> > > > > 31.12.2007
Dienstag, 17. September 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Beim Silvesterkonzert gab es ein Fünf-Gänge-Menü

Gut gegessen?

Silvester ist der Tag neben Weihnachten, an dem sich nicht wenige Paare so überwerfen und zerstreiten, dass es eine gute Weile dauert, bis sie wieder zueinander finden. Nicht selten geht es dabei ums Essen. Das Konzerthausorchester richtete seinem Publikum an diesem Silvesterabend ebenfalls ein Menü an. Immerhin konnten sich die Gäste nicht beklagen, sie hatten schließlich die Speisenfolge selbst gewählt. Beim Kauf einer Karte musste der geneigte Zuhörer aus einer kleinen Liste von Stücken wählen, die schließlich als fünfgängiges Menü serviert wurden. Nun ist die freie Wahl der Speisen noch keine Garantie dafür, dass das Dargereichte auch mundet. Vor allem wenn es etwas lieblos verkocht wird, kann die Silvesterharmonie leiden. Das Konzerthausorchester unter seinem Chef Lothar Zagrosek hat freilich nicht lieblos aufgespielt, aber von Hingabe an die Werke lässt sich längst nicht sprechen.

Die Schwächen des Menüs zeigten sich nicht zu Beginn und am Ende. Leonard Bernsteins als Amuse-gueule gereichte Ouvertüre zu ,Candide’ und Jacques Offenbachs ,Orpheus in der Unterwelt’ können ihre Wirkung auch gar nicht verfehlen. Das ist Spektakelmusik im besten Sinne, die für Silvester so wichtig ist, wie Feuerwerk oder Fondue. Schwächen zeigten die mittleren Speisen, vor allem das Entrée und das Plat principal. Zu ersterem wählte das Publikum Zoltán Kodálys ,Tänze aus Galánta’, danach Franz Schuberts kleine C-Dur Sinfonie, die Nr. 6, D 589. Beide Werke sind sich insofern ähnlich, als dass sie hinreißende Stellen und Passagen enthalten, die mit bisweilen geradezu banalen Abschnitten konkurrieren müssen. Hier eine Balance zu finden, ist nicht einfach. In Zagroseks Darstellung klangen aber beide Stücke zu pauschal. Sie wurden gespielt, aber auch nicht mehr. Ein interpretatorischer Ansatz, der als solcher klar erkennbar gewesen wäre, ließ sich nicht vernehmen. Vor allem im Bereich der Klangregie enttäuschte Zagrosek. Man muss die Schubert-Sinfonie nicht durchdesignen, aber ohne einen stärkeren Gestaltungswillen klingt das Werk bisweilen nur wie eine winzig kleine C-Dur-Sinfonie. Es ist doch wie beim Kochen: aus dem Buch kann das Hauptgericht freilich nachgekocht werden, aber eine überraschende Note, Persönlichkeit erhält es nur, wenn man ein wenig eigene Ideen zuwürzt.

Für diese Art der Würze sorgte die Pianistin Ewa Kupiec in Richard Strauss’ Burleske. Damit hatte es das Publikum als Premier Plat mit einer ziemlich schweren Mahlzeit zu tun. Strauss trägt ziemlich fett auf, über die Geschmackssicherheit dieses Opus lässt sich streiten. In seinem jugendlichen Überschwang von 21 Jahren kochte der Komponist einen so gemeinen Klavierpart zusammen, dass der Widmungsträger Hans von Bülow das Konzert sogar als zu schwierig ablehnen musste. Ewa Kupiec stellte sich der Herausforderung hingegen bravourös und fand sogar noch den Atem, den hochvirtuosen Part mit interpretatorischem Leben zu erfüllen. Zu den Höhepunkten wurden die Passagen, die ihr Strauss ganz allein widmete, in denen er nicht nur Läufe und Akkordgewitter aufs Papier bannte, sondern empfindende Musik niederschrieb – leider kommt dies in diesem Frühwerk zu selten vor. Dass es dafür nicht mal ein Bravo für Ewa Kupiec gab, ist beinahe beschämend.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Konzerthausorchester Berlin unter Lothar Zagrosek: Klavier: Ewa Kupiec

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Jacques Offenbach, Leonard Bernstein, Zoltán Kodály, Franz Schubert, Richard Strauss

Mitwirkende: Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Ewa Kupiec (Solist Instr.)

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