> > > > > 11.04.2008
Donnerstag, 29. September 2022

Vorfall in Kwangju in Dresden als Oper

Kunstrasen

So gänzlich neu bebaut ist Dresden ja noch nicht. Noch gibt es Rasenflächen, denen nicht zu trauen ist, weil man nicht wissen kann, was darunter gekehrt wurde und ob die hübsche Blumenrabatte im freundlichen Naherholungsgebiet nicht doch auch ein Grabhügel sein müsste.

In der der kleinen szene der Studiobühne der Sächsischen Staatsoper erblicken wir eine seltsame Szenerie. Giftgrüner Kunstrasen und eine Reihe von sechs gekachelten Zellen oder Duschkabinen, in denen je eine Frau eingeschlossen ist. Das sind eindrückliche Bilder die sich verändern, die Blicke ziehen, sich aber auch immer wieder verflüchtigen. Links davon, in kleiner Behaglichkeit, ein Sofa mit Tisch und der angedeutete Hygiene- oder Nassbereich, davor ein Sandkasten, wie man ihn von Spielplätzen kennt. Dann sehen und hören wir, wie die koreanische Komponistin Ensun Lee mit einem Text von Stefan Ulrich, in der Ausstattung von Julia Beyer, in der Choreografie von Alessandra Fabbri und in Szene gesetzt durch Hendrik Müller, uns den Vorfall in Kwangju in einer Kammeroper nahe bringen möchte. 1980 setzten sich im diktatorischen Südkorea Menschen zur Wehr, sie trotzen autoritärer Willkür und errichteten für einige Tage eine demokratischen Strukturen verpflichtete Selbstverwaltung. Das Militär beendete den zarten Traum von anderen Möglichkeiten, eine hohe Zahl von Todesopfern war zu beklagen. Das Massaker von Kwangju markiert im nationalen Gedächtnis die immerwährenden Gefahren der Willkür und des Machtmissbrauchs.

Eine Oper ist kein Kino, kein Roman, daher muss immer eine ‘kleine’ Handlung mikrokosmisch für das Ganze eines Makrokosmos stehen, was oft die Gefahr der Schematisierung oder Vereinfachung birgt, was wiederum in der Geschichte der Oper dem Erfolg eines Werkes nicht unbedingt im Wege stehen muss. Stefan Ulrich hat nach einer koreanischen Vorlage eine Handlungsfolge in fünf Abschnitten geschrieben, deren wenige verständliche Passagen missionarisch und agitatorisch wirken. Damit befindet er sich – gemäß den Informationen des Programmheftes – sehr nahe an einer politisch konnotierten Amateurkunst des Agitprop, dem ‘Madang-Theater’ die es wohl in ihren Grundstrukturen immer wieder, und nicht nur in Korea gibt, wenn Aufklärung oder Indoktrination nach wirksamen Mitteln sucht.

Die nun uraufgeführte Kammeroper stellt das Schicksal eines Mannes, namens Hong-Suk Park in den Mittelpunkt, der zum wilden Mörder wird, als ihm sein kleines Hab und Gut samt Mutter und Familie zerstört wird und da wo einst sein Haus stand, in blinder Gewalt zum Zwecke planwirtschaftlicher Durchsetzung, ein Naherholungsgebiet errichtet wird. Eine Schamanin kommt vor, Journalisten und Regierungsvertreter, eine Frau und eine andere, die reich ist, Räumungskräfte und ein Bürgermeister. Am Ende grünt giftgrüner Kunstrasen da, wo ein naiver Träumer im Geviert seines Sandkastens sich im Sandkuchenparadies wähnte.

Die Musik für solches Kammermusiktheater, wie es die Komponistin nennt, ist sperrig. Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, erste und zweite Violine, Violoncello und Kontrabass samt stark dominierendem Schlagwerk bilden zusammen mit drei Frauen- und drei Männerstimmen ein Klanggeschehen, in dem wohl von vornherein die Verständlichkeit des Textes nicht beabsichtigt war. Die sicherlich beabsichtigten Klangassoziationen bleiben geheim, der Gesang springt mitunter unruhig getrieben auf und ab, verlangt den jungen Protagonisten auch mehr ab, als ihre stimmlichen Potenzen zuzulassen scheinen. Den Zuhörer beschleicht nicht so sehr das Mitgefühl ob der handelnden Personen aufgrund des Geschehens, sondern ob der Belastbarkeit ihrer Stimmen.

Da sich so keine richtige Bindung an das szenische Geschehen herstellt, hat der Zuhörer bald das Gefühl, er wohne einer sehr privaten Veranstaltung bei, einem Experiment, das ihn gar nicht braucht, das ihn auch nicht gewinnen will. Optisch, in der räumlichen Anordnung des Geschehens hingegen, passieren einige Dinge, die den Blick führen und Assoziationen wecken. Da ist zu erst die mitunter beunruhigende Tatsache, dass wir das Geschehen vor uns haben, aber hinter uns, unseren Blicken entzogen, gleichsam mit allen Vollmachten der unsichtbaren Manipulation ausgestattet, der Dirigent. Der Takt wird hinter unserem Rücken geschlagen.

Der angemessene Versuch, das Geschehen von jeder Historizität und allem möglichen fernöstlichen Ambiente zu befreien ist nur zu begrüßen. Die clowneske Darstellung der Menschen macht etwas deutlich von der Absurdität des Dummen und des Bösen, von der Banalität der Gewalt. So ist der Hauptdarsteller Hong-Suk Park, wie ihn Alexander Schafft spielt, ein zu groß geratener Kindsclown mit nicht gleich erkennbarer Unberechenbarkeit. Seine Widersacher, Matthias Kleinert und Georg Finger, sind eigentlich verspielte Jünglinge in bunten Unterhosen, deren dick ausgepolsterte Männlichkeitsinsignien signifikantere Ausmaße als die Köpfe haben. Selbst die Bierdosen sind eine Nummer zu groß. Die verspielten Kraftprotze kommen auf dumme Gedanken. Maria Meckel als reiche Frau stilisiert sich sogar zur madonnenhaften Ikone im Wohlstandsmüll, während Franziska Neumann, einfach nur Frau laut Programmheft, sich gepanzert hat. Kommt wirklich durch Shoppen und Saufen alles Unheil auf uns? Da verlässt auch für Momente der Regisseur sein Maß, wenn er am Ende alle gesichtslos unter Einkaufstüten als Ausverkausfmodelle verschwinden lässt.

Die großen Momente dieses Theaters entstehen immer dann, wenn der Kampf mit der Materie, die Beschaffenheit der Körper, die Protagonisten in existenzielle Situationen der Erschöpfung oder der Hinlänglichkeit führen. Dann berühren die Klänge, dann ist die Sprache der Körper beredter als das Anliegen der Autoren. Über dem widersprüchlichen Kammermusiktheater schließt sich am Ende kein Vorhang. Alles bleibt offen. Vor allem die Frage, wo wir leben, wenn ein zerstörter Sandkasten Anlass zu tödlichen Gewaltexzessen halber Kinder werden kann.


Sächsische Staatsoper Dresden, kleine szene
Szenenfoto "Vorfall in Kwangju" Alexander Schafft, Tänzerin Georg Finger, Matthias Kleinert, Tänzerinnen

Klicken Sie auf ein Bild von Sächsische Staatsoper Dresden, kleine szene, um die Fotostrecke zu starten (11 Bilder).

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, kleine szene: Uraufführung: Vorfall in Kwangju

Ort: Kleine Szene,

Mitwirkende: Hendrik Müller (Inszenierung)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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