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Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Sinfonischer Höhepunkt der Dresdner Festtage

Ge-hörtes, magisches

Zu den ,Dresdner Festtagen Musiktheater des 20. Jahrhunderts' wagte die Semperoper Dresden eine Neuinszenierung von Alban Bergs ,Wozzeck', spielte aus ihrem Repertoire Peter Ruzickas erschütternden ,Celan', Aribert Reimanns sperrigen ,Lear' und Igor Strawinskys satirischen ,The Rake's Progress'. Das 9. Sinfoniekonzert war der sinfonische Höhepunkt der Festtage. Schon das Programm war gelungen: ,gehörte', in diesem Sinne magische Stücke, die aus der Stille kamen und sie umspielten. Seltene Werke für die Semperoper, deren Architekturkleid mit jedem Quadratzentimeter Leere und Stille ängstlich fern halten will. Zunächst wuchs eine Klangfläche aus der Stille langsam und organisch in den Raum, leicht und luftig, gleichsam schwebend. Iannis Xenakis' ,Metastaseis' spielte die Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Sylvain Cambreling liebevoll herausgearbeitet, zart und dennoch sehr intensiv. Gerade die wichtigen Glissandi und Crescendi der Streicher in dem Werk, in dem 61 Musiker 61 verschiedene Stimmen spielen, waren wunderbar kristallin.

Guiseppe Sinopolis Konzert für Cello und Orchester ,Tombeau d'armor III' wurde erst zum zweiten Mal überhaupt aufgeführt, was angesichts der Spannung, der Ironie und der Fasslichkeit des Stückes sehr zu bedauern ist. Eine düstere Welt erklingt im Orchester, dazu eine klagende Melodie im Cello. Das Cello gehört noch zum Orchester, aber sie verstehen sich nicht, die Welt des Orchesters ist viel zu eng für das Cello. Dann gelingt es dem Cello sich zu lösen, in drei Solokadenzen schweigt das Orchester, wird ausgeblendet, versucht zwischendurch vergeblich die Selbstfindung des Cellos zu stören, die Peter Bruns als Solist als Klangrede interpretiert. Jetzt tritt das Cello wieder in die Zwänge der Welt hinaus, aber gelöst. Das Orchester übertost es, aber das Cello antwortet mit spöttischen Parodien. Schließlich findet es wieder zu einer Melodie, zu einem Gesang, dem das Orchester nichts weiter entgegen zu stellen weiß als ein einfaches rhythmisches Ostinato.

György Ligetis ,Lontano' ist ein Stück, dessen leichte Töne alle tief bis ins Mark des Hörers dringen, alle Schuld in ihm aufspüren und ihn zwingen, über sein Leben Gericht zu halten. Die Staatskapelle Dresden spannte die Maschen des äußerst polyphonischen Gewebes sehr eng, die Fäden waren täuschend zart, aber metallisch scharf.
Von György Kurtags zwölf ,Messages' spielte die Staatskapelle Dresden nur die ersten sechs, aber die waren schon in ihrer Kürze groß und zu stark, diese poetischen Zauberstücke, hingetupft von der Staatskapelle. Am eindruckvollsten der Schluss, als der Chor mit den Worten ,Blumen die Menschen…’ zum Flüstern herabsank.

Es war ein rundum gelungenes Sinfoniekonzert inmitten gelungener Festtage. Bedauerlich nur, dass es weniger Dresdner Festtage als Festtage der Semperoper waren. Zum zehnten Sinfoniekonzert im April spielt die Staatskapelle Dresden ein bestürzendes Gespräch mit Gott, Leornard Bernsteins dritte Sinfonie ,Kaddish'.

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Kritik von Patrick Beck



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9. Sinfoniekonzert: Festtage Musiktheater 20. Jahrhundert

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Yannis Xenakis, Giuseppe Sinopoli, György Ligeti, György Kurtág

Mitwirkende: Staatskapelle Dresden (Orchester), Peter Bruns (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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