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Montag, 29. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

„Der Widerspenstigen Zähmung“ in Dresden

Die Liebe kommt ja nach der Sympathie. Oder nie.

Er ist ihr ja sympathisch und auf keinen Fall egal, der Petruchio, Shakespeares Raubein, der Edelman mit Herz, in der Komödie ‘The Taming oft he Shrew’ von 1594/95. Sie ist ihm ebenfalls sympathisch und er empfindet wahrscheinlich sogar schon ein wenig mehr für Katharina, die von der Emanzipation schon weiß bevor sie militante Feministen institutionalisierten. Zwei Menschen, die sich wollen, aber vom jeweils anderen erwarten, sie auch so zu wollen wie sie sind. Prozesse, aufeinander zu, bei gegenseitiger Entdeckung, Enttarnung auch, als individuelles Lustprinzip, auf dass die Liebe nicht zu rasch erkalte, eingeschlossen.

In Shakespeares Komödie zappeln noch die Typen des italienischen Volkstheaters, dieweil zugleich die Charaktere der Komödie schon wachsen. Das macht die Poesie des wunderbaren Stückes aus, das wie so oft bei diesem Dichter nach Musik und Tanz nur so zu rufen scheint.

Es musste einer wie John Cranco kommen, der vor fast 40 Jahren in Stuttgart sein Ballett ‘Der Widerspenstigen Zähmung’ kreierte und der Welt ein Juwel schenkte. Bewusst ‘nach’ William Shakespeare benannt, denn Cranco hat die Komödie auf wesentliche Stationen gefügt ohne ihren Geist zu zerstören. Die Nuancen hat er beibehalten, die heitere Melancholie auch, die sich in diesem Stück andeutet und sich in späteren heiteren Werken wie ‘Was ihr wollt’, ‘Ein Sommernachtstraum’ oder ‘Maß für Maß’ voll entfalten wird.

Kurt-Heinz Stolzes Musik nach Domenico Scarlatti, in direktem Bezug, oder stilistisch nachempfunden, sollte man trotz ihrer vergangenen Klangwelt der sechziger Jahre, nicht zu gering achten, da sie situativ ist und sich nicht klüger als die Handlung macht. Zumal die Damen und Herren der Staatskapelle unter der Leitung von Davor Krnjak der fleißigen Partitur durchaus liebenswertes Klangleben zu geben vermögen.  

Crancos Ballettkomödie kommt in bester Tradition und leichtem Geist daher und ist doch für alle Tänzerinnen und Tänzer, in den großen, den größeren oder kleineren Partien, und in den Szenen Corps de ballet erst recht, eine immense tänzerische und persönliche Herausforderung. Das Stück, nicht gänzlich frei von der Nostalgie vergangener Bühnenästhetik, befindet sich seit zehn Jahren im Dresdner Repertoire, brachte es auf über 60 Vorstellungen und ist jetzt in neuer Besetzung und glücklicher Einstudierung durch die englische Choreologin Jane Bourne wieder zu erleben.

Fangen wir mal mit den Damen und Herren des Corps de ballet an, denn deren Frische, Präsenz, vor allem zeitgemäße Ausstrahlung, ist Anlass zu großer Freude. Zumal Crancos heitere Ausgelassenheit in den Gruppenchoreografien für Hochzeitsgesellschaften und im Karnevalstreiben auch neckische Versatzstücke nutzt, die eben genau jenes Maß an Charme und Brillanz brauchen, worüber die Tänzerinnen und Tänzer in reichem Maß verfügen. Alles eine Frage der Technik und der Persönlichkeit, welche hier glücklich zusammenkommen. Dies alles gilt natürlich, und in besonderem Maße für die Herren der Dienerschaft Petruchios und die drei Paare im Pas de six.

Parallel zur Handlung um Katharina und Petruchio werben zwei schräge und ein paradiesischer Prinzenvogel um Katharinas Schwester Bianca. In  klassischer Eleganz finden da die rechten Herzen tanzend zueinander, Olga Melnikowa und Jan Formánek. Für den heiteren Part bringen Maik Hildebrandt in gelb und Maximilian Genow in rosa vor allem Geschmack und stupendes Können ein, wobei ihre nicht ganz freiwillig heimgeführten Partnerinnen Ana Presta und Britt Juleen ihnen ganz und gar nicht nachstehen, vor allem in einer wunderbar hintersinnigen Verknotungsszene der vier, die vielleicht nicht füreinander geschaffen, aber nun mal aneinander gekommen sind. Dass endlich die beiden Hauptpersonen nicht nur aneinander, sondern zueinander kommen, ist mehr als nur ein Märchenschluss, und freut nicht nur Katharinas Vater, Oleg Klymyuk. Auch das ist ein Komödienschluss, dass längst nicht jeder vorher wissen oder fühlen kann, zu wen es ihn denn zieht und wohin ihn das Gefühl noch ziehen wird.

Na ja, dass sie so gar nichts füreinander fühlen und empfinden, kann ja nicht sein. Er ist Katharina schon sympathisch, der Petruchio des Fabien Voranger, der schöne Macho mit dem guten Herzen. Er macht das alles so mit einem Augenzwinkern, mit so fröhlicher Ironie, wenn er sich besonders auffällig in den Hüften wiegt, wenn er zum Sprung ausholt und in uneitler Freude für einen Augenblick das ganze Rund Bühnenwelt ausfüllt. Der Tänzer ist für die Partie ein Glücksfall, ebenso wie Yumiko Takeshima für die Partie der Katharina. Sie hat etwas von heimlich gehüteter, verstörender Ernsthaftigkeit, dazu im raschen Bruch, den Humor in der Bewegung ironisch imitierter Männlichkeit. Die Leichtigkeit, der Widerstand, die Reise zu ihm und damit zu sich selbst, der Hunger und die Einsamkeit, als Facetten eines Weges. Und dass sie ihm von Beginn an ein gewisses Herzflattern und mehr macht, das lässt sich nicht übersehen und findet glücklichen Beweis in den grandios getanzten Pas de deux, in denen eben doch zusammen kommt, was zusammen gehört, technisches Können und persönliche Ausstrahlung. Der Weg dahin, zwei Stunden ungetrübtes Theaterglück.


Ballett der Semper-Oper
Szenenfoto "Der Widerspänstigen Zähmung" Szenenfoto "Der Widerspänstigen Zähmung" Szenenfoto "Der Widerspänstigen Zähmung"

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Ballett der Semper-Oper: Der Widerspenstigen Zähmung

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Domenico Scarlatti, Kurt Heinz Stolze

Mitwirkende: Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), John Cranko (Choreographie), Davor Krnjak (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), William Shakespeare (Vorlagenautor)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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