> > > > > 04.04.2008
Montag, 4. Juli 2022

Die Bamberger Symphoniker mit Ligeti und Mahler

Auf Spurensuche

In diesem Jahr hätte György Ligeti seinen 85. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass hat das Konzerthaus Dortmund dem 2006 verstorbenen Komponisten eine mehrtägige Porträtreihe mit insgesamt fünf Konzerten und einer Filmvorführung gewidmet – eine gute Gelegenheit, um sein Schaffen im Kontext unterschiedlicher musikalischer Bezugspunkte zu zeigen. Die Bamberger Symphoniker gastierten am Freitagabend unter Leitung ihres Chefdirigenten Jonathan Nott mit einem gelungenen Programm, dem als ungewöhnlicher Auftakt Ligetis ‚Poème symphonique’ für 100 Metronome (1963) – vorangestellt wurde. Um dem installativen Charakter dieses ironischen, in Zeiten der Fluxus-Bewegung entstandenen Stückes besser gerecht zu werden, hatte man sich einen besonderen Kunstgriff ausgedacht und startete die am Rand der Bühne in Zwanzigergruppen aufgestellten Metronome zehn Minuten vor Beginn des Konzerts. Die in allen denkbaren Tempi übereinander geschichteten mechanischen Klicklaute wurden dadurch zum plätschernden Hintergrundrauschen für das hereinströmende und laut plaudernde Publikum.

Damit hatte man letztlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Einerseits gab man sich mit der Aufführung dieses provokanten Stückes reichlich aufgeschlossen – immerhin tummelten sich einige Fotografen am Bühnenrand, um das Ereignis zu dokumentieren –, andererseits schaffte man es zugleich, das Publikum mit diesem Experiment nicht allzu sehr zu verärgern. So murmelten die meisten Zuhörer denn auch leise weiter, als die Lichter bereits gelöscht waren, und erst der schweigende Auftritt der Musiker und ihr Verharren in Regungslosigkeit brachte Ruhe ins Publikum und zwang dazu, sich auf die übrig gebliebenen Taktgeber zu konzentrieren. Dass sich gegen Ende noch jemand angestachelt fühlte, die auffordernden Worte ‚Ja, jetzt!’ durch den Saal zu rufen, war eher peinlich. Immerhin wurde seine Ungeduld dadurch bestraft, dass das Ticken der drei letzten Metronome weiter anhielt und es folglich noch einige weitere Minuten dauerte, bis die Interpreten Ligetis Violinkonzert (1990-92) anstimmten.

Für den Geiger Christian Tetzlaff bot das enorm schwierige fünfsätzige Werk beste Möglichkeiten, um die unterschiedlichen Facetten seines Spiels zu demonstrieren, was ihm durchweg mit atemberaubender Präsenz gelang. So entlockte er seinem Instrument im zweiten und vierten Satz ebenso sinnliche wie introvertierte Melodiegänge, führte die Musik im dritten Satz aber auch zu eruptiven Ausbrüchen voller Kraft oder zauberte – vor allem in der Kadenz des fünften Satzes – eine Reihe von wahrhaft unerhörten Klangfarbenwerten. Jonathan Nott steuerte das kleine, aber raffiniert besetzte Orchester mit Bravour über die zahlreichen Hürden des Werkes, konnte aber nicht verhindern, dass es an einigen Stellen – vor allem zu Beginn des Kopfsatzes im Schlagzeug – ein wenig an Präzision fehlte. Ein wenig mehr dynamische Subtilität im instrumentalen Gewebe hätte dem Solisten vielleicht zudem eine stärkere Erkundung der Pianobereiche ermöglicht. Dennoch blieb der Eindruck einer denkwürdigen, packend modellierten Aufführung dieser in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Komposition.

Von Notts Erfahrungen mit zeitgenössischer Musik profitierte dann auch die (auswendig dirigierte) Wiedergabe von Gustav Mahlers Neunter Sinfonie (1910), bei der sich der Dirigent auf Spurensuche nach dem Neuen und Ungewohnten begab. Dieser Zugriff offenbarte Logik und Stringenz, da er die Brüche und die in der Musik verborgenen Abgründe nachzeichnete. Am spannendsten gerieten dabei die kraftlos verlöschenden Passagen des Kopfsatzes sowie der intensive, im Spannungsaufbau vorbildliche Abgesang des abschließenden Adagios, der eine sehr sublime Wiedergabe erfuhr. Auch die ins klangliche Extrem getriebenen Mittelsätze fesselten, insbesondere aufgrund ihrer bewusst ins Groteske gewendeten Übertreibungen. Dass das Orchester hier in den Fortepassagen bisweilen etwas undifferenziert wirkte, war jedoch nicht dem Dirigenten anzulasten, sondern lag daran, dass vor allem die Streicher mit den akustischen Verhältnissen des Saales nicht ganz zurecht kamen und gelegentlich sogar kleinere Koordinationsprobleme hatten

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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Portrait György Ligeti: Bamberger Symphoniker

Ort: Konzerthaus,

Werke von: György Ligeti, Gustav Mahler

Mitwirkende: Jonathan Nott (Dirigent), Bamberger Sinfoniker (Orchester), Christian Tetzlaff (Solist Instr.)

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