> > > > > 10.07.2008
Samstag, 10. Dezember 2022

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Der Rosenkavalier“ zum Dresdner Ende der Saison

Erschöpfungstheater zum Spielzeitschluss

Die Oper ist ein sonderbar Ding. Zwei Frauen im Halbdunkel, als Männer verkleidet, angepeitscht vom großen Orchester unter der Leitung von Fabio Luisi, spielen eine erotisch gemeinte Szene. Sie entkleiden sich und legen sich aufs Bett. Wenn die Musik sich beruhigt, die Damen haben es längst getan, dann ist die eine Frau und die andere tut weiterhin so, als wäre sie Mann, ein ‘Bub’. Der Bube ist natürlich heimlich im Schlafzimmer der Dame, die eine Frau Marschallin ist, deren Gatte, der Herr Feldmarschall, im Feld ist. Und dann, wie in der Komödie üblich, droht die Heimlichkeit aufzufliegen, Rettung bringt nur Verkleidung. Also springt der Bub, der eine Frau ist, ins Bad der richtigen Frau, wo sie auch gleich so gut wie alle weiteren Requisiten aufbewahrt die noch gebaucht werden, und kommt als Kammermädchen verkleidet heraus und kann, weil die Frau, die einen Mann spielt, jetzt eine Frau spielt, nicht in den Absatzschuhen laufen, die dafür aber – welch Zufall – ausgezeichnet passen. Und so geht es weiter. Drei mal. Jeweils länger als eine Stunde lang. Die Zeit ist ein sonderbar Ding. Ein kostbares Gut ist sie auch.

Das alles sind Dinge und Gedanken, die kämen einem vieleicht gar nicht in den Sinn, könnte man annähernd verstehen, warum das so passieren muss, welchen Witz es macht und was die Menschen denn um alles in der Welt in so komische und dabei sogar tragische Situationen bringt, dass sie sich dermaßen ausliefern müssen. Aber man versteht es einfach nicht, der Text der beiden Damen vermischt sich dermaßen mit dem Klangteppich des Orchesters dass am Ende alles irgendwie zusammen ganz schön klingt und darin einzelne Worte, Fetzten von Silben, vernehmbar sind. Als dann noch etliche Menschen mehr auf der Bühne sind ist es ganz aus mit der Deutlichkeit und auch bei dem Herrn Baron auf Brautschau, mit Namen Ochs auf Lerchenau, kommt nur maximal jedes dritte Wort verstehbar an. Aber ein Silbenrätsel ist eine Oper ja auch nicht.

Wie erlöst reagiert das Publikum mit an dieser Stelle ansonsten gar nicht üblichem Szenenapplaus, als der Tenor Wookyung Kim als italienischer Sänger eine schöne italienische Arie singt, weil sich da endlich etwas zu lösen scheint, etwas aufzubrechen aus dem Gleichmaß eines so unentschiedenen wie schwer nachvollziehbaren Geschehens auf der Bühne der Dresdner Semperoper.

Zum Saisonschluss üblich gibt’s den Rosenkavalier, Dresdens Welterfolg, vor so gut wie vollem Haus. Die vierzigste Vorstellung der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg aus dem Jahre 2000, offenbart dringenden Präzisierungsbedarf. Weder die Melancholie aus Abschied und Vergänglichkeit, noch die Farce der Maskerade oder die beißend spottende Satire gewinnen angemessene Konturen. In der Titelpartie, in Hosen, im Rock und nochmals in Hosen und dann wiederum im Rock, bleibt Anke Vondung darstellerisch vor allem unentschieden. Kurt Rydl dürfte zu den gereiften Jahrgängen unter den Darstellern des Ochs gezählt werden. Mit markigen Tönen trumpft er auf, an Zwischentönen mangelt es. Ofelia Sala, von der Regie her zwar kräftig gedacht, tut sich schwer mit den Feinheiten der Partie der verkauften Braut Sophie von Faninal, deren neureichen und bornierten Vater Hans-Joachim Ketelsen mit Lust an der Karikatur gibt. Anne Schwanewilms, als Marschallin die heimliche Hauptperson des Stücks, ist der Lichtblick des Abends. Der Zauber geht von ihren schönen Tönen aus, die man fast einzeln bewundern kann, die Erfüllung wäre eine höheres Maß an Kunstfertigkeit der Verbindung dieser ausnahmslos gelungenen Töne zu größeren Bögen.

Dazu ein großes Ensemble, Bedienstete hier und dort, Aufschläger, Intriganten und arme Schlucker, Knechte, Kellner, Kinder und Lakeien. Alle geben ihr Bestes, wo und wie sie das machen sollen, hat man ihnen mitunter wohl erst sehr spät oder gar nicht gesagt. Das Kollektiv funktioniert, man hilft sich, schiebt schon mal unmissverständlich einen offensichtlich gänzlich unerfahrenen jungen Darsteller in seine ungefähre Richtung. So geht am Ende ein ungefähr ganz guter Abend zu Ende, und eine ungefähr ganz gute Spielzeit unter Leitung des neuen Generalmusikdirektors.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Richard Strauss, Der Rosenkavalier

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Uwe Eric Laufenberg (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Anke Vondung (Solist Gesang), Kurt Rydl (Solist Gesang), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Anne Schwanewilms (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Georges Bizet: Jeux d'enfants op.22

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich