> > > > > 05.04.2008
Montag, 4. Juli 2022

Das Keller Quartett mit Bartók, Ligeti und Kurtág

Traditionslinien

Im Rahmen der mehrtägigen Porträtreihe aus Anlass von György Ligetis 85. Geburtstag (‚Portrait György Ligeti’, 3. bis 6. April 2008) war am Samstagabend das Keller Quartett im Konzerthaus Dortmund zu Gast. Gemäß des gelungenen Versuchs der Veranstalter, das Schaffen des Komponisten im Kontext unterschiedlicher musikalischer Bezugspunkte zu zeigen, fokussierte das renommierte Kammermusikensemble in seinem Konzertprogramm auf die von Béla Bartók ausgehenden Traditionslinien und konfrontierte dessen Streichquartett Nr. 2 Sz 67 (1914-17) mit Ligetis großartigen Kompositionen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren sowie mit den 2005 entstandenen ‚Six moments musicaux’ op. 44 von György Kurtág. Dabei wurde nicht nur deutlich, wie stark Bartóks Arbeit die späteren Komponistengenerationen geprägt hat, sondern auch, in welch hohem Maße die Impulse aus seiner Arbeit in der Kammermusik nach 1950 zur Etablierung einer eigenständigen, von den seriellen Prinzipien dieser Zeit denkbar weit entfernten Dimension musikalischen Ausdrucks führten.

Dass sich die Musiker des Keller Quartetts in der Musik Bartóks zu Hause fühlen, haben sie immer wieder bewiesen und ließen es auch heute  spüren. Das zweite Streichquartett erfuhr eine klare und durchsichtige Gestaltung, die im rhythmisch überbordenden und brillant dargebotenen Mittelsatz einen Höhepunkt erreichte und über diesen hinweg schließlich im elegischen Lento ihr Ziel fand. Die Kombination des Werkes mit Ligetis Streichquartett Nr. 1 (1953/54) in der ersten Programmhälfte erwies sich als gleichermaßen geglückt wie erhellend und ließ eine Blick auf die Wurzeln von dessen Komponieren zu: Wie eine hoch konzentrierte Fortsetzung von Bartóks Stil präsentierten die Musiker das Werk, dabei den musikalischen Formulierungen Ligetis Prägnanz verleihend, indem sie deren Idiomatik verstärkt mit Blick auf Bartók ausleuchteten und trotzdem die Unterschiede – den größeren harmonischen Reichtum, die geschärfte Klanglichkeit und die vermehrte Arbeit mit erweiterten Streichertechniken – hervorhoben. Packend war vor allem die rhythmische Spannkraft des Spiels, die als logisches Pendant zur expressiven Harmonik fungierte, doch auch das Hineindenken in die fragilen Tremolo- und Flageolettpassagen geriet dem Ensemble überzeugend.

‚Meine Muttersprache ist Bartók’, hat Kurtág einmal gesagt – und genau dies ließ das Keller Quartett auch bei der Wiedergabe der ‚Six moments musicaux’ hören, mit der es den zweiten Teil des Konzerts eröffnete. Kurtágs Miniaturen – knapp formulierte musikalische Momentaufnahmen, die jeweils um eine bestimmte klangliche, melodische und/oder rhythmische Idee kreisen und dabei immer wieder auch auf ihren musikalischen Ursprung verweisen – wurden unter den Händen der konzentriert agierenden Musiker zu dramaturgisch schlüssigen Gebilden, deren Wirkung wiederum auf die Wiedergabe von Ligetis Streichquartett Nr. 2 (1968) ausstrahlte. Dessen behutsame, vielleicht stellenweise ein wenig zu vorsichtige Lektüre, die aber besonders in den flächig konzipierten Sätzen mit ihren rhythmischen Überlagerungen sehr suggestiv wirkte, beschloss den Abend. Für dieses gelungene und in sich abgerundete Konzert kann man dem Keller Quartett nur gratulieren.

Ein kritisches Wort sei allerdings noch über das enttäuschende und schludrig gemachte Programmbuch zum ‚Portrait György Ligeti’ gesagt, dessen Schwächen anlässlich des Quartettabends in besonderem Maße sichtbar wurden: Zum einen betrifft dies die inkorrekten Angaben in der Programmübersicht, denn weder ist Bartóks zweites Quartett ‚in einem Satz’ komponiert – es besteht vielmehr aus drei deutlich voneinander getrennten Sätzen, die hier aber nicht aufgelistet sind –, noch macht es im Gegensatz dazu Sinn, im Falle des tatsächlich einsätzigen ersten Quartetts von Ligeti die wechselnden Tempoangaben aller Abschnitte vollständig anzugeben. Zum anderen zielt meine Kritik auf die Substanz der Programmtexte selbst, deren teils recht hohler musikjournalistischer Jargon ziemlich gruselig ist und etwa im Falle Kurtágs (die Stücke seien ‚gleichsam wundersam und melodiös im Tonfall’ und unterhielten ‚mal impulsiv, mal meditativ’ den Hörer ‚auf hohem intellektuellem Niveau’) den Verdacht aufkommen lässt, dass der Autor die Musik überhaupt nicht zur Kenntnis genommen hat.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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Portrait György Ligeti: Keller Quartett

Ort: Konzerthaus,

Werke von: György Ligeti, György Kurtág, Béla Bartók

Mitwirkende: Keller Quartett (Orchester)

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