> > > > > 11.03.2008
Sonntag, 20. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Die Frauen triumphieren über Don Giovanni

Die Gnade einer Höllenfahrt

Der Dresdner ‘Don Giovanni’ ist in die Jahre gekommen. Nach 15 Jahren, in der 70. Aufführung blitzt nicht mehr alles. Das Bühnenbild hat Patina angesetzt. Die übergroßen Bauklötze mit denen das possierlich gemeinte Bauernvolk hantieren muss, lassen niemanden mehr Bauklötze staunen. Von Willy Decker, in Bildern von Wolfgang Gussmann, haben wir in Dresden stärkere Arbeiten gesehen, ansehbar ist seine Mozartinterpretation noch immer und sie ist vor allem für durchreisende Gäste geeignet. Aber mit Siebzig, da ist es vorbei mit der Jugendlichkeit, die in dieser Aufführung bei allen Protagonistinnen und Protagonisten vorausgesetzt wird.

Nehmen wir mal an, Don Giovannis Diener Leporello hat sich beim Auflisten der Eroberungen seines Herrn verzählt. Es handelt sich ‘nur’ um die Verführten beiderlei Geschlechts, deren Namen im Bühnenbild der Inszenierung von Mozarts Dramma giocoso von 1993 aufgelistet sind, dann muss der Obererotiker auch noch ganz schön zugelangt haben. So etwas bleibt nicht ohne Folgen, weder beim Herrn, noch beim willfährigen Diener.
In der 70. Aufführung stehen demzufolge auch mit Jukka Rasilainen in der Titelpartie und Markus Marquardt in der Partie des Leporello zwei ganz schön abgearbeitete Herren auf der abschüssigen Bühne überm Höllenschlund. Die Höllenfahrt wird zur Erlösung angesichts der wunderbaren Frauenpower mit der Ricarda Merbeth und Veronique Gens als Donna Anna und Donna Elvira musikalisch und darstellerisch auftreten. Das sind Gesangssiege und optische Eindrücke, die man so rasch nicht vergisst. So wie diese beiden Damen möchte man auch Tomislav Muzek, der den Don Ottavio mit den Vorzügen seiner jugendlichen, italienisch orientierten Tenorstimme singt, gern wiedersehen und hören. Mehr als nur hoffnungsvoll, weil recht erfrischend und sich steigernd, als Bauernpaar Zerlina und Masetto, Antigone Papoulkas und Sangmin Lee. Aus der Tiefe das Grabes raunt Michael Eder die Töne des Komturs.

Wunderbar, erfreulich wie eigentlich immer, Wolfgang Rennert am Pult der Staatskapelle. Es wäre schon in seinem Sinne, den Spannungsbogen von der Ouvertüre bis zur Höllenfahrt stringenter zu gestalten. Allein die Kunst geschickter und verzeihender Begleitung macht es möglich, dass keine der Eigenwilligkeiten, die man Helden, Verführern und deren Dienern, wohl zugestehen muss, zur vorzeitigen Katastrophe führt. Ein Abend im Lauf des Repertoires, bei fast ausverkauftem Haus. Weil ja doch ab und an auch über Wortwitze gelacht wird, kann man davon ausgehen, dass die deutschen Übertitel gelesen werden. Demzufolge sollten sie auch Hinweise enthalten, wann es möglich und wünschenswert ist, zu klatschen und wann nicht. Da müsste es doch auch entsprechende Piktogramme geben. Don Giovanni ist ein langes Stück, da will man nicht bis kurz vor Elf warten, sondern vorher schon mitteilen was und wer einem gut gefällt. Das ist verständlich, aber nicht immer verträglich wenn der Moment gerade nicht geeignet ist.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Mozart, Don Giovanni

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Wolfgang Rennert (Drehbuch), Willy Decker (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Michael Eder (Solist Gesang), Sangmin Lee (Solist Gesang), Antigone Papoulkas (Solist Gesang), Ricarda Merbeth (Solist Gesang), Véronique Gens (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Jukka Rasilainen (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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