> > > > > 25.05.2008
Donnerstag, 2. Dezember 2021

Ludwig van Beethoven

Musikfestspiele: Hartmut Haenchens Abschied

Und jetzt alle! Massen-Missa solemnis

Der Start 2002 war verheißungsvoll, der Abschied jetzt überschattet von finanziellen Kürzungen, progammatischen Unsicherheiten und nicht gerade günstigen Vertrauensverhältnissen zwischen Hartmut Haenchen, der seine Intendanz der Dresdner Musikfestspiele beendet, und den kulturpolitischen Entscheidungsträgern der Stadt Dresden. Was von Seiten der Politik in Sachen Kürzungen und Vorgaben als notwendig und unabwendbar empfunden wird, bezeichnet Haenchen als kurzsichtig. Er wollte durch mehr kostenfrei zugängliche Veranstaltungen neue Publikumsgruppen gewinnen, verlegte Konzerte und Veranstaltungen gern auf Wiesen und nutzte Naturkulissen, veranstaltete einen Musikmarathon, bezog Stadteilfeste ins Programm ein, lud ein auf Wagner- oder Glaubenswiesen, womit er aber keinerlei Einnahmen erzielen konnte. Weniger könnte mehr sein, auch bei weniger Mitteln, hieß es immer wieder aus dem Rathaus. Da wird man sich künftig mit dem international renommierten Cellisten Jan Vogler einigen, denn er übernimmt die Intendanz der Dresdner Musikfestspiele.

Beim Konzert zum Abschied bleibt sich Hartmut Haenchen treu. Er dirigiert Ludwig van Beethovens ‘Missa solemnis’ in der Dresdner Kreuzkirche, die Platz für gut 3500 Menschen bietet. Der Chorpart des Werkes, den im Wesentlichen der MDR Rundfunkchor übernimmt, wird partiell mächtig verstärkt durch vier Dresdner Chöre und engagierte Sängerinnen und Sänger, die sich zum Mitsingen anmelden konnten. Solcher Massengesang hat seinen Preis, denn der Klang versschwimmt zur Wolke in der ohnehin nicht ganz einfachen Akustik des großen Kirchenraumes. Zum anderen aber dürfe der emotionale Eindruck für Ausführende und Zuhörende von besonderer Wirkung sein, zumal diese Messe Beethovens sich in einer anderen Art des religiösen Empfindens darstellt als für den liturgischen Gebrauch üblich. Das Werk scheint eher ein meditativer Hymnus, und die Meditationsanstöße sind durchaus sehr dramatischer Natur.

Die Klangbalance zu halten, zwischen dem Chor und den Chören, dem Orchester und einem unterschiedlich agierenden Solistenquartett, ist die größte Herausforderung für alle Beteiligten. Das Werk steuert zu auf die hoffnungsvolle Bitte um den inneren und äußeren Frieden, vertraut letztlich doch der Dramaturgie des Textes der lateinischen Messe, in den Gegensätzen von Klage und Lob zu Beginn, den biografischen Zitaten zur Person Jesu Christi, dem irdischen Träger überirdischer Hoffnungen im Bekenntnis und den abschließenden Lob- und Bittgesängen die der zukünftigen Einheit von Innen und Außen, Oben und Unten, Himmel und Erde, gewidmet sind.

So gelingt Haenchen mit den Damen und Herren des MDR Sinfonieorchesters – der Name des Konzertmeisters wird im Programmheft leider nicht genannt – dem MDR Chor und den Solisten vor allem eine sehr eindrucksvolle Gestaltung des ‘Sanctus’. Diese ‘zarteren’ Passagen mit der Solovioline, den Partien der Solisten und dem verhaltener agierenden Chor, entfalten Wirkungen von größerer Intensität, als etwa die Massenklänge zu Beginn im ‘Gloria’. Die zweimalige Anrufung des Lammes Gottes, mit der Bitte um Sündenvergebung und das finale Gebet um den Frieden in völliger Sündenfreiheit bleibt bei Beethoven eine brüchige Utopie, wenn er lärmende Schlachtenmusik ganz irdisch unter die abhebenden Klänge mischt.

Die Intensität der Verbindung des Dirigenten zum Werk, zu den Klängen einer Utopie vor dem Horizont erfahrener Wirklichkeiten, bestimmt eine Gesamtinterpretation, der man sich nicht entziehen mag, die zudem ein Musikfestival in Dresden, dessen Abschaffung verhindert werden konnte, würdig beendet.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Dresdner Musikfestspiele: Kreuzkirche Dresden

Ort: Kreuzkirche,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: MDR Rundfunkchor (Chor), Universitätschor Dresden (Chor), Hartmut Haenchen (Dirigent), MDR Sinfonieorchester (Orchester), Christianne Stotijn (Solist Gesang), Torsten Kerl (Solist Gesang), Jan-Hendrik Rootering (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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