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Samstag, 23. Januar 2021

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Liederhalle Stuttgart, Copyright: Pjt56

Liederhalle Stuttgart, © Pjt56

Rilling mit einer beeindruckend schroffen Passion

Entritualisiertes Leiden

In einer säkularen Gesellschaft, in der Gott zur wortgewaltigen Parole eines Lobbyisten namens Kirche verkümmert zu sein scheint, gehören die Bachschen Passionen in der Woche vor dem Ostersonntag zum Erbe einer anderen Zeit. Heute sind sie Teil eines Rituals, dem sich auch diejenigen anschließen, die mit Gott und Kirche längst gebrochen haben. Eine Karwoche ohne Passion ist für viele wie ein Advent ohne Kranz, Weihnachten ohne Baum und Ostern ohne Eier. Dafür braucht es weniger Glauben, als vielmehr den allmächtigen Druck der Tradition.
Dennoch ist jede Aufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach mehr als nur Tradition. Ihre Botschaft und ihr Gehalt lassen nicht kalt, sie trifft jeden auf irgendeine Weise. Das Erlebnis der Passion ist damit in nichts mit der rührenden Zufriedenheit zu vergleichen, die wir an Weihnachten unterm Tannenbaum als Teil des Kollektivs der anderen Tannenhocker empfinden. Die Matthäuspassion, die Geschichte des geschundenen Individuums, macht einsam.

An der Tradition der Passionswoche beteiligten sich natürlich auch Helmuth Rilling und die Gächinger Kantorei Stuttgart. Keine kalte, graue Kirche, sondern die warme, holzgetäfelte Liederhalle bot konsequent den Rahmen für das Ritual der politisch korrekten Gesellschaft – keine Religion soll durch den Ort einen Vorteil haben. Rilling jedoch war weit davon entfernt, dieser Gesellschaft ihr Ritual als angenehme Freizeitbeschäftigung zu verkaufen. Nicht einen Augenblick wage ich zu zweifeln, dass er nicht ganz von dem bewegt war, was sich szenisch und musikalisch zutrug. Seine Interpretation der Matthäuspassion war nie glatt oder bequem, manchmal geradezu schroff. Viele Cd-Aufnahmen der Originalklangszene bieten das Werk verzärtelt. Der Klang ist so geschleckt, die Ironie, der Sarkasmus der Turbachöre in herrlich sich aufschwingender Schönheit verloren gegangen. Gerade dem Chor als Ankläger, Spötter und Richter gab Rilling diese Dimension wieder zurück. ,Gegrüßet seist du Judenkönig’, mit diesen Worten verhöhnen die Kriegsknechte den dornenbekrönten Jesus. Nie hörte ich diesen Chor so langsam. Doch dadurch wurde aus den Bachschen Achteln ein höhnisches Lachen, aus dem Wort ,Gegrüßet’ brachen die breiten, groben Vokale als schockierend klingende Verachtung hervor. Ähnliches geschah Petrus, als er von den Umstehenden befragt wurde: ,Wahrlich, Du bist auch einer von denen’. Diesen Chor kennt man fast lieblich, leicht artikuliert. Rilling ließ jede Silbe stark betonen, aus den angenehmen Harmonien sprach Zynismus und die Besserwisserei der Fragenden. Die Gächinger Kantorei war in solchen Momenten ein hervorragender Deuter des Geschehens. Die je knapp 25 Mitglieder beider Chöre folgten ihrem Leiter mit exaktester, verständlicher Diktion und genauester Absprache. Manches hätte feiner, ausgewogener klingen können, doch Rilling suchte nicht nach dem Schönen im entsetzlichen Fortgang der Passion. Der Vergleich wirkt unangemessen, doch am ehesten war hier eine dramatische Oper zu hören.

Diesen Eindruck verstärkte vor allem Christian Gerhaher als Christus. Gerhaher verlieh durch seinen warm timbrierten Bariton der Basspartie des Jesus stärksten Ausdruck. Im Gegensatz zu manchem abgeklärten Bass klang dieser Christus ungemein vielschichtig, ängstlich, mutig, verzweifelt, zornig und resigniert. Gerhaher machte in seltener Konsequenz deutlich, dass hier vor allem ein Mensch und kein Gott leiden muss. Der Evangelist Marcus Ullmann assistierte mit feiner, lyrischer Stimme dieser Aussage. Seine Erzählung war ungemein sprechend und ließ jene Zwischentöne wiederhören, die auch dem Chor so wichtig waren. Schönheit als Ruhepol und Gegensatz gab es nur in den Arien der übrigen Solisten. Sibylla Rubens sang ihre Arien mit silberhellem, glasklar jugendlichem Sopran mit großer Empfindsamkeit; ebenso treffend, Ingeborg Danz mit weichem und erregt schwingendem Alt. Der Tenor James Taylor zeigte leider in den wackligen Läufen etwas zu viel Erregung. Eine Offenbarung hingegen war der Bariton Michael Nagy, dessen Partie eigentlich für einen Bass vorgesehen ist. Seine Stimme ist warm, mit rundem Kern und durchdringendem Timbre. War die erste Arie ,Gerne will ich mich bequemen’ für sie noch etwas zu tief disponiert, so beeindruckte sie mit mächtigen Tönen als Pilatus und schließlich mit großer Kantilene bei ,Mache dich mein Herze rein’.
Die Instrumentalsolisten des Bach-Collegiums Stuttgart waren den Sängern gute, doch manchmal zu laute Partner. Insgesamt setzte sich die markige, oft ruppige Darstellung durch, die auch in den Chören aufhorchen ließ.

Rillings Version beeindruckte als bedingungslose Passion, die sich keine Lyrismen erlaubte, wo sie durch das Geschehen nicht gerechtfertigt waren. Das Solistenquartett ging mit ihm mit, machte jedes Wort verständlich und trug einen Großteil zum starken Eindruck bei. Langanhaltender Jubel in der vollen Liederhalle.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Gächinger Kantorei und Bach-Collegium Stuttgart: Helmuth Rilling

Ort: Liederhalle,

Werke von: Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Gächinger Kantorei Stuttgart (Chor), Helmuth Rilling (Chorleitung), Christian Gerhaher (Solist Gesang), Sibylla Rubens (Solist Gesang), Ingeborg Danz (Solist Gesang), James Taylor (Solist Gesang), Michael Nagy (Solist Gesang)

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