> > > > > 19.05.2008
Freitag, 25. September 2020

Béla Bartók

Das Keller Quartett mit Elsbeth Moser in Dresden

Schwere Schwermut in der Dämmerung

Sie stehen weit oben auf der Rangliste der renommierten Streichquartette. Seit über zwanzig Jahren schon bieten die Mitglieder des Budapester Keller Quartetts für höchste Qualität in Sachen Kammermusik, von der Klassik bis in die Moderne dieses intelligenten Genres. Für das Programm zu den Dresdner Musikfestspielen hatten die Musiker András Keller und János Pilz, Violine, Zotán Gál, Viola, und Judit Szabó, Violoncello, zwei besondere Werke ausgewählt, die es wert gewesen wären, den Abend im Palais im Großen Garten auszufüllen. Zwei Werke des Übergangs, der Grenzüberschreitung und des Abschieds auch, in einem akustisch hochwertigen Saal, dessen zerstörtes Inneres noch immer ungeschönt ein steinernes Memento bedeutet, wovon es so viele in Dresden nicht mehr gibt.

Zu Beginn, in die Abenddämmerung hinein, Ludwig van Beethovens ‘Große Fuge B-Dur, op. 133’. Die Doppelfuge nach der kurzen ‘Overtura’ nimmt sofort gefangen, sprengt sie doch übliche Melodieerwartungen auch den typischen Klang des klassischen Streichquartetts als in Musik gefügte intelligente Unterhaltung kluger Geister. Beethovens Spätwerk verstört noch immer, zumal wenn die Musiker auch gar nicht daran denken, zu glätten, was der existenziellen Widerborstigkeit bedarf. Und dazu Glück im Unglück, etwa zur Mitte des Stückes reißt dem Primarius eine Saite, wir hören das ganze Stück noch einmal, und war es so, oder täuscht die Erinnerung, der Eindruck vertieft sich, die Konzentration nimmt zu.

Zum Abschluss Béla Bartóks Streichquartett Nr. 6 aus dem Jahre 1933. Das viersätzige Abschiedsstück von Europa mit der traurigen Einleitung für die Viola solo. Auch Satzbezeichnungen wie ‘Marcia’ oder ‘Burletta’ im Folgenden können den traurigen Grundduktus nicht verbergen, sind von solcher Melancholie durchzogen, die wir bei Mahler kennen, nur hier in der unerbittlichen Konzentration der Kammermusik. Konzentration, Hingabe und der Verzicht auf jede Äußerlichkeit bestimmen die Interpretationen beider Werke durch die hoch zu lobenden Mitglieder des Keller Quartetts.

Sofia Gubaidulina, geboren 1931, hat der Schweizer Akkordeonsolistin Elsbeth Moser ihre fünf kurzen Stücke unter dem Titel ‘Silenzio’ für Bajan, Violine und Violoncello, von 1991, gewidmet.
Zwischen Beethovens zerrissenem Spätwerk und Bartóks melancholischem Abschiedswerk kann man sich dieser sensiblen Musik, die den Versuch unternimmt, der Stille Klang zu geben, nicht entziehen. Wir werden mitgenommen in die Bereiche des Übergangs zwischen Stille und Ton, in die Denkräume des Übergangs von inneren und äußeren Welten. Dabei kommen auf höchst wunderbare Weise die singenden Töne der Streichinstrumente mit denen des atmenden Luftstroms des Akkordeons zusammen. Zudem trafen hier einfach Meister ihrer Instrumente zusammen, die man üblicherweise nicht oft zusammen beim Musizieren erlebt.

Wolfgang Rihms knappe Stücke ‘Fetzen 5’ für Akkordeon und Streichquartett konnten sich nach der Pause nicht behaupten, zudem waren sie auch schon vorbei, bevor das Ohr wieder eingestellt war. Zusätzlich ins Programm genommen wurde ‘Canticum’ für Akkordeon solo von 2002, als deutsche Erstaufführung, von Iris Szeghy. ‘Mein Streben war es, das Akkordeon in seiner Vielfalt und seinem breiten Ausdrucksspektrum vorzustellen und dabei eine facettenreiche Musik zu schreiben.’, so die Komponistin. Das hat sie getan, so der Eindruck beim Hören, aber vornehmlich in technischer Hinsicht.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


30. Dresdner Musikfestspiele: Keller Quartett und Elsbeth Moser

Ort: Palais im Großen Garten,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Sofia Gubaidulina, Béla Bartók, Wolfgang Rihm

Mitwirkende: Keller Quartett (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Jupiter

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2020) herunterladen (3402 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Lehár: Cloclo - Nur ein einziges Stündchen

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich