> > > > > 14.05.2008
Dienstag, 30. November 2021

Vertaner Abend der Dresdner Musikfestspiele

Vorsicht Tanzperformance!

Und wieder bestätigt sich der Verdacht. Vorsicht ist geboten bei der Bezeichnung ‘Tanzperformance’. Wer nicht genau weiß was er will, was er meint und was letztlich das Publikum bei der Veröffentlichung oftmals sehr persönlicher Arbeitsproben soll, nennt seine Präsentation gerne ‘Performance’. ‘Singing Joints’ heißt die Tanzperformance aus Ungarn, dem diesjährigen Gastland der Dresdner Musikfestspiele, die sich demzufolge schon in der Ankündigung nur sehr vage beschreiben ließ. Am Abend der Aufführung im mäßig besetzten Schauspielhaus ging dann auch ein völlig anderes, im knappen Flyer trotz Redaktion und redaktioneller Mitarbeit auch anders beschriebenes, Geschehen über die Bühne.

Es wird getanzt. Es wird – ja irgendwie schon – gesungen, manipulierte Klänge Bachscher Stücke für Violine werden eingespielt, Geräusche dazu, Atmung und Herzschläge auch. Es wird rezitiert, deklamiert, geflüstert. Live und per Zuspielung, den Sprecher István Rimóczi sieht man im Schattenriss. Überhaupt wird oft mit der Technik des Schattentheaters in Scherenschnittästhetik gearbeitet, Lichtblicke sind heitere Handschattenspiele. Was dabei performativ sein soll? Die hinkenden Schnittstellen und die nicht ganz sauber bewältigten technischen Übergänge können es ja wohl nicht sein.

Der Flyer verweist darauf, dass sich das Team um die Tänzerin Andrea Nagy und den bildenden Künstler Tóbiás Terbessy intensiv mit der ‘Labanotation’ beschäftigt hat. (Die ‘unkorrekte’ Schreibweise hat sich durchgesetzt, eigentlich ‘Labannotation’) Das ist eine Tanzschriftmethode zur Weitergabe von Choreografien, die Rudolf von Laban (1879 bis 1958) entwickelte und 1928 zum ersten mal veröffentlicht hat, deren Zeichenhaftigkeit sich stark an den menschlichen Bewegungen orientiert, die man auch in der Fülle ihrer Möglichkeiten nachzeichnen kann. Also klar, bei ‘Joint’ wird hier nicht an die Tüte gedacht, sondern an die Anschlussstücke, an die Gelenke und deren Beziehung zum Zeichen, zum Klang, zum Geräusch, zum Licht. Das ist auch sehr schnell und gut erklärt, wenn die Tänzerin ausgesprochen anmutig und exzellent in ihrem persönlichen Bewegungskanon zu den Klängen Bachscher Sonaten elegant aus hüpfenden Grundmustern, die klar der musikalischen Linie folgen, zu abstrakteren Formen findet.

Das alles ist noch klarer, wenn in flink einander ablösenden Projektionen lustig zappelnde Gliedmaße der Tänzerin in kleinen quadratischen Filmbildern kommentierend oder anreizend und vorauseilend dazu erscheinen und am Ende die Kunst der Labanotation im Bild erscheint. Das ganze wird dann nochmals klarer, wenn die Stimmkünstlerin Evelin Tóth dazu Vokalisen vorträgt, die stark an die Kunst der peruanischen Sängerin Yma Sumac erinnern, deren Stimmumfang in besten Zeiten gut sechs Oktaven umfasste. Der musikalisierte Dialog mit den Rezitationen des Sprechers, deren Texte als Übersetzung ausgegeben wurden, erschließt sich im Verlauf des Abends nicht, was weniger stört als bei nachmaliger Kenntnisnahme der Dichtung ‘Singende Gelenke’ von Kristián Peer, für Schmetterling, Putzfrau, Narzisse, Sängerin und Schauspieler. Immerhin enthält ein Text mit dem Titel ‘Tanz der Gelenke’ auch die Frage ‘Bitte, sag mir wenn es weh tut?’

Die Schmerzgrenze ist nach ca. 70 Minuten erreicht. Freundlicher Beifall für die Protagonisten, deren persönliches Können außer Zweifel steht, deren Verschwörung zu einer biomechanischen Erkundung der Gelenkkunst, umrahmt von akustischen und visuellen Zeichen, auf wenig amüsante Weise in die Irre führte aber leider keinen Moment lang irre war.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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30. Dresdner Musikfestspiele: Schauspielhaus

Ort: Schauspielhaus Dresden,

Werke von: Johann Sebastian Bach

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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