> > > > > 31.10.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Fast noch mal davon gekommen in Dresden

Die Welt steht Kopf. Ein Meistersinger nicht.

Zunächst ist die Welt der Meistersinger samt Nürnberger Bürgerschaft und allen, die im klinisch weißen Mehrzweckraum von Christan Schmidt Platz haben dürfen geordnet, abgeheftet und vermessen. Das Mittelalter, wenige Fachwerkhäuschen in Souvenirästhetik, hat Platz in der Vitrine. Ein riesiges Fenster mit Butzenscheiben aus der Megaproduktion für Schrankwände protzt würdelos. Historienschmus für eine Gegenwart deren einfachste Objekte, wie Tisch und Stuhl längst riesig über ihre Nutzer triumphieren und all die aufgeblasenen Mitglieder des Vereins von der Krone der Schöpfung zur Wahrung reiner Kunst zu mickrigen Zacken und ärmlichen Buchaltern machen.

Einer muss der Esel sein

Dann steht die verrammelte Welt Kopf. Durchs Fenster stößt eine übergroße Fliederdolde. Hilfe! Herr Dr. Freud! Die Kategorien sind in schändlichster Verwirrung, aber das Nürnberger Personal findet sich schon irgendwie zurecht und am Ende sogar einen Schuldigen für die in Maßen über sie hereingebrochenen Verwirrungen einer Johannisnacht. Wenn alle gewinnen wollen, oder doch nur das behalten wollen, was sie gerade haben, dann muss einer eben verlieren, oder wie der Volksmund weise spricht, bluten. Ganz ohne Opfer geht die Chose nicht. Lehrbube David, dessen Ordnungswahn allen Ordentlichen peinlich ist, kommt mit einem blauen Auge davon. Meistersinger Beckmesser, der sich zum Esel macht, bemitleidenswert ungeschickt sogar so etwas wie Gefühlen nachgibt, wird kastriert. Ein klassisches Lachopfer. Eine Lachnummer ist Bo Skovhus in dieser oftmals unterschätzten Rolle nicht, im Gegenteil, berührend ist sein Gesang, exakt ist das verklemmte Spiel, ein Schmerzensmann mit Eselskopf in Unterhosen.

Ein Schuster für alle

Am Ende ist alles wieder aufgeräumt und verbarrikadiert. Eigentum schützt. Viele kleine Häuschen, gesichtslos aber ordentlich, taugen auch zur Festung. Man rückt gerne zusammen um einen Kommandanten, einen Führer, einen eben, der jetzt dran ist, weil er sagt was nötig ist zu achten und was nicht. Der Chef ist ein Meister aus Nürnberg. Ein Schuster, und jetzt ganz oben. Da wird selbst der Flieder welk. Weder die Kunst noch die Liebe können hier etwas ausrichten. Wo alles bewahrt wird ist kein Platz für Hoffnungsträger. Eva und Stolzing möglicherweise, aber nicht für solche wie Beckmesser, die zu genau wissen könnten, wie alles mal gemeint war und tragischerweise sich überlebt haben  beim Hüten der Regeln.

Existenzielles Schlammassel

Claus Guth hat mit angemessenem Misstrauen Wagners Megamachwerk inszeniert. Er vermutet zurecht in der Komödie die Tragödie. Guths Bestandsaufnahme fällt nüchtern aus, der Blick auf die deutschen Tag- und Nachtseiten macht ihn schaudern. Alles unter Kontrolle. Streng geschieden Tag und Nacht. Keine Chance für das Chaos, demzufolge auch kein Stern, der einen Weg aus solcher Misere weisen könnte. Der Regisseur hat das existenzielle Schlammassel seiner mehr oder weniger stark agierenden und vor allem nicht immer überzeugend singenden Protagonisten gemäß ihren Sehnsüchten in Formen gepresst, choreografisch ästhetisiert. Das ist mitunter anstrengend für den Zuseher, aber langweilig nie. Manchmal verlässt Claus Guth der gute Geist ein wenig, dann trägt er dick auf. So räumt eine internationale Reinigungsbrigade den Müll der Johannisnacht weg und muss sich darauf zünftig angewendete Integrationsübungen gefallen lassen. In anderen Szenen gelingen Momente von großer Intensität und Berührung, etwa im Quintett des dritten Aufzuges, wenn die Menschen die es auch als nutzlose menschengroße Puppen gibt, sich selbst in die Arme nehmen und sich etwas zusingen von Sonne und Seligkeit, von Kind und Traum...

Nicht alle Meistersinger singen meisterlich

Alan Titus ist der Dresdner Hans Sachs von kräftiger Statur und gemäß der Intension des Regisseurs angemessenem Spiel. Ein wenig verhalten ist sein Gesang in der sechsten Aufführung, dabei doch recht eben und rund im Klang. Michael Eder gibt einen massigen Pogner, Christoph Pohl und Matthias Henneberg als Nachtigall und Kothner klingen aus dem Aufgebot der Meistersinger heraus. Sportiv sein Spiel in knappen kurzen Hosen, vom Orchester oft verdeckt der Gesang, so der Eindruck den Oliver Ringelhahn als David hinterlässt. Die Magdalene, nach der er sich verzehrt gibt Christa Mayer. Raymond Very ist Walther von Stolzing, hell, jugendlich und unangestrengt im Klang, kein Held, ein Vorsichtiger mehr im Spiel, der sich noch finden muss, bevor er andern etwas aufzeigen könnte. Der Preis an diesem Abend gebührt der Dresdner Sopranistin Ute Selbig. Sie ist eine Lichtgestalt in der ohnehin oft sehr hell ausgeleuchteten Inszenierung. Sie singt  die Partie der Eva mit klarem Sopran, silbern leuchten die Höhen, und eine warme Grundierung ist sicheres Fundament für alle gut verbundenen Register. Auch im Piano trägt die Stimme.

Schnell, schnell, der Abend ist lang genug

Zwiespältig ist der Eindruck, den Fabio Luisi als Dirigent am Pult der Staatskapelle hinterlässt. Ist es sein italienisches Temperament, das ihn dermaßen durch die Ouvertüre jagen, und dazu auch oft noch sehr kräftig aufspielen lässt? Sollten wir uns daran gewöhnen müssen? Sollte es aber etwa Konzept sein, dass in den großen Chorszenen des dritten Aufzuges geradezu gelärmt wird, so erschließt sich das nicht recht, zumal es bei den nächtlichen Tumulten zuvor sehr sittsam zugeht. Zum anderen überrascht Luisi mit der Kapelle im Vorspiel zum dritten Aufzug. Schönste Tugenden des Orchesters sind zu vernehmen. Wunderbar erklingt die sanfte Ruhe zu Beginn dieses Wagnerschen Meisterstückes im Schatten der Ouvertüre.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Semperoper. Sächsische Staatsoper Dresden: Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Fabio Luisi (Dirigent), Claus Guth (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Raymond Very (Solist Gesang), Christa Mayer (Solist Gesang), Oliver Ringelhahn (Solist Gesang), Matthias Henneberg (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang), Michael Eder (Solist Gesang), Alan Titus (Solist Gesang), Bo Skovhus (Solist Gesang), Ute Selbig (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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