> > > > > 21.05.2008
Dienstag, 30. November 2021

Von der Utopie des Tanzes und der Musik

Auf der Suche nach Flügeln

Das war ein Abend, wunderbar und festspielwürdig, denn es gab ein Fest der Utopien zu bestaunen. Schade nur, dass es offensichtlich nicht gelungen war zu vermitteln, was den Dresdnern und ihren Gästen da im Schauspielhaus geboten wurde, dessen Parkett übersichtlich besetzt war, dünner wurde es im ersten Rang und der zweite blieb gleich geschlossen. Zu Gast war das Internationale Tanztheater aus Amsterdam, das seit seiner Gründung 1961 als einzige Tanzkompanie ein weltumspannendes folkloristisches Repertoire erarbeitet hat. Das ist ein edler Schatz aus Choreografien, Instrumenten, Musik- und Tanzsammlungen sowie Kostümen und Requisiten.

Jede Produktion dieses hochexzellenten professionellen Ensembles internationaler Tänzerinnen und Tänzer, Musikerinnen und Musiker, widmet sich speziellen Themen der Kulturen von Landschaften, Völkern, Menschengruppen und deren Verwandlungen im Verlauf der Geschichte anhand von Tanz und Musik. 1994 errang die Gruppe mit ihrer Produktion ‘De Reizigers’ (‘Die Wanderer’) einen großen Erfolg, zu Hause in den Niederlanden und auf zahlreichen Gastspielen. ‘Die Wanderer’ sind die Zigeuner mit ihrer Musik und ihren Tänzen, die daher so interessant und bewegend sind, weil sie freiwillig oder oft sehr unfreiwillig, kulturelle Eigenheiten verschiedener Völker übernahmen oder übernehmen mussten, die sie so nicht selten vor dem Vergessen bewahrten.

In Dresden präsentierte das Internationale Tanztheater Amsterdam die Produktion ‘Wanderer aus Rajasthan’, eine Fortführung der genannten Arbeit, ergänzt durch die Erkenntnisse ausgiebiger Forschungen und Reisen. Im indischen Rajasthan begann vor etwa 1000 Jahren die Wanderung der Zigeuner nach Westen durch die Welt. Sie kamen nach Persien, Russland, Nordafrika, Ost- und Westeuropa, brachten kulturelle Identitäten mit, gewannen neue hinzu, ließen zurück und fanden neu, was überlebensnotwendig ist, wenn es gilt, Zusammenhalt und nonverbale Kommunikation zu wahren. Dass dies eine Geschichte der Verfolgungen, der Misshandlungen, der Flucht und der Tränen ist, eine Geschichte am Rande des Abgrunds mit Diskriminierung und versuchter Ausrottung, findet seinen Niederschlag auf sehr unterschiedliche Weise in der Musik, in den Tänzen. Das muss nicht unbedingt in die Trauer führen, eher in den nicht zu brechenden Lebenswillen, in die Kunst der prallen Sinnlichkeit aus Bewegung und temperamentvoller Religiosität.

Die aktuelle Wanderung des Internationalen Tanztheaters beginnt in Indien mit den Tänzerinnen, die sich wie Schlangen bewegen, den Geschichtenerzählern und Puppenspielern, mit den selbstbewussten Männern in Frauenkleidern, fernab aller Travestieklischees, und führt über in die stolze Kunst der Flamencotänzer und Tänzerinnen. Aber Flamenco ist facettenreicher als seine Reduzierung auf nackte Oberkörper gut gebauter Männer weis machen will. Maurische Kulturen Spaniens mischen sich mit den indischen Wurzeln der Wanderer und geben die Grundlage für Tanzformen und Klänge, in denen auch der Kummer seinen Ton findet über kulturelle Zusammenstöße, die auch sehr schmerzhaft sein können. Immer wieder ist in dem atemberaubenden Programm zu erleben, was es bedeutet, sich befohlener kultureller Angleichung zu unterwerfen, auch wenn es für uns, die Zusehenden, von unwahrscheinlichem Reiz ist, zu sehen und zu hören, wenn die Einflüsse des eleganten französisch grundierten Jazz aus Westeuropa einerseits, die ganz anders geprägten Bewegungsformen der Bessarabier andererseits, hinzu kommen.

Immer wieder im Programm des Abends Festtänze aus Indien, rituelle Formen, mit Kämpfen und Rivalitäten, balzenden Werbeformen oder zärtlichem Reigen der Frauen. Hochinteressant die furiosen Tänze mit türkischen Einflüssen oder ägyptischen Wurzeln, russischen Motiven und das bewegende Memento aus Trauer und Widerstand in einem Tanzbild, das sich dem Neuanfang nach den Schrecken des zweiten Weltkrieges und den Verbrechen der Nazis widmet. Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Immer wieder die Tänze der so flinken Beine bei Frauen und Männern, deren Tempo in den Schrittfolgen das Auge nicht folgen kann. Wir halten den Atem an, wenn immer wieder die gestrafften stolzen Körper aus der wilden Bewegung in die elegante Haltung einer Verzögerung übergehen, ein Aufhalten der Explosionen in der so subtilen wie fulminanten Erotik des Tanzes, in dem es um nicht mehr und nicht weniger als das Leben und das Überleben geht, um den Sprung unter Schmerzen, um den Raum der Freiheit in der Unfreiheit.

Umschlossen ist das Programm von einer Rahmenhandlung, die an die jährlichen Prozessionen zu Ehren der Schwarzen Madonna und der Heiligen Sara, jeweils am 24. und 25. Mai im südfranzösischen Le-Saintes- Maries-de-la-Mer erinnert. Von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück. Ein glücklicher Abend auf dunklem Grund, nicht zuletzt Dank einer Gruppe ausgezeichneter Musikerinnen und Musiker, die eine Vielzahl von Instrumenten beherrschen und dazu in unterschiedlichen Stilen zu Hause sind. Der spanische Sänger Carlos Denia Moreno hat die Facetten der Töne und Gefühle für die wundersame Reise der tanzenden Wanderer aus Rajastan.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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