> > > > > 13.03.2004
Dienstag, 30. November 2021

Krzysztof Penderecki, eMusici.com GmbH

Julian Rachlin spielt Pendereckis zweites Violinkonzert

‚Er ist der Beste’

So genannte Einführungen erfreuen sich im deutschen Konzertwesen derzeit ungeahnter Beliebtheit, sollen Sie doch als besonderer Service das Publikum auf Anstehendes vorbereiten, ggf. bei zeitgenössischen Werken auch mal ‚gefügig’ und aufnahmewillig machen. Dass solche Einführungen selten im Interesse aller gelingen, wurde zu Beginn des Sinfoniekonzerts mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt/Oder und dem Solisten Julian Rachlin im Potsdamer Nicolaisaal eindrucksvoll demonstriert. Da hatte man mit Krysztof Penderecki schon einmal einen namhaften Gegenwartskomponisten auf dem Programm und auf der Bühne für eben jene Konzerteinführung, doch er- und verschreckte die ‚moderierende’ Musikwissenschaftlerin Zuschauer wie Komponist gleichermaßen mit ihren belanglosen und inhaltsleeren Fragen, auf die selbst der mit allen PR-Wassern gewaschene Penderecki nichts zu antworten wusste.
Auch das Vorstellen der drei Hauptteile seines zweiten Violinkonzerts hätte man sich sparen können, sind doch die Zeiten, in denen der Pole mit seinen Werken Zuhörer noch so konservativen Grundschlags verschreckte, schon lange vorüber.

Sein 1995 geschriebenes und Anne-Sophie Mutter gewidmetes Violinkonzert ist ein Stück großer Tonalität, das durchaus geschickt und mit viel Verstand für neoklassizistische Ästhetik, Rhythmus, Klang und Cantables miteinander zu einem schlüssigen und nur selten langatmigen Ganzen zusammenfügt. Vieles erinnert dabei unwillkürlich an Schostakowitsch, und trotzdem bleibt es ein ‚typischer’ Penderecki mit den ihm eigenen Orchestrierungsbesonderheiten und Klangfarben. Die Solovioline wird dabei aufs äußerste technisch und musikalisch gefordert, ohne dass der Part aufdringlich virtuos erscheint.
Der Solist des Abends, Julian Rachlin, ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr auf den europäischen Konzertpodien. Erst jüngst war er an der Seite des BSO und Eliahu Inbals mit einer bis ins Detail überzeugenden Version des Tschaikowski-Violinkonzerts aufgetreten. Pendereckis Werk konnte er vom ersten Ton an mit Leben und Spannung ausfüllen. Zwingend war seine Liniengestaltung, bestechend die Sicherheit, mit der er die technischen Anforderungen meistert und unerhört facettenreich sein Ton. Dabei ist er so angenehm unprätentiös, wie man es bei Solisten seines Kalibers nur selten erlebt. Anne-Sophie Mutter hat in ihrer 1997er Einspielung mit dem LSO nicht annährend so viel klangästhetisches Verständnis, nicht annährend so viel artikulatorische Akkurates und Flexibilität bewiesen wie Rachlin an diesem Abend. Doch stellte er sich nie selbst unnötig in den Vordergrund, sondern war augenscheinlich um ein Miteinander mit dem Orchester bemüht. Dieses wurde von Tadeusz Wojchiechowski mit etwas fester Hand, doch sicher durch die Partitur geführt, ohne dabei wirklich die musikalischen Angebote Rachlins überzeugend aufzugreifen. Klangschön, doch ein wenig unflexibel in Bezug auf Rhythmus und Dynamik unterstützen die Frankfurter den Solisten mit unbestreitbarem Engagement.

Selbiges ließ sich auch nach der Pause dem Klangkörper nicht absprechen, doch schien vieles von dem, was Wojchiechowski an Tempovorstellungen hatte, technisch von den wackeren Musikern nicht realisierbar. Tschaikowskis Pathétique knackte und krachte an vielen Ecken und Enden, Einsätze gelangen häufig recht willkürlich und vor allem extrem unsauber. Einige Instrumentengruppen - vor allem tiefes Blech und tiefe Streicher – hatten gelegentlich von ihren Kollegen abweichende Tempovorstellungen und Wojchiechowski half mit seinem ewigen Vorausschlagen und seinen schwammigen, festen Bewegungen nur wenig, um den Laden besser ‚zusammen zu halten’.
Dabei hatte er zweifelsohne eine eigene musikalische Auffassung von Tschaikowskis letzter Sinfonie. Er nahm ihr angenehm viel vom häufig fehlinterpretierten russischen Pathos, achtete vor allem in den catanblen Momente auf stimmliche Ausgewogenheit und entlockte bevorzugt dem Streicherapparat manch unerwartet schönen, beseelten Klang. Lag es am Saal, oder überraschte der Pole seine Musiker mit den vor allem im ersten Allegro und im dritten Satz unverhältnismäßig schnellen Tempi? Einen Gefallen tat er diesen keinesfalls – und den Zuschauern auch nicht.

Schade, so fand ein wunderbar gestartetes Konzert – sieht man einmal von der äußerst ärgerlichen Einführung ab – ein wenig überzeugendes Ende. Doch Julian Rachlin war, das lässt sich schon jetzt ohne Übertreibung sagen, eines der Highlights im Potsdamer Musikleben des Jahres 2004. Nicht von ungefähr sprach Penderecki in der Pause von ihm als ’...dem Besten für dieses Stück’. Nach Christian Tetzlaff im Februar, konnte man sich keine musikalischere, keine überzeugendere und keine individuellere Präsentation außergewöhnlicher Geigenkunst vorstellen. Selber Schuld wer’s verpasste.

Kritik von Frank Bayer



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7. Sinfoniekonzert Nicolaisaal: Staatsorchester Frankfurt/O. / Rachlin

Ort: Nikolaisaal,

Werke von: Krzysztof Penderecki, Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (Orchester), Julian Rachlin (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

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