> > > > > 18.12.2007
Dienstag, 26. Mai 2020

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Bachs Weihnachtsoratorium im Konzerthaus Berlin

Jauchzet, frohlocket!

Dieser Konzertabend hat es Kraft der Macht der Musik eindringlich bewiesen: Bachs Weihnachtsoratorium, dessen Teile I ? III und VI erklangen, darf als bereichernder Bestandteil ? neben so vielen anstrengenden Vorkommnissen ? in der Weihnachtszeit nicht fehlen. Die Musik muss auf alle Besucher eine erholsame Wirkung gehabt haben ? ganz gleich, in welcher Stimmung sie das nahezu ausverkaufte Konzerthaus betraten, besinnlich oder auch nicht, oder wie die Dame neben mir, die sich kurz vor Beginn des Konzertes bei mir über das Programm des Abends erkundigte und sich sehr erfreut zeigte, dass es sich um das Weihnachtsoratorium handele (übrigens sollten sich an dieser Einstellung mehr heutige Konzert- und Opernbesucher ein Beispiel nehmen).

Den größten Anteil an dem Erfolg des Abends hatte die Akademie für alte Musik Berlin, die unter Hans-Christoph Rademann, seit Beginn der Spielzeit 2007/2008 künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchores, mit ihrem unmittelbaren, ungekünstelten Zugriff auf das Werk überzeugte. Rademann leitete mit klarem und deutlichem Dirigat durch den Abend, unprätentiös kräftige Impulse gebend. Alle Abstufungen und Wechsel in Tempo und Dynamik vermochte er akzentuiert zum Ausdruck und dem Orchester nahe zu bringen. Die Musiker der Akademie für alte Musik zelebrierten die Musik mit der Perfektion, mit der sie zu Werke gehen, nicht nur bis ins Feinste akkurat, sondern schlicht einzigartig und immer wieder überraschend behände. Hierbei nochmals einzelne Höhepunkte auszumachen, fällt angesichts gerade der Geschlossenheit des Ensembles schwer; wenn, dann waren es die Passagen mit solistischer Begleitung der Sänger durch Flöte, Oboen bzw. Violine, in denen sich auch zeigte, wie feinfühlig sich die Musiker auf die Sänger einzustellen vermochten.

Den Mitgliedern des RIAS Kammerchores gelang es, den bedeutungsvollen Text leichtfüßig und zart zu gestalten. Der Chor gelangte zu großer Homogenität des Ausdrucks, in der er tatsächlich ?wie eine Stimme? erklang. insbesondere am ständigen Crescendo und Decrescendo offenbarte sich die ganze Meisterschaft der Sänger und der Einstudierung. Insgesamt etwas enttäuschend präsentierten sich hingegen die Gesangssolisten. Einzig Maximilian Schmitt konnte voll überzeugen. Mit seinem leicht nasal geführten Tenor erfüllte er hell und klar den Raum, wobei ihm insbesondere seine anspruchsvollen Koloraturen wunderbar gepflegt und ausdrucksvoll gelangen. Hiergegen erschien der Alt von Franziska Gottwald etwas faserig, fahl und leider auch mit Tendenz zum Tremolieren. Der Bass Roderick Williams interpretierte seinen Part mit schlanker, wohlklingender Stimme, der man lediglich etwas mehr Fülle und Verankerung in den tiefen Lagen gewünscht hätte. Jutta Böhnert konnte im Rahmen ihrer vergleichsweise kleinen Sopranpartie ihre feine und angenehm klingende Stimme zeigen. Leider mangelte es allen Sängern, mit Ausnahme von Schmitt, an Textverständlichkeit und Hörbarkeit, was umso mehr erstaunte, als das Orchester die Sänger sensibel begleitete und Rademann keine übermäßige Lautstärke aufkommen ließ. Nun kommt es zwar im Weihnachtsoratorium gewiss nicht auf gesangliche Kraft an; umso wichtiger ist aber die Stärke des Ausdrucks, insbesondere im Kleinen. Diese Gestaltungskraft besaßen nur Schmitt und Williams, bei denen der Text inhaltlich gut aufgehoben war. Die beiden Solistinnen hingegen konnten mit ihrem Vortrag nicht die Spannung und Eindringlichkeit vermitteln, die der Text im Verbund mit der Musik besitzt. Dies trübte aber nicht das positive Gesamtbild des Abends, an dem man eine im wahrsten Sinne des Wortes ?himmlische? Musik nicht nur hören, sondern erleben und als Teil des Lebens begreifen konnte. Die Freude und Inniglichkeit, mit der hier ? insbesondere durch den Chor - gesungen und musiziert wurde, übertrug sich auf die Zuhörer, die heftigen Applaus spendeten, der vor allem den Musikern der Akademie für Alte Musik galt, für die konzentrierte und intensive Darbietung eines feierlichen, aber gerade auch still-inniglichen Werkes, mit dem man gestärkt in die Weihnachtszeit geht.

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Kritik von Thomas Eisenträger



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Jauchzet, frohlocket!: Bachs Weihnachtsoratorium im Konzerthaus Berlin

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: RIAS Kammerchor (Chor), Hans-Christoph Rademann (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Franziska Gottwald (Solist Gesang)

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