> > > > > 08.09.2007
Montag, 25. Oktober 2021

Zauberhafte Nacht der Stimmen

Die Meistersänger von Bonn

Vokalmusik vom Hochmittelalter bis zur Gegenwart präsentierte das Beethovenfest an diesem Wochenende zur Nacht der Stimmen. In den samstäglichen Abendstunden hatten die Besucher die sprichwörtliche Qual der Wahl aus acht Vokal-Konzerten, die an vier unterschiedlichen Veranstaltungsstätten in der Bonner Innenstadt geboten wurden. Und die Auswahl fiel wirklich schwer, hatten die Organisatoren des Beethovenfestes doch ein hochkarätiges Programm in zwei Blöcken zusammengestellt, das den Besuchern eine Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten bot.

Bezüge zu Samuel Becket

Im Kammermusiksaal des Beethovenhaus gab das Arditti Quartett um 19.00 Uhr den Auftakt mit einer ausgesprochen lebendigen Interpretation von Pascal Dusapins Streichquartett Nr. 5 (2004/3). Die für ihre Spitzeninterpretationen bekannten Musiker ließen das einsätzige Kammermusikwerk mit seinen Bezügen zu Samuel Beckets ‚Mercier et Carmier’ auf anschauliche Weise lebendig werden. Virtuos und mit feinem Humor wechselten sie zwischen den tröpfelnden Pizzicato-Passagen, pathetischen Kantabile-Abschnitten und schwindelerregenden Ostinato-Abgründen der Komposition. Den Wechsel in das 14. Jahrhundert vollbrachte im Anschluss das weltbekannte Hilliard-Ensemble. Trotz inzwischen gestandenen Alters erwiesen sich die vier Sänger anhand der Musik Guillaume de Machauts weiterhin als unbestechliche Sachwalter mittelalterlicher Polyphonie und Klangfülle.

Singer Pur – ein Höhepunkt des Abends

Zur gleichen Zeit wurden im Bonner Münster Chorwerke der englischen Renaissance geboten. Der Choir of King’s College Cambridge machte ‘Joy’ das britische Motto der diesjährigen Beethovenfestes erlebbar. Der englische Chor fühlte sich in der exzellenten Akustik der Basilika mit den Werken von John Taverner und Thomas Tallis hörbar wohl. Britische Chortradition inmitten staufisch-romanischer Architektur – ein besonderes Erlebnis. Die St. Remigiuskirche, ehemalige Minoritenkirche im Herzen der Bonner Innenstadt, bot im weiteren Verlauf des Abends die Bühne für die oberpfälzische Vokalgruppe ‚Singer Pur’, die seit langem mit hervorragenden Aufnahmen von sich reden macht und es immer wieder schafft, sich in Live-Konzerten selbst zu übertreffen. In dem Programm, das die Sänger mit dem Klarinettisten und Komponisten Michael Riessler und dem Cellisten Enrico Melozzi bestritten, wurde flämische und italienische Vokalmusik des 16. Jahrhunderts mit Kompositionen Michael Riesslers konfrontiert. Daraus entstand in der abgeschiedenen Erhabenheit des wirkungsvollen Raumes ein farbenglühender Klangteppich, der zu den Höhepunkten des Abends gezählt werden muss.

Drogen in der Garderobe

Gegen 21.45 Uhr wurde der zweite Programmblock im Beethovenhaus durch eine furiose Performance eingeleitet. Der unermüdliche Michael Riessler (Klarinette), Michael Schiefel (Stimme) und Jean-Pierre Drouet als einfallsreicher und vollkommen in sich gekehrter Tischperkussionist bildeten die Klangfolie für Nigel Charnok, durchtrainiertes Energiebündel, Stimmakrobat und Performancekünstler, der über Beethovens Brief an die unsterbliche Geliebte improvisierte. Die Deutung des Abends lieferte Charnok gleich selbst: ‘Lästige Avantgarde’. Das Publikum könne deshalb auch gleich gehen, wenn es damit nichts anfangen könne. Ein weiterer Vorschlag des über die Bühne wirbelnden Künstlers: ‘In meiner Garberobe gibt es noch genug Drogen, um die Stimmung im langweiligen Bonn zu heben.’ Wer blieb, erlebte auch ohne Hilfsmittel ein mitreißendes Spektakel, in dem Fetzen aus Beethovens Brief, Schreie, Röcheln, Gesang, überspannte Gesten, berechnete Provokation und durchgedrehte Aktionen sich staccatoartig abwechselten. Es ist der weitsichtigen Organisation und Experimentierfreude der Intendantin des Beethovenfestes, Ilona Schmiel, zu verdanken, dass ein solches Ereignis neben Vokalwerke aus Deutschland und Österreich gesetzt wurde, die gleichzeitig durch ‘schnittvokal’ in der Bonner Schlosskirche nicht unweit des Beethovenhauses aufgeführt wurden.

 

Sympathische Finnen

Wer wollte, konnte in der St. Remigius-Kirche den Abend sanft ausklingen lassen. Dort gestaltete das weltbekannte finnische A-Capella-Ensemble Rajaton eines von vier Abschluss-Konzerten dieser Stimmen-Nacht. Das 1997 in Helsinki gegründete Ensemble bezauberte das Publikum mit der Bandbreite seiner stimmlichen Möglichkeiten (Rajaton bedeutet so viel wie unbegrenzt) und seinen eingängigen Musiknummern. Auf höchstem Niveau wechselte das Programm zwischen finnischen und englischsprachigen Beiträgen, die sich stilistisch zwischen Gospel, Celine Dion, Enya und Manhattan Transfer bewegen. Auch eine solche Gruppe gehörte zum fulminanten Konzept der Nacht der Stimmen, die in diesem Jahr Premiere feierte. Bleibt zu hoffen, dass dieses Konzept im nächsten Jahr wiederholt wird.

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Kritik von Miquel Cabruja

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Die Meistersänger von Bonn: Zauberhafte Nacht der Stimmen

Ort: Beethovenhaus,

Werke von: Guillaume de Machaut, John Taverner, Thomas Tallis

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