> > > > > 12.05.2008
Sonntag, 28. November 2021

Andreas Scholl, Eric Larrayadieu

Andreas Scholl und die Accademia Bizantina

Sternstunden zu Pfingsten

Von wegen, ‘Pfingsten sind die Geschenke am Geringsten…’, wie Brecht einst dichtete. Am Pfingstmontag wurden die Besucherinnen und Besucher der 30. Dresdner Musikfestspiele überreich beschenkt. Im Dresdner Schauspielhaus blitzten die Sterne der Musizierkunst. Andreas Scholl und die Accademia Bizantina boten einen Abend der Sonderklasse in Sachen Empfindungsreichtum, Spielfreude und vor allem musikantischer Kommunikation der exzellenten Ausführenden, bei dem das Publikum auf höchst beglückende Weise miteinbezogen wurde.

Zunächst Antonio Vivaldis Concerto C-Dur für Streicher als höchst sinnliche Ankündigung musikalischer Freuden und Genüsse in reichem Maß. Welche Eleganz in der Spielweise der Accademia Bizantina unter der Leitung von Ottavio Dantone. Brillanz und technische Höchstleistungen ja, aber immer um einer höheren Freude willen. Am Zusammenspiel nämlich, an den Reaktionen aufeinander, auch an den Verblüffungen und Überraschungen, denn die Kraft der Ursprünglichkeit geht selbst in so vollkommenem Spiel nicht verloren. Dazu, auch das ganz und gar nicht unwesentlich, der optische Eindruck dieser Gemeinschaft verschworener Spielerinnen und Spieler, ganz bei der Sache und ganz bei uns.

Im Concerto Nr. 8 a-Moll op.3, für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo, RV 522, ist es einfach eine große Lust, den Solisten Stefano Montanari und Stefano Rossi zuzuhören und zuzusehen. Das ist die klingende Utopie der Kommunikation jenseits aller möglichen Missverständnisse des Verbalen. Von besonderer Schönheit, bei aller Hochachtung vor der technischen Brillanz der geschwinden Sätze eins und drei, doch das mittlere Larghetto e Spiritoso, schwebend, leicht und vor allem in kaum gehörter Pianokultur, solistisch und im Zusammenspiel.

Andreas Scholl, sehr herzlich in Dresden begrüßt, beginnt seinen Part mit Händels ‘Bel contento’ aus ‘Flavio, Re de` Langobardi’. Dass er nicht der Kraftmeier ist, wissen wir, dass dieser Sänger ein Meister der Empfindung und deren Vermittlung ist, das erfahren wir an diesem Pfingstabend in Dresden in überreichem Maß. Die Pianotöne, immer klingend, sind seine Stärken, die Schönheit ebenmäßig geformter Töne auch, Emotion und Expression können auch in der Andeutung von enormer Wirkung sein. Von großer Intensität sein Vortrag ‘Selvagge amenità’ aus ‘Engelberta’ von Tomaso Albinoni. Andreas Scholl bleibt in seinem Maß. Er akzeptiert die Grenzen seiner stimmlichen Dimensionen. Aber innerhalb dieser Grenzen erschafft er kraft seiner ästhetischen Intelligenz ein ungeahntes Maß jener musikalischen Freiheit, die in die spirituelle Weite des Klanges führt. Dahin entführt er uns mit ‘Cara Sposa als Händels ‘Rinaldo’ vor der Pause. Gewiss ein ‘Ohrwurm’, aber so verinnerlicht dargeboten wie an diesem Abend, gänzlich zu Recht.

Der zweite Teil des Abends beginnt mit ‘Dove sei’ aus Händels ‘Rodelinda’, und Scholl versteht es, der Sehnsucht Bertradios nach seiner Geliebten betörende Klangfarben zu geben. Immer wieder neu, auch bei den Arien von Porpora, ‘Va´per le vene il sangue’ aus ‘Il trionfo di Camilla’ oder ‘Discordi pensieri’ von Lotti aus ‘Teofane’, zieht der Sänger das Auditorium in seinen Bann, das die von ihm ausgehende Konzentration spürbar genießt, sich erfreut an den Zärtlichkeiten seines milden Gesanges.

Immer kann man sich alles auch anders vorstellen, oft hat man auch etliche Stücke von anderen Künstlern anders interpretiert gehört. Das gilt insbesondere für die blitzende und kämpferische Arie des Cesare ‘Al lampo dell´ armi’, aus Händels Oper ‘Giulio Cesare in Egitto’. Die klingenden Waffen des Andreas Scholl sind sehr fein geschliffen, er bleibt auch im Kampf ein Ästhet, ein Diplomat der Auseinandersetzung. Hier zählen Gültigkeit und Glück des Augenblicks. Mit einer so furiosen wie fulminanten Interpretation von Francesco Geminianis Concerto Grosso ‘Follia’ ließen die Mitglieder der Accademia Bizantina im zweiten Teil des Konzertes noch einmal die Funken sprühen. Für den Sänger und die Musiker gilt, dass sie es verstehen, Hingebung auf hinreißende Weise zu vermitteln.

Wenn man an diesem Abend dem Sänger Andreas Scholl ohne Einschränkung beseelten Gesang bescheinigen muss, dann den Mitgliedern der Accademia Bizantina unter der Leitung von Ottavio Dantone, dass sie einen Geschmack davon vermitteln, was es heißt, die Saiten der Seele zum Klingen zu bringen.

   

 

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


30. Dresdner Musikfestspiele 2008: Schauspielhaus Dresden

Ort: Schauspielhaus Dresden,

Werke von: Antonio Vivaldi, Nicola Porpora, Georg Friedrich Händel, Tomaso Albinoni, Antonio Lotti, Francesco Geminiani

Mitwirkende: Accademia Bizantina (Orchester), Andreas Scholl (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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