> > > > > 23.05.2008
Freitag, 7. Oktober 2022

Tanzplan Dresden mit drei Uraufführungen

Der Freiheit eine (kleine) Szene

Also zunächst mal ‘Erica’ von und mit Pipo Tafel, Mara Tsironi, Florian Zwißler, Carlos Fernández Lopez, Paulo Guerreiro, Paul Wiersbinski und Bruno Cathomas als Mentor. Da sind sie wieder, die jungen Wilden. Gott sei Dank möchte man sagen, und noch mal Gott sei Dank, dass ihnen eine Szene zur Verfügung gestellt wird, auf der sie sich austoben können. Hier müssen sie keine Rücksicht nehmen auf mögliche, zu bedienende, Erwartungshaltungen. Die ‘kleine szene’ der Sächsischen Staatsoper ist frei, und der Tanzplan Dresden, an dem 12 Institutionen und Förderer beteiligt sind, macht´s möglich, dass hier ganz schön frischer Wind frei wehen kann. Am Ende des furiosen ersten Teils, der sich vehement zusammen schüttelt, wissen wir zwar nicht, wer ‘Erica’ ist, aber wir ahnen etwas von der Wirklichkeit des Unglücks oder der anhaltenden Vergeblichkeit und erwischen uns bei der puren Lust dabei zuzusehen.

Pipo Tafel und seine lustvollen Unglücksboten veranstalten so laute wie lautere Spielrunden vergeblicher Varianten in Sachen Trockenschwimmen. Da wird etwas zusammengekocht, was Hunger auf mehr macht. Da wird eine Bühne aufgeräumt um sie im nächsten Augenblick erneut in der ordentlichen Unordnung des performativen Körper- und Bewegungstheaters versinken zu lassen. Da wird Licht gemacht um uns und die Protagonisten im nächsten Augenblick zu blenden, da bekommt ein übergroßer Lampenschirm schöne Männerbeine, dreht sich um einen Pinsel und könnte anschließend aufgespannt als Zeugnis prähistorischer Malerei seinen Platz im Museum erhalten. Da bestimmen Männer in Frauenfetzen an der einzigen echten Frau handgreiflich wie stark sie Frau zu sein hat und versanden letztlich in attraktivem Kreiseln um sich selbst, fesseln ihre Nacktheit mit dem Strick der nichts beendet, weil hier nichts begonnen hat. Sie spielen so wunderbar das Spiel: Was wollen wir spielen?

Das ist ein wilder Tanz, der hungrig macht. Das ist ein harter Sound, der die Ohren größer macht, das ist – zu allem Glück – auch viel Selbstironie und Lust am Scheitern, grundiert durch eingestreute Zitate früherer Scheiternder, wie Dresdens Tanzikone Mary Wigman, Vertretern des Dadaismus, der Verquickung von Kunst und Krieg, das Spiel mit Bildern und Erinnerungen, die zu groß sind wie manches Kostüm, das dennoch kaum die Blöße deckt. Sie stellen sich bloß. Sie halten uns nichts vor und tragen nichts nach. Sie tragen sich und ihre Haut für einen Augenblick zum Markte, und wir auf den sichtgünstigen Podesten sind Käufer, und glücklich, wenn wir einen Blick mehr erhaschen, als wir glauben bezahlt zu haben.

Dann, im zweiten Teil, ‘jamais’, die leere, schwarze Bühne. Nur links, im hinteren Teil, aus der letzten Gasse, eine festliche Tafel in weiß mit vier weiß gekleideten Menschen. Ein Quartett, zwei Frauen, zwei Männer, stummes Spiel, gezirkelt, gekünstelt. Eine Idylle, schönes Theater, schöner Tanz, schöne Musik. Barock, Händel, ‘Ombra mai fu’ – ein wenig Wunschkonzert. Steffen Fuchs hat diese am Ende auf sehr stille, subtile und unterschwellige Weise, verstörende Choreografie mit Marie Sophie Budek, Daniela Dinh, Mevlana van Vark, Michael Veit, Barbara Passow und Sophie Becker als Mentorin geschaffen. Zu Händels Musik kommt weitere Barockvirtuosität, gesteigert bis in die grell blitzenden Schärfen kunstvoll gezüchteter Koloraturfeuerwerke.

Die Musik als eine Folie der Sehnsucht, die weißen Kostüme von Maik Stüven, die in abstrahierter Form die modernen Barockzitate alltäglicher Kleidungsästhetik aufnehmen, und die tänzerische Annahme historischer Formen und Konstellationen des dialogfreien Miteinanders der perfekten Verabredung, sind die vornehmlichen Mittel einer Darstellung von gespenstischem Mechanismus. Fuchs baut in seine Erzählung vom verwalteten Nichts, vom gemeinsam verabredeten Umspielen der Einsamkeit, der künstlichen Bewegung des Stillstandes, des Übertönenes der Stille durch Effekte, Brechungen unterschiedlicher Art ein. Im Tanz der Paare ist es der kaum merkliche Wechsel zwischen Posen und Gesten, wenn aus Positionen Haltungen werden, wenn die Eleganz der Armbewegungen stockt, unterbrochen wird, wenn das Leben die Kunst stört. Dann, ganz in der Tradition des barocken Effekts, der großen Geste des romantischen Balletts, eine Störung in schwarz. In Bewegungen, die zum Boden gerichtet sind, durchstreicht mit harter Kontur eine Tänzerin (‘die Alte’) auf längstmöglicher Linie diagonal den Raum. Fuchs nimmt die Mittel seines Tanztheaters bewusst aus den Traditionen seiner Kunst. Damit setzt er sich selbst hohe Maßstäbe, wenn er etwa neoklassische Zitate in der Art Balanchines wagt, wenn er überhaupt auf die direkte Wirkung der Erzählung kunstvoll bewegter Körper vertraut. Dann setzt sich das weiße Quartett wieder an die Tafel. Das Leben geht weiter. Der Mensch muss essen. Der Mensch muss denken. Und er muss Tanzen um den Stillsand erträglich zu machen.

‘Empire’ heißt die dritte Uraufführung, für die das Team der Tänzerin und Choreografin Takao Suzuki und der der visuellen Komponistin und Videokünstlerin Hannah Groninger, mentoriert von Ulrich Bischoff, verantwortlich sind. Auf der Szene agieren die Tänzerinnen Silvana Suárez Cedeno und Alisa Panchenko, der Trompeter und Komponist Axel Dörner sowie der Mundharmonikaspieler Maxim Nekrasov. Ein Spiel aus Projektionen und Verwirrungen. Ein Spiel mit der Dekonstruktion von Orten, Klängen, Bildern und letztlich auch Menschen, ein Spiel mit Möglichkeiten, mit Verweigerungen und Überraschungen. Aufnahmen aus einem Museum in St. Petersburg, den Bildern und ihren so strengen wie selbstbewussten Hüterinnen, den ‘Museeumsfrauen’, finden vielfältige Verwendung, wenn diese in Gänze oder in Miniaturen und Ausschnitten ihre unterschiedlichen, bewegten oder still stehenden, Projektionsflächen finden.

So wird es möglich, in einer Art optischer Choreografie der Videokunst, die sich in Korrespondenzen zu den körperlich-direkten Choreografien der Tänzerinnen und denen der Töne und Luftströme der Musiker begibt, ein äußerst assoziationsreiches Verwirrspiel der Wahrnehmungen zu inszenieren. Hier werden ein den ganzen Raum einbeziehendes Konzept der Bewegbarkeit und ein stark erweiterter Choreografieanspruch zur Diskussion gestellt. Die Isolierung einzelner Elemente in Bildern spielt ebenso eine Rolle wie die Isolierung einzelner Bewegungsteile der Tänzerinnen und einzelner Klangteilchen der Musiker. Dass dieses Lehrstück nicht zur Lektion vertrocknet verdankt sich der subversiven Sinnlichkeit der ausgezeichneten Protagonisten, insbesondere bei der Zusammenführung professioneller und nichtprofessioneller Tanzelemente, und vor allem immer wieder in den wohldosierten Zugaben des leichten Humors, der diese freundliche Ausdehnung der Wahrnehmungszonen begleitet.

60 Choreografinnen und Choreografen aus 19 Ländern hatten sich um diese Nachwuchsförderung des Tanzplan Dresden beworben. Zur Auswahl von Pipo Tafel, Steffen Fuchs und Takao Suzuki wollen wir den künstlerischen Leitern Aaron S. Watkin, Ballettdirektor des Dresden SemperOper Ballett, Jason Beechey, Rektor der Palucca Schule Dresden und Udo Zimmermann, Intendant des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau, mit Projektkoordinatorin Sabine Stenzel, gern gratulieren und die Namen der Auserwählten wollen wir uns sehr gern merken.


semper kleine szene dresden
Szenenfoto "Erica" Szenenfoto "Erica" Szenenfoto "Erica"

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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semper kleine szene dresden: Tanzplan Dresden, drei Uraufführungen

Ort: Kleine Szene,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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