> > > > > 20.10.2007
Sonntag, 31. Mai 2020

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Ein Gluck-Experiment in drei Teilen

Reformoper trifft Reformkonzept

Berlin beherbergt drei große Opernhäuser und diverse kleinere Bühnen, die sich regelmäßig dem Musiktheater in seinen vielfältigen Formen widmen. Sogar das Berliner Flagschiff des Sprechtheaters, Frank Castorfs Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, hat u.a. eine Fassung von Puccinis Tosca auf das diesjährige Programm gesetzt. Da mag es dem auswärtigen Betrachter etwas unnötig vorkommen, dass das Konzerthaus am Gendarmenmarkt sich nun einer Gluck-Trilogie widmet, die sich den ersten drei Reformopern des Komponisten verschrieben hat. Doch einzig die Komische Oper Berlin hat derzeit ein Werk des Opernreformers Gluck im Spielplan. So erscheint es durchaus sinnfällig, dass der langjährige GMD der Staatsoper Stuttgart und jetzige Chefdirigent des Konzerthausorchesters Lothar Zagrosek dem Berliner Publikum die griffigen Opernkonzentrate des gebürtigen Oberpfälzers näher bringen möchte. Als konzertante Aufführung mit Szene hat man die Unternehmung tituliert; Joachim Schlömer, den Zagrosek noch gut aus dessen Stuttgarter ?Rheingold?-Inszenierung kennt, und Susanne Øglænd zeichnen für die szenische Einrichtung verantwortlich und präsentierten nun mit ?Orfeo ed Euridice? Teil eins der Trilogie im drei Abende bis auf den letzten Platz ausverkauften Großen Saal des Hauses.

Über die Qualität der szenischen Arbeit lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt wenig Verlässliches sagen, ist das Konzept doch auf alle drei Opern übergreifend ausgerichtet. Und doch ist ein erstes Feedback zulässig: Wenig glücklich fällt dabei der Einführungstext des Programmheftes aus, der zum einen erklärt, dass man mit der szenischen Einrichtung einer an sich konzertanten Aufführung etwas Neues probieren wolle (eben so, wie Gluck mit seinen Reformopern die Gattung revolutionieren wollte), zum anderen jedoch ein mögliches Scheitern schon vor Erklingen der ersten Note zu entschuldigen sucht. Eine strategisch höchst unbeholfene Einführung, die mehr abschreckt als neugierig macht ? und erwartungsgemäß überflüssig ist, denn revolutionär ist an dem hiernach szenisch Gebotenen rein gar nichts. Das Orchester wird auf die linke Bühnenhälfte gesetzt, die mit einer Bank versehene rechte wird ebenso bespielt, wie die mit einem schwarzen Kubus bestückte Bühnenmitte. Hierin gestalten Schlömer und Øglænd die drei Akte als individuelle Szenen, die die Musik mehr illustrieren als kommentieren. (Über den dilettantisch anmutenden Einsatz des Mediums Video soll hier geschwiegen werden ? es gibt ja noch zwei Versuche.) Orfeo ist zugerichtet wie eine dürftige Kopie Robert Smiths, dem Leadsänger von ?The Cure?, an dessen grandioses ?Boys don?t cry? man sich schon beim ersten Klagegesang erinnert fühlt. Dieser Gothik-Orpheus ist ein von Trägheit und Selbstmitleid Gepeinigter, der sein phlegmatisches Wesen nicht zu überwinden versteht. Dem gegenüber stehen eine fraulich starke Euridice, die wenig Verständnis für die charakterlichen Besonderheiten ihres Liebsten mitzubringen scheint und eine bemüht agile Amore, deren Puck-artiges Auftreten ebenso ein wenig zu gewollt daherkommt. Die extreme Eindimensionalität der Charaktere enttäuschte, ließ die Regie den Sängerinnen doch weitaus weniger Darstellungsraum, als diese sich in einer rein konzertanten Aufführung genommen hätten. Verstörend auch die inhaltliche Leere, wenn die wichtigen handlungstragenden Orchesterzwischenmusiken weitgehend unbebildert blieben. 

Dies ist umso bedauerlicher, als dass die Darstellrinnen allesamt Künstlerinnen großen Formats waren. Allen voran die wunderbare Ann Hallenberg, deren wohlig warm timbrierte Alt-Stimme zum herzerweichenden Klagen ebenso befähigt war, wie zum fordernden Beschwören der Unterweltfurien. Fein waren ihre dynamischen und klanglichen Abstufungen, kultiviert ihre Rezitativgestaltung. Die kurzfristig eingesprungene Thora Einarsdottir als Euridice gestaltete Ihre Partie mit kraftvollem, nervigem Sopran; Sunhae Im als Amore verstand ihr recht kleines Organ, biegsam und vielfarbig in Szene zu setzen. Und der wunderbar homogene RIAS Kammerchor (von einigen ungewohnten Schärfen in den hohen Sopraneinsätzen einmal abgesehen) gestaltete nicht nur den Gesang der Furien schaurig schön. Das Auditorium spendete allen Gesangsbeiträgen zurecht frenetisch Applaus.

Auch Lothar Zagrosek und sein Konzerthausorchester konnten vielfach überzeugen, eine differenzierte Betrachtung der Orchesterleistung bietet sich jedoch an. Zagrosek erklärte die Streicher zum klanglichen Mittelpunkt seiner Interpretation, ließ mit viel Nerv und beachtlich historisch informiert spielen: sparsamer Vibratoeinsatz, obertonlastiges Timbre, dynamisch und artikulatorisch Extreme auslotend. Das hatte man so von einem modernen Konzertorchester nicht unbedingt erwarten dürfen. Unerklärlich erscheint dagegen die Kontur- und Farbarmut der Bläser, die im recht klein besetzten Streicherapparat schlicht untergingen oder, wie im Fall der Blechbläser, tonlich zu inhomogen agierten. Was Zagrosek mit dieser Ungleichbehandlung der Register bezweckte, blieb ungeklärt, was er an Ausdruckmöglichkeiten hingegen verschenkte, war bedauerlich. Schade auch, dass zwei so ausgewiesene Spezialisten wie Giuliana Retali und Joachim Held an Cembalo und Theorbe weitgehend ungehört blieben. Hier klang vieles noch nach dem im Programmheft angekündigten experiment in progress ? Fortführung und Weiterentwicklung durchaus gewünscht.

Am 01. November wird das Projekt mit Glucks ?Alceste? fortgesetzt, ehe es am 09.November mit ?Paride ed Elena? seinen Abschluss findet.

Kritik von Frank Bayer



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Christoph Willibald Gluck 'Orfeo ed Euridice': Zagrosek, Schlömer, Hallenberg, Im, Einarsdottir

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Christoph Willibald Gluck

Mitwirkende: RIAS Kammerchor (Chor), Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Ann Hallenberg (Solist Gesang), Sunhae Im (Solist Gesang), Thora Einarsdottir (Solist Gesang)

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