> > > > > 24.06.2008
Montag, 4. Juli 2022

Das Alban Berg Quartett nimmt Abschied

Blick zurück mit Wehmut

Seit Anfang der 1970er Jahre steht der Name des Alban Berg Quartetts stellvertretend für die Bewahrung einer großartigen Kammermusiktradition auf höchstem Niveau. Nachdem der Tod des langjährigen Bratschers Thomas Kakuska im Jahr 2005 eine empfindliche Lücke gerissen hatte, die durch die junge Musikerin Isabel Charisius zwar oberflächlich aufgefüllt aber nicht hundertprozentig gestopft werden konnte, hat das Ensemble zum Ende der laufenden Konzertsaison seinen Abschied vom Konzertpodium angekündigt. Im Rahmen seiner Abschiedstournee trat das Alban Berg Quartett am Dienstagabend als Gast des 'Klavier-Festivals Ruhr' im Alfried Krupp Saal der Essener Philharmonie auf, um dort gemeinsam mit seinen langjährigen Wegbegleitern Elisabeth Leonskaja (Klavier) und Heinrich Schiff (Violoncello) Franz Schuberts große Quintette – das Klavierquintett A-Dur D 667 ('Die Forelle') und das Streichquintett C-Dur D 956 – zu Gehör zu bringen.

Die Eröffnung des Abends mit dem 'Forellenquintett' unter Beteiligung von Alois Posch am Kontrabass geriet dann allerdings ein wenig desillusionierend, da das Ergebnis nicht so recht mit jenen Qualitäten in Übereinstimmung zu bringen war, die man den Musikern in der Vergangenheit immer wieder nachgesagt hat. Vielleicht lag es daran, dass hier nur drei Quartettmitglieder beteiligt waren und die Mischung doch nicht so gut wie erhofft funktionierte: Nach einem unkonzentrierten und fahrigen Beginn, bei dem die Beteiligten eher aneinander vorbei als miteinander musizierten und unter Koordinationsproblem litten, konnte das Quintett erst bei der Wiederholung der Exposition zu einem halbwegs schlüssigen Zusammenspiel finden. Ständige Balanceprobleme zwischen dem häufig fast verdeckten Klavier sowie zwischen den Mitgliedern der Streichergruppe bestimmten aber auch den weiteren Verlauf. Leonskajas souveräner Vortrag kam daher nur dort zur Geltung, wo sich – wie in einigen Variationen des vierten Satzes – das Streichquartett mit Zurückhaltung allein den Begleitstrukturen widmete. Im Zusammenwirken ließen nur einzelne Passagen wie die Kopfsatzdurchführung oder die Kantilene im langsamen Satz etwas von der Konzentration spüren, die zu einer wirklich gelungenen Umsetzung des Werkes gehört; vieles andere litt dagegen unter klanglichen wie technischen Unschärfen.

Im zweiten Teil waren sie dann aber doch zu hören – wenn auch nicht ohne Eintrübungen: jene Momente von zauberhafter Klarheit  und mitreißender Intensität, die das Spiel des Alban Quartetts immer geprägt hat. Unter Mitwirkung von Heinrich Schiff wurde das späte C-Dur-Quintett im Wechselspiel von Lyrik und Dramatik musiziert. Das Ensemble erschien gegenüber der ersten Konzerthälfte wie ausgewechselt: Tatsächlich fanden die Musiker hier zu einer wundervollen Dichte, etwa beim schwelgerischen Duett der beiden Celli in Kopfsatz und Finale, im dunkel abschattierten und in den Pianotönen nuancenreich musizierten ‚Andante sostenuto’-Mittelteil des Scherzos oder vor allem in den fast verlöschenden, vibratolos vorgetragenen Harmonien, mit denen Schubert den emotionalen Tiefpunkt seines langsamen Satzes so unnachahmlich markierte. Dies alles entschädigte für manche kleine Nachlässigkeit, die in den raschen Sätzen auf das Konto von Primarius Günter Pichler ging, dessen harte und unflexibel wirkende Bogenführung mitunter klanglich nicht zum wesentlich weicheren Vortrag der übrigen Musiker passen wollte.

So bleibt schließlich noch das wehmütige Resümee, dass sich hier ein bedeutendes Ensemble, das mit seinen Konzertprogrammen, Aufführungen und Platteneinspielungen Intpretationsgeschichte geschrieben hat, vielleicht eine Spur zu spät vom Podium verabschiedet hat. Die minutenlang anhaltenden stehenden Ovationen, mit denen das Ensemble am Ende vom Publikum bedacht wurde, waren in diesem Sinne sicherlich auch als Würdigung für viele Jahre unermüdlichen Einsatzes gedacht.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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Alban Berg Quartett – Abschiedskonzert: Alban Berg Quartett mit Leonskaja und Schiff

Ort: Philharmonie,

Werke von: Franz Schubert

Mitwirkende: Alban Berg Quartett (Orchester), Elisabeth Leonskaja (Solist Instr.), Heinrich Schiff (Solist Instr.)

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