> > > > > 21.02.2004
Samstag, 24. Oktober 2020

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

,Wozzeck' an der Semperoper Dresden

,Video-Clip im Breitformat'

Als Auftakt der ,Dresdner Festtage – Musiktheater des 20. Jahrhunderts' inszeniert die Semperoper Dresden zum dritten Mal in ihrer Geschichte Alban Bergs Liebesdrama und Gesellschaftskritik ,Wozzeck'. Die einzige atonale Oper, die sich dauerhaft auf den Spielplänen behaupten konnte, ein Werk zwischen strengster Form und höchster Expressivität. Das Libretto schuf Berg selbst durch Umstellung, Kürzung und Verschmelzung von Georg Büchners fragmentarischem ,Woyzeck'. Der Soldat Wozzeck, der ein uneheliches Kind mit Marie hat, gerät immer weiter in ein unerbittliches Räderwerk der sozialen und privaten Erniedrigung, sieht keinen anderen Ausweg als Marie zu erstechen und stirbt beim Versuch das Blut von sich abzuwaschen. Die musikalische Struktur der Oper ist eine unerschöpfliche Fundgrube für die Analyse. Im ersten Akt findet man etwa eine Suite und ein Rondo, der zweite Akt ist einer Sinfonie mit Sonatenhauptsatz, Invention und Fuge über drei Themen, Largo, Scherzo und Rondo nachgebildet, die Grundlage des dritten Aktes sind sechs Inventionen. Das Gerede des Hauptmanns konterkariert Berg mit einer Folge von barocken Tänzen. Als Marie in der Bibel liest, wird die Schutz bietende göttliche Ordnung mit einer Fuge symbolisiert. Zu dem verbindet ein Netz von Erinnerungsmotiven die Szenen, die jede für sich einen eigenen Charakter haben, hält die Oper zusammen, die auf die Ordnung der überkommenen Harmonik verzichtet. Oft ist die Musik sehr plastisch. Als der Hauptmann Wozzeck beschuldigt, dass er wie ein offenes Rasiermesser durch die Gegend laufe, dann glaubt man sich am Klang zu schneiden. Und als Wozzeck unter der Erde etwas wandern hört, grollt es dunkel im Orchester. Alles zusammen bewirkt ein unwiderstehliches sinnliches Erlebnis. Diese reiche Musik bietet immense Möglichkeiten für den Regisseur, und das Gelingen der Inszenierung ist garantiert, wenn der Regisseur der Struktur der Musik nachspürt. Der Regisseur Sebastian Baumgarten hierzu: ,Oper ist ein Anachronismus, gerade weil sie von der Struktur her so festgelegt ist.'

Sebastian Baumgarten inszeniert ,Wozzeck' in einer modernen Großstadt. Der einzige Handlungsort ist nicht näher bestimmt, vielleicht eine Einkaufspassage oder die Vorhalle eines Bahnhofes, Wohnung der ohne Mitleid vom Kapitalismus zertretenen und an den Rand der Gesellschaft gedrückten Menschen. Wozzeck und Marie sind ohne Obdach, der Hauptmann, der Doktor und der Tambourmajor sind kleine Kiezgrößen, deren Titel lediglich Spitznamen sind. Aber die Rollen sind ungenau definiert. Scheint der Hauptmann zunächst der Boss einer Gang zu sein und Wozzeck ein Gangmitglied, verliert sich diese Idee später spurlos, ohne ersetzt zu werden. Der Doktor, der sich wie ein Kiezkönig gibt, könnte ein abgewrackter Arzt sein oder ein Sozialarbeiter oder vielleicht nur ein Spinner. Die Tripelfuge im zweiten Akt zwischen Hauptmann, Wozzeck und Doktor ist nicht nur eine Verstrickung Wozzecks in das Schicksal, sie karikiert bei Alban Berg auch die akademische Gelehrsamkeit eines Bildungsbürgertums, etwas wofür sich in der Inszenierung kein Ansatz mehr findet.

Was treibt Wozzeck für Baumgarten zum Mord? Eine ,Komplexität', eine ,bestimmte Stimmung'. Ein Übermaß an ,Informationen' mit denen ,Wozzecks Kopf anscheinend gespeist wird' und auf die ,Überinformiertheit mit fundamentaler Abwehr reagiert', wodurch Wozzeck als ,Gotteskrieger' unterwegs sei. Folglich läuft hinter der Bühne eine Laufschrift mit Werbung, Bibel-, Libretto- und sonstigen Zitaten mit, wie ,Globale Verantwortung, aber erst wird der Garten gemacht!'. Folglich ertrinkt Wozzeck nicht in einem Teich, sondern mittels Videoprojektion in einer Flut von Zeichen.

So kann Andreas Schmidt als Wozzeck nur blass bleiben, ebenso wie Johann Tilli als Doktor, Wolfgang Schmidt als Hauptmann und Kim Begley als Tambourmajor. Sie sind Marionetten des Regisseurs, der auf Biegen und Brechen seine oft plakativen Botschaften anbringen möchte, ohne dass diese über mehr als eine Assoziation mit der Partitur Alban Bergs verbunden sind. Allein Evelyn Herlitzius, der keine ideologischen Botschaften aufgezwungen werden, vermag sich als Marie zu entfalten.
Für Baumgarten hat die Oper die Möglichkeiten eines ,Video-Clip(s) im Breitformat'. Ihn fasziniert ,die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, das Ineinanderlaufen von Prozessen, die strukturell oder logisch nichts miteinander zu tun haben'. Dies ist ihm mit der Inszenierung gut gelungen. Das Ereignis auf der Bühne hat nicht mehr viel zu tun mit der Musik der Partitur. Schließlich hat die Oper ,vor allem eine ornamentale Funktion'.

Die Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Marc Albrecht spielte zunächst fahrig, so als hätte das Orchester zu viel Kaffee getrunken. Die Bläsereinsätze waren ungenau, an den komplizierten Tempiwechseln kam es nicht selten zu Spannungsabrissen. Die Stimmen waren nicht heraus gearbeitet, die Sänger wurden oft überdeckt. In Abstimmung mit der Inszenierung versuchte Marc Albrecht wohl einen Verzicht auf das plastische Klangbild der Partitur. Später fing sich das Orchester. Vielleicht war es auch die Partitur Alban Bergs, welche die übergestülpte Kruste aufbrach und sich in ihrer Größe und expressiven, morbiden Gewalt ihr Recht als das Grundgesetz der Inszenierung zurückholte. Man kann diese Inszenierung vielleicht als ein Experiment würdigen, mit dem Baumgarten versuchte, durch die Partitur gesetzte Grenzen aufzusprengen und Text ändernde Methoden des Theaters für die Oper zu nutzen.

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Kritik von Patrick Beck



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,Video-Clip im Breitformat': ,Wozzeck' an der Semperoper Dresden

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Alban Berg

Mitwirkende: Staatskapelle Dresden (Orchester), Andreas Schmidt (Solist Gesang), Wolfgang Emanuel Schmidt (Solist Gesang), Kim Begley (Solist Gesang), Evelyn Herlitzius (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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