hielt Bélier-Garcia dann über den Szenenwechsel ins Vorspiel der finalen Sterbeszene an: Es war gleichsam Violettas psychologischer Todesstoss.

Daneben füllte der Regisseur die hundert Meter breite Szenerie vor der „Grand-Mûr“-Römerwand mehr oder weniger geschickt aus: Weniger bei der zu engen Seiten-Ballszene im ersten Bild und auch dem zu kargen Landhaus-Bild. Akzeptabel belebt gelangen dann der Einschub des Brautbildes von Alfredos Schwester in der Landhaus-Szene und Floras Fest mit einem Lafetten-Stier, dem breiten Pokertisch und dem fahrbaren Zigeuner-Podium. Zu Violettas Todes-Faschingstraum marschierte eine Schwellkopf-Abordnung auf. Auch hatten die Solisten wieder die Rahmenmauer des Orchesters zu umrunden.

Dies tat neben der fabelhaften Patrizia Ciofi auch Liebhaber Alfredo, für den der junge Italiener Vittorio Grigolo noch nicht die ganz große Stimme einzusetzen hatte. Grigolo sang mit seinem zart funkelnden Tenor noch verhalten und erzielte kaum die ganz große Passion. Im Landhaus-Akt gewann er dann mehr und mehr an rhythmischem Profil und Leidenschaft.

Ausladender hätte auch Marzio Giossi als Vater Giorgio Germont agieren können, der kaum über mittlere Stärkegrade hinaus kam. Mit seinem teils etwas vibrierenden Bariton formte Giossi zwar kultiviert aus, es fehlten aber die großen, flehentlichen Entladungen zur Rettung der Germontschen Familienehre. Gut durchdringend, aber etwas belegt vernahm man die Flora von Laura Brioli, wohlgesetzt Christine Labadens Anina. Nach ihrer stillen Fesselung im unbequemen Steinrund der „Chorégies d’Orange“ spendeten die Zehntausend lauten und lang anhaltenden Beifall.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Verdi: 'La Traviata': Römertheater Orange

Ort: Chorégies d'Orange,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Myung-Whun Chung (Dirigent), Orchestre Philharmonique de Radio France (Orchester), Patrizia Ciofi (Solist Gesang), Laura Brioli (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Chorégies d'Orange

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