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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Dresdner Turandot mit hoffnungsvollen Rollendebüts

Rätsel gelöst. Happy end fällt trotzdem aus.

Eine frische und präzise dargebotene Inszenierung sieht anders aus. Nach 23 Vorstellungen wirkt die Produktion aus dem Jahre 2004 schon ganz schön abgespielt, gleich zu Beginn streikt die Technik. Sonst ist der Medienschnickschnack, seinerzeit schon nicht mehr wirklich originell und so schon gar nicht aktuell, in Andreas Homokis Inszenierung nur peinlich, jetzt wird es ärgerlich. Was Jürgen Commichau als Mandarin singt, was dem Volk von Peking als Videobotschaft übertragen wird, kommt nur als Bild ohne Ton an.

Mit schönen Tönen hingegen können dann die amerikanische Sopranistin Kristin Lewis als Liu und der in China geborene Tenor Mario Zhang als Calaf aufwarten. Diese sanfte, lyrische Sopranstimme mit den klaren, schlank geführten Höhen passt gut zum entsagungsvollen Charakter der Partie, dazu fügt sich das zurückhaltende Spiel der sympathischen Sängerin bestens. Sie gewinnt die Zuneigung des Publikums ebenso wie der Tenor, dessen dunkle, warm timbrierte Stimme aufhorchen lässt und gefällt. Mario Zhang setzt nicht vornehmlich auf Kraft. Kraftlos ist seine intensive Gestaltung des Prinzen aber ganz und gar nicht. Kristin Lewis sang hier in der letzten Saison bereist in der Oper ‘Dad Man Walking’, also übernahm man peinlicherweise auch die Biografie der Sängerin aus diesem Programmheft und kündigt sie demnach jetzt erst für das nächste Jahr als Liu an. Mario Zhang, der den Calaf zunächst erfolgreich in Zürich sang und auch ansonsten europaweit auf sich aufmerksam machen konnte, ist in Dresden zum ersten Mal zu erleben.

Luana DeVol gibt der Titelpartie vor allem gewichtige und mörderische Töne, vollzieht auch die Rückkehr zur kalten Schönheit des Märchenspiels der Commedia dell´ arte, das Puccini und seinen Textschreibern als Vorlage diente. Peter Lobert als blinder Timur kann seiner Partie keine rechte Kontur geben, die Minister im Showmasterlook á la Alsmann wirken trotz solcher Hervorhebung und assoziativem Rückgriff auf die Tradition ihrer Figuren eher nebensächlich weil sie musikalisch gar nicht prägnant, schon gar nicht komödiantisch, werden wollen. Überhaupt überwiegt in dieser Inszenierung die Oberflächlichkeit, daran scheitern in optischer Hinsicht auch die aufgeregt gemeinten, aber im Klischee versackenden Chorauftritte. Musikalisch garantiert der Einsatz des großen Ensembles mit Opernchor, Kinderchor und Mitgliedern des Sinfoniechores eindrucksvolle Passagen.

Wolfram Koloseus, Kapellmeister am Mannheimer Nationaltheater, vertritt am Pult der Staatskapelle Jun Märkl. Er hält das Geschehen beisammen, garantiert einen knappen Opernabend der abrupt nach Lius Tod abbricht, nicht den nachträglich komponierten Triumph der Liebe feiert, denn in Dresden wird Puccinis unvollendete Oper gespielt wie sie ist. Das schließt ja nicht aus, dass sie insgesamt interessanter vonstatten gehen und vor allem glühender klingen könnte. Da dem Werk somit das Finale fehlt, der Regisseur für die offene Situation am Ende des Fragmentes keine entsprechende Lösung findet, Dresden nicht Mailand und Toscanini lange tot ist, könnte man bei der Verfassung, in der sich die Inszenierung jetzt befindet, auf die Idee kommen, dass eine Panne selten allein komme und wie zum Beginn am Ende konsequenterweise noch mal was daneben geht.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Sächsische Staatsoper Dresden, Semperoper: Giacomo Puccini, Turandot

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Wolfram Koloseus (Dirigent), Andreas Homoki (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Peter Lobert (Solist Gesang), Mario Zhang (Solist Gesang), Jürgen Commichau (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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