> > > > > 01.02.2008
Sonntag, 15. September 2019

Münchner Rundfunkorchester setzt starke Akzente

Von der Sehnsucht nach dem Licht

Mittlerweile sind in der bayerischen Metropole die interessantesten Konzerte beim Münchner Rundfunkorchester zu erleben. Wer hätte dies noch vor einigen Jahren gedacht? Da war das Orchester von einer Wegrationalisierung bedroht. Doch nach landesweiten massiven Protesten durfte der Klangkörper letztendlich weiter existieren, er wurde allerdings auf 57 Musiker reduziert. Mit der Ernennung von Ulf Schirmer zum Chefdirigenten begann eine neue Ära. Schirmer, Jahrgang 1959, ist sicherlich einer der wichtigsten Dirigenten der jüngeren Generation. Er, der vor seiner Münchner Zeit fast ausschließlich mit den großen internationalen Klangkörpern gearbeitet hat, sieht in der Arbeit mit dem nun kleineren Orchester die große Chance, neue Blicke in die Musikgeschichte zu werfen. Mit dem auffassungsschnellen Münchner Rundfunkorchester, das auch technisch höchst versiert musiziert, ist eine spannende Programmgestaltung möglich, die sich von der traditionellen Klassik, der Operette sowie der geistlichen Musik bis hin zur Avantgarde bewegt.

Der Lobgesang Marias steht im Mittelpunkt des Magnificats, das eines der drei Cantica des Lukasevangeliums darstellt. Auch das erste Konzert der Reihe Paradisi Gloria 2008 stand unter diesem Motto. Gleich vier Kompositionsaufträge zum Thema Magnificat wurden vom Bayerischen Rundfunk vergeben. Ulf Schirmer ist der Ansicht, dass das Magnificat, das er besonders liebt, in der Kirchenmusik eine vernachlässigte Gattung darstellt und dass es zu diesem Thema relativ wenige Vertonungen aus dem 20. Jahrhundert gibt. Den Auftakt bildete die Komposition Abismes (Abgründe) von Oriol Cruixent. Der junge Katalane, Jahrgang 1976, wohnhaft nun in München, zeigt sich mit seiner Komposition als ein großes Talent. Das Werk wird als Diptychon für Orchester bezeichnet. Cruixent verzichtet bewusst auf die Mitwirkung eines Chors und Solisten, vertraut somit ganz seiner Musik. Abismes basiert gänzlich auf der christlichen Tradition. Der erste Teil soll das Chaos beschreiben, in dem die Menschen vor der Verkündigung Marias gelebt haben, der zweite Teil verkündet dann musikalisch eine tiefe Harmonie und Hoffnung. Diesen Ansatz kann man in der heutigen Zeit hinterfragen, ist doch die geschichtliche Entwicklung bedeutend vielschichtiger und komplexer gewesen. Schon vor dem Ereignis in Bethlehem gab es Zivilisationen, die durchaus auf geistigen Prinzipien basierten. Ebenso fehlt der Musik eine gewisse Grenzenlosigkeit und Licht, diese Eigenschaften sollte heute ein Magnificat einfach beinhalten. Auch haftet Cruixents Klangsprache noch zu sehr an Vorbildern, man erkennt viele Stilrichtungen, Klänge erinnern an Ravel sowie Strauss, selbst Tristanakkorde stehen im Raum. So entsteht keine unverwechselbare Tonsprache, auch wenn die Orchestermitglieder einen Bibeltext beim Schwingen einer Klangschale sehr eindrucksvoll rezitieren. Die Komposition wurde vom Publikum mit großem Applaus bedacht, sicherlich ist dies auch der Verdienst von Ulf Schirmer, der die Begabung besitzt, in jeder Komposition eine Identität aufzuspüren, die dem Werk letztendlich Form und Aussage gibt.

Um die komplette Kritik zu lesen, loggen Sie sich bitte mit Ihrer Email-Adresse und Ihrem Kennwort ein:

E-Mail:
Kennwort:


Sollten Sie noch kein Nutzerkonto bei klassik.com besitzen, können Sie sich hier kostenlos registrieren.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Midou Grossmann



Kontakt zur Redaktion


Paradisi Gloria 2008 - Magnificat: Herz-Jesu-Kirche München

Ort: Herz-Jesu-Kirche,

Werke von: Oriol Cruixent, Ralph Vaughan Williams, Henri Dutilleux

Mitwirkende: Chor des Bayerischen Rundfunks (Chor), Ulf Schirmer (Dirigent), Münchner Rundfunkorchester (Orchester), Rebecca Martin (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Julius Röntgen: Piano Concerto No.3 in D minor - Romanze

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich