> > > > > 14.12.2007
Montag, 6. Februar 2023

“Jelisaweta Bam“ von Daniil Charms als Kammeroper

Zerbrochen bist du, zerbrochen dein Stuhl.

Am 17. Dezember 1905, nach dem neuen Kalender am 30., wird Daniil Iwanowitsch Juwatschew in St. Petersburg geboren. Ab 1922 gibt er sich den mehrfach variierten Dichternamen Charms. Vom Klang her ist an ‘Sherlock Holmes’, ‘Charme’ und ‘Mozart’ zu denken. Am zweiten, dritten oder vierten Februar, im Blockadewinter 1942, ist Daniil Charms in Leningrad, im Gefängnis gestorben. Es heißt, er sei vergessen worden und verhungert. Verhaftet wurde er, so wird kolportiert, weil er unverständliche Sachen schrieb, sich zu auffällig kleidete und vielleicht Jude war. Die Verbreitung defaitistischer Propaganda wurde ihm tatsächlich zur Last gelegt und im Jahr zuvor war er bereits in der Haft auf seinen Geisteszustand gerichtsmedizinisch untersucht worden.

Vom 21. September 1941 ist die folgende offizielle Anordnung: Betr.: Leningrad II: ‘Frauen, Kinder, alte Leute abziehen lassen, Rest verhungern lassen’. Der Narr Charms, den man halbangezogen, mit Pantoffeln an den bloßen Füßen verhaftet hatte, gehörte eben zum ‘Rest’.

Eine Kakerlake mit der Axt in der Hand

Ende 1927 war Stalin schon fast vier Jahre an der Macht. In der Folge des XV. Parteitags vom Dezember gibt es zahlreiche Opfer zwecks Durchführung seines Aktionsprogramms zur Industrialisierung und Kollektivierung der Landwirtschaft mit der Kampfansage gegen die Bauern. Verhaftungen, Denunziationen, das Verschwinden von Menschen beunruhigen aber auch das Leben in den Städten, immer argwöhnischer aber wird die nichtangepasste Szene der Künstler in ihrem Umfeld gesehen und zum Zwecke der Zersetzung überwacht. Doch trifft man sich im Leningrader Haus der Presse und für den geplanten Abend ‘Drei linke Stunden’ schreibt Charms vom 12. bis zum 24. Dezember das absurde Drama ‘Jelisaweta Bam’.
Der Uraufführung, sowie der gesamten Veranstaltung, am 24. Januar 1928, folgt tags darauf ein denunziatorischer Verriss in der ‘Roten Zeitung’. Ab Januar dieses Jahres verschärft sich der Kampf gegen Kulaken, Volksfeinde und vor allem Andersdenkende. Säuberungswellen mit Massenverhaftungen, vor denen auch Charms nicht verschont bleibt, sind an der Tagesordnung.

Das Surreale und die Realität. Ubu trifft Charms

Das absurde Drama der Jelisaweta Bam, der Frau mit den ‘Schultern wie die aufgehende Sonne’, die angeklagt und verfolgt wird, in einer Folge wilder Fantasien ihren Verfolger, die schon ‘mit Beinen wie Gurken’ auf der Treppe sind, im triumphalen Taumel geistiger und ästhetischer Freiheit, ein Schnippchen nach dem anderen schlägt, fast zu entkommen scheint, hat sehr konkrete und brutale Anlässe.

Anlässlich der Neuausgabe ‘Fälle’ durch Peter Urban im Jahre 2002 schrieb Martin Mosebach in der ‘Zeit’ Nr. 7/2003: ‘Charms sah sich plötzlich in der Situation, dass König Ubu den Untergrund der Fantasie verlassen hatte und zum realen Herrscher Russlands geworden war. Wer Stalin-Anekdoten kennt, weiß von dem bösartigen Misstrauen, der Wahllosigkeit im Morden, der Primitivität und Unberechenbarkeit dieses Herrschers, der bis in kleine Züge hinein von Jarry beschrieben worden ist. Plötzlich werden die surrealistischen Szenen eines Charms Realität: Menschen wurden ohne nachvollziehbaren Grund abgeholt, verschwanden, wurden gefoltert; die Kalkgruben, in die Charms plärrende Kinder werfen lassen wollte, gab es auf einmal wirklich im Weichbild von Leningrad. Unmerklich nehmen die Charms-Skizzen den Charakter von Schilderungen der Wirklichkeit an.’

So gesehen hat das absurde Drama ‘Jelisaweta Bam’ neben anderen dramatischen Arbeiten von Charms wie ‘Die Komödie der Stadt St. Petersburg’ und dem erst vor wenigen Jahren ediertem Zirkusstück für Marionetten mit Holzköpfen ‘Zirkus Sardam’ noch die stringenteste Dramaturgie in 19 Szenen, von denen die erste und letzte so etwas wie einen Rahmen bilden. Gefangen im Zwang aus Verfolgung und Unentrinnbarkeit gebiert die Not der Heldin eine Tollkühnheit nach der anderen. Sie spielt ihre Verfolger Pjotr Nikolajewitsch und Iwan Iwanowitsch gegeneinander aus, verwirrt sie in scheinbaren Liebesspielen mit Gesang und Tanz, beschwört den Geist der wirren Mutter und des scharfsinnigen Vaters (‘Wenn du einen Vogel fängst, sieh nach, ob er Zähne hat. Wenn er Zähne hat, dann ist er kein Vogel’) der sogar im an russische Märchen erinnernden ‘Kampf der zwei Recken’ den wendigen Widersacher der findigen Tochter besiegt. Diese wiederum bringt es sogar fertig in Zeiten des Mangels und der Rationierung in der Kooperative Bonbons zu kaufen und mit einem Schulterzucken zu bedauern, dass es zwar Tee, aber keine Torte dazu gebe Aber am Ende keine Flucht, kein Ausweg, sondern im ‘Gleichgewicht der Gelenke’ direkt unter die Axt der Kakerlake Tarakan Tarakonowitsch, die einen roten Kragen trägt.

Wie fügt man Musik zur Musik?

Die Uraufführung des Stückes fand 1928 mit Musik statt, die ist verloren. Neben vielfacher Sprachmelodik weist der Text immer wieder Passagen auf, die an ein Libretto denken lassen. Sprechende Instrumente treten auf, von einer Ouvertüre ist die Rede, es gibt regelrechte Texte für Melodramen oder Lieder mit Refrain.

Für die Uraufführung der Kammeroper ‘Jelisaweta Bam’ in der Studiobühne der Sächsischen Staatsoper Dresden ‘kleine szene’ hat Stefan Weihrauch fleißige, blitzblanke Musik geschrieben. Neben Ausflügen in das Repertoire großer Oper stehen fröhliche Spaziergänge durch die bunten Gefilde mal mehr rhythmischer und mal mehr sentimentaler oder ironischer Unterhaltung. Das alles klingt heiter, ja, ja, ja, etwaige absurde Korrespondenzen zum Text lassen sich ob dessen Unverständlichkeit bestenfalls ahnen. Manch plötzlicher Wechsel schafft gelinde Verblüffung. Abgründe tun sich nie auf, Verstörung oder gar Beunruhigung bleiben aus.

Weil die beiden Verfolger sowie Mamascha, Angela Liebold, und Papascha, Peter Lobert, so etwas wie Fantasiegeschöpfe der verfolgten Heldin sind, kommen sie alle aus sechseckigen, verschieden hohen Säulen, von denen an die 30 das Bühnenbild ausmachen, an die so unsichere wie gefährliche Oberfläche des zerklüfteten Raumes von Gregor Sturm. Wenn sie wieder in die Labyrinthe ihrer Unterwelten abtauchen, schließen sich über ihnen Kanaldeckel. Dass die Kulissen Schauspieler verschlingen steht im Text.

Allein Jelisaweta geht primadonnenhaft, mitunter fast schwebend, traumwandelnd über die Höhen und Tiefen dieser Landschaft, die doch eine Spur zu dekorativ geraten ist und daher keine Untiefen birgt, die auch durch die zurückhaltende Regie von Oliver Knick nicht hinzugewonnen werden können. Gemäßigt absurd, sehr sauber und glatt ist dieser Abend. Um die Wette mit dem Leben läuft hier niemand. Stefanie Jonas gibt der Protagonistin Züge einer kühlen Diva, übt sich in Überlegenheit und Anflügen von Zerknirschung. Mutig gibt sie sich hochfahrenden und koloraturrasselnden musikalischen Eskapaden hin.

Timothy Oliver mit seinem klaren, lustvoll eingesetzten Tenor und Sangmin Lee mit wenigem und wandlungsfähigem Bariton, beide mit Lust am Spiel, kommen in den Rollen der verfolgten Verfolger als demontierte Edelclowns der Absurdität des Stückes am nächsten. Hinter der Szene, unter der Leitung von Gelsomino Rocco, elf junge Musikerinnen und Musiker, deren frisches, engagiertes Musizieren und Agieren, als Sänger und Lautmaler, gemeinsam mit den Leistungen aller Beteiligten mit sehr herzlichem Applaus des Uraufführungspublikums bedacht wird.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Sächsische Staatsoper Dresden, kleine szene: Jelisaweta Bam, Kammeroper, Uraufführung

Ort: Kleine Szene,

Mitwirkende: Stefanie Jonas (Solist Gesang), Angela Liebold (Solist Gesang), Timothy Oliver (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

Class aktuell (3/2022) herunterladen (5000 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (2/2023) herunterladen (5000 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Der Pianist Herbert Schuch im Gespräch mit klassik.com.

"Bei der großen Musik ist es eine Frage auf Leben und Tod."
Der Pianist Herbert Schuch im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich