> > > > > 29.05.2008
Freitag, 7. Oktober 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Neuer Ballettabend in Dresden: „Zwischenlicht

Zwischen Morgenlicht und Abendlicht ein Steptext

Kaum zu glauben, aber William Forsythes Choreografie ‘Steptext’ von 1985 kann noch immer Zuschauer verunsichern und sogar provozieren. Das gebrochene Spiel mit Licht und Dunkelheit, mit gestoppter Musik, vor allem der Beginn vor dem Beginn, wenn ein Tänzer bereits in der Pause raumgreifende Bewegungen vollführt, verdutzt zumindest das Publikum in der Dresdner Semperoper.
Am Ende aber, und das ist nicht zuletzt der exzellenten tänzerischen Umsetzung durch Elena Vostrotina in rot, Claudio Cangialosi, Pavel Moskvito und Mykola Abramenko, alle drei Herren in schwarz, zu verdanken, starker Beifall.

Es ist verblüffend, wie die Tänzerin und die Tänzer Forsythes Bewegungskanon mit jenen Stimmungen versehen, die aus dem Geiste der von ihm gebrochenen klassischen Traditionen kommen. Die aktuelle, moderne Eleganz aus zeitgemäßer und technischer Präsenz, die zum Markenzeichen der Dresdner unter ihren Chefs Aaron S. Watkin und David Dawson werden könnte, bekommt dem Stück sehr gut. Die Bewunderung technischer Raffinessen verstellt nicht den Blick und für den Empfindungsreichtum dieser Körpersprache der gebrochenen Bewegungen und plötzlicher Veränderungen der Richtungen. Forsythes Arbeit, zumal in einer so glücklichen Wiedergabe, ist der bewegte Beweis dafür, dass innerhalb eines strengen Regelwerkes, wie er es ja letztlich auch kreiert, die Freiheitsräume von solcher Dimension sind, dass sie in der Wahrnehmung und den daraus folgenden Assoziationen zu schönsten Freiheitsträumen werden können. Insbesondere dann, wenn man einem Tänzer wie Claudio Cangialosi zusehen darf, dessen außerordentliche Führung der Armbewegungen zu einer modernen Ausdrucksform romantischer Sehnsucht wird. Musikalisch bedeutet die Korrespondenz mit Johann Sebastian Bachs Chaconne aus der Partita Nr. 2, BWV 1004, in einer Aufnahme mit Nathan Milstein, Rückversicherung und Aufbruch zugleich.

Weil die Damen und Herren der Sächsischen Staatskapelle auf Reisen sind, wird auch die Musik zur abschließenden Choreografie ‘Sinfonietta’ eingespielt. Karel Ancerl und das Czech Philharmonic Orchestra sind beste Anwälte für die Musik von Leos Janácek. Der ‘historische’ Sound passt gut zur melancholischen Grundstimmung des choreografischen Einstands von Jirí Kylián von 1978, nach seinem Weggang aus der tschechischen Heimat. Das springfröhliche, mit technischen Raffinessen versehene Stück mit den folkloristischen Anklängen und den romantisch anmutenden zarten Passagen atmet viel Sehnsucht in der Suche nach biografischer Rückkoppelung.

Die aktuelle Aufführung des ‘alten’ Stückes wirkt dermaßen frisch, dass man nur wünschen kann, es möge noch oft so zu erleben sein, zumal auch hier ganz besonders die Besetzung der sieben Paare mit Solisten, Halbsolisten, Coryphées und Mitgliedern des Corps de Ballet die künstlerische Kraft des Dresden SemperOper Ballett hervorragend präsentiert.

Was mit Kyliáns Wegen im Abendlicht zu Ende ging begann, als Dresdner Erstaufführung’ mit so zarten wie weich gezeichneten Morgenstimmungen des Hauschoreografen David Dawson. Alan Barnes hat die Choreografie ‘Morning Ground’, 2004 für das Het Muziktheater Amsterdam entstanden, mit den Paaren Britt Juleen und Raphael Coumes-Marquet sowie Andrea Parkyn und Maximilian Genow einstudiert. Olga Khoziainova spielt dazu das Larghetto aus der Klaviersonate c-Moll op 4 von Frédéric Chopin sowie die Preludes cis-Moll, op 45 und fis-Dur op 28 und die cis-Moll Etude op 25.

In Dawsons Tanz kommen Romantik und Impressionismus zusammen, Erwachen und Schlaf, Willkommen und Abschied. Er führt die vier Menschen zusammen, entlässt sie in die Einsamkeit, von besonderer Berührungskraft die Einsamkeit zu zweien im abschließenden Duett das von Britt Juleen und Raphael Coumes-Marquet in wunderbar selbstbestimmter Anmut dargeboten wird.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Dresden SemperOper Ballett: Zwischenlicht

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Frédéric Chopin, Leos Janácek, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), David Dawson (Choreographie), William Forsythe (Choreographie), Kiri Kylián (Choreographie)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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