> > > > > 16.10.2007
Mittwoch, 16. Oktober 2019

Ludwig van Beethoven

Beethovens Missa solemnis konzertant in Innsbruck

Mit Konturenschärfe und überragender Präzision

Für die Kirche oder für den Konzertsaal? Die Missa solemnis, Beethovens gewaltiges Monumentalwerk, markiert einen Höhe- und Wendepunkt in der Messkomposition. Deutlich hat diese Messe einen universalen Anspruch: Sie ist eben nicht nur eine Station in der Geschichte der Messkomposition. In einer Verschmelzung von Stilelementen der Gregorianik, der Oratorien Händels, der klassischen Vokalpolyphonie, der späten Haydn-Messen usw. schafft Beethoven eine sehr radikale und persönliche Interpretation des Messtextes. Die Missa solemnis sprengt den liturgischen Rahmen und wirkt deshalb konzertant aufgeführt nicht deplaziert – obwohl es dem Saal Tirol im Congress Innsbruck an Atmosphäre fehlt, war der erste Abend der Reihe der Innsbrucker Meisterkonzerte ein besonderes Erlebnis.
Populär wurde die Missa solemnis ja nie: Zu extrem sind die Anforderungen an die Ausführenden, zu komplex scheinen der musikalische und auch der außermusikalische (symbolische, theologische) Gehalt der Missa solemnis.

Einige Dirigenten aus dem Bereich der Alten Musik haben sich bereits an das Werk herangewagt – nun heftet sich erstmals Paul McCreesh mit seinem Gabrieli Conssort auf die Spuren Beethovens. McCreesh sorgte in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem mit seinen ‘liturgischen Rekonstruktionen’, später auch mit Händel-Interpretationen für Furore; stets waren groß besetzte Chor-Orchesterwerke seine Domäne, mit vielfach sensationellen Ergebnissen. Meines Wissens hat sich McCreesh bislang noch nicht ins 19. Jahrhundert vorgewagt; seine Interpretation der Beethoven’schen Missa solemnis habe ich daher mit Spannung erwartet. Würde es wieder einmal einen ‚Beethoven durch die Barock-Brille gesehen’ geben? Würde McCreesh radikal neues zu dem Werk zu sagen haben, etwa zu wesentlich anderen Ergebnissen kommen als seine ‚historisierenden’ Vorgänger als Interpreten der Missa solemnis (Gardiner, Herreweghe).

 

Vorweg: McCreesh bot Erwartbares: Eine musikalisch beeindruckend präzise Wiedergabe, einen perfekt trainierten Chor flexibler, aus der großen englischen Chortradition hervorgegangener Stimmen, akzentuiertes Orchesterspiel, rasche Tempi. Im Terrain der Tempowahl unterschied sich McCreesh zum Beispiel kaum von Gardiner; auch bei McCreesh wurde das Sanctus zudem von den Solisten gesungen. Und auch hier wirkte der Anfang des extrem schnell genommenen ‚Pleni sunt caeli’ wie ein hysterischer Anfall – auch wenn Susan Gritton sich mühte, diesen Eindruck zu vermeiden. Die manchmal geradezu atemberaubenden Tempi ließen die Messaufführung bisweilen wirken wie einen sportlichen Wettbewerb – schneller, höher, stärker; erfreulich war, dass McCreesh dadurch seine Sängerinnen und Sänger, Musikerinnen und Musiker niemals überforderte. An einer einzigen Stelle schien mir die Intonation im, Chorsopran etwas aus dem Lot, und das bei den unmenschlichen Anforderungen! Doch noch einmal zurück zur Tempowahl: Umso schneller die raschen Teile musiziert wurden, umso schärfer war der Kontrast zu den innigen Ruhepunkten des Werkes – ob nun die Mittelteile von Gloria und Credo oder das Sanctus. McCreeshs Interpretationskonzept war das einer kontrastreichen, konturengeschärften, dramatischen Messaufführung – als solche war die Innsbrucker Missa solemnis voll und ganz gelungen. Was ich wiederum vermisst habe, so wie zum Beispiel auch bei den Messen-Einspielungen Gardiners, war ein Element, das man vielleicht als ‚katholisch-süddeutsche Innigkeit’ bezeichnen könnte: McCreeshs Missa solemnis klang perfekt bis ins Detail, bewundernswert präzise, aber irgendwie (protestantisch?) nüchtern – vielleicht bin ich hier zu sehr von meiner österreichischen Herkunft geprägt.

McCreesh dirigierte mit Umsicht ohne überflüssige Bewegungen und in (stockloser) Chorleiter-Manier. Der mittelgroße Chor (12/12/8/8) kam gegen das große Orchester gut an, es wurde wortdeutlich und mit höchster Präzision gesungen – erfreulicherweise ohne die sonst häufig zu hörenden Manieriertheiten in der Aussprache des Lateinischen (kein ‚tschöli’, sondern ‚zöli’, kein ‚Anjus Dei’, sondern ‚Agnus Dei’, usw.). Im Solistenquartett enttäuschte der Bassist Neal Davies durch mangelnde Durchschlagskraft und eine unangenehm flackernde Stimme. Susan Gritton behauptete sich hingegen mit strahlendem, sicher geführtem und kernigem Sopran souverän in den wenigen, meist dem Solistenquartett zugedachten Solostellen. Auch Christiane Stotijn überzeugte mit ihrer eher hellen Altstimme. Ein Lichtblick war schließlich Werner Güra mit prachtvollem Organ ohne Heldentenor-Attitüde. Sonderlob für das innige Violinsolo von Konzertmeisterin Catherine Martin!

Ein gelungener Konzertabend auf höchstem Niveau, dem Anspruch eines 'Meisterkonzertes' voll und ganz entsprechend!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Franz Gratl



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Die Missa solemnis konturenscharf und rasant: Paul McCreesh zu Gast in Innsbruck

Ort: Congress Innsbruck,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Paul McCreesh (Dirigent), Werner Güra (Solist Gesang), Christianne Stotijn (Solist Gesang), Susan Gritton (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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