> > > > > 06.12.2007
Sonntag, 28. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Neumeiers Nussknacker seit zehn Jahren in Dresden

Maries Traumtanz

Das beliebteste Weihnachtsballett ist in Dresden gar kein Weihnachtsballett. Trotzdem ist am Tag des Heiligen Nikolaus die Semperoper ausverkauft bis auf den letzten Platz und alle sind begeistert, obwohl weder ein Weihnachtsbaum, noch tanzende Nussknacker, Schneeflocken, Mäuse oder Feen und Schneeflocken auf der Bühne sind. In der 110. Vorstellung seit der Premiere vor zehn Jahren erweist sich die damalige Entscheidung, John Neumeiers Fassung von Frankfurt am Main, aus dem Jahre 1971, nach München, Hamburg und Paris auch in Dresden zu präsentieren als klug und nachhaltig. Neumeier ist musikalisch und inhaltlich nahe bei Tschaikowski obwohl er nicht dem originalen Libretto nach E.T.A Hoffmanns Novelle ‘Nussknacker und Mäusekönig’ folgt. Er übernimmt das Grundkonzept der personalen Konstellationen, folgt dann aber einer Idee, die erstmals sein Lehrmeister John Cranko präsentierte. Der kreierte das Ballett als Initiationsritus für Klara. Aus dem Kind wird über Nacht eine Frau. Crankos Version hat sich nicht durchgesetzt, Neumeiers schon. Bei ihm steht das pubertierende Mädchen Marie im Mittelpunkt, das an seinem zwölften Geburtstag hin und her gerissen ist von der erotischen Ausstrahlung einer properen Kadettentruppe, die mit ihrem älteren Bruder durch den großbürgerlichen Salon tobt. Verwirrende Faszination aber geht für das erwachende Mädchen von Günter, dem Anführer der Kadetten und Freund ihrer Schwester, der Ballerina, aus.

Übernommen aus dem Original ist Drosselmeier, ein komischer Onkel, Hagestolz und Kauz, hier zudem Ballettmeister, einsam und eitel, mit gutem Herzen, verpackt unter harter Schale, eben so ein Typ für den die Bezeichnung stimmt: Harte Nuss. Drosselmeier schenkt Marie Ballettschuhe. Von Günther hat sie einen Nussknacker bekommen. Das harte Abbild des Mannes im Arm, die Zauberschuhe an den Füßen, die Flügel an der Seele des jungen Mädchens, beste Voraussetzungen für einen Traum, der zum Traumtanz wird, aus dem es ausnahmsweise kein böses Erwachen gibt, denn bevor Marie wieder erwacht ist Neumeiers Version zu Ende. Aufwachen müssen wir selber. Maries Traum führt dahin, wo Träume unter Schweiß und Tränen entstehen, in den Ballettsaal, an die Übungsstange, unter der gestrengen Aufsicht Drosselmeiers. Und der Traum führt weiter, in das Theater, in das Ballett, in den Traum, der aufsteigt aus der Musik, sinnfällig dargestellt, wenn Marie und Drosselmeier aus dem Orchestergraben auf die Bühne klettern, wo dann die Wunderwelt des Tanzes uns nur noch staunen lässt. Kann der ‘Lebende Garten’ mit der Musik des beliebten ‘Blumenwalzers’ noch nicht seine volle Pracht entfalten, so sind kurze Zeit später im ‘Pas der quatre’ die Blumendamen Séverine de Cussac, Leslie Heylmann, Alexandra Lo Sardo und Arika Togawa prächtig erblüht und auch die dazugehörigen Herren Yevgeny Bondarenko, Vitaly Fadeev, Maximilian Genow und Masayu Kimoto blühen auf in den ‘Variations des hommes’.

Raphael Coumes-Marquet als Drosselmeier ist ein Glücksfall für Dresden. Der hoch aufgewachsene Tänzer spielt frei mit den Klischees, setzt aber immer wieder wunderbare selbstironische Zeichen und gewinnt herzliche und weiche Züge im Verhältnis zu Marie. Zudem ist Coumes-Marquet ein exzellenter Tänzer, das sieht man etwa im Divertissement ‘Die schöne von Granada’, ein Titel der Julia Carnicer unwidersprochen zusteht. Mit einer liebenswerten Narrentruppe um Esmeralda weiß er temperamentvoll umzugehen und der zerbrechlichen Rebecca Gladstone als ‘Chinesischer Vogel’ ist er ein starker Ast. Vorbeisausendender Irrsinn flinker Beine ist seine ‘Gigue’ mit Marie. Ralf Arndt, Maik Hildebrandt und Jan Oratynski sind die tanzenden Leutnants. Bocksprünge, Purzelbäume und Sprünge in den Flug. Majestätische Exotik verbreiten die aparte Britt Juleen und der athletisch elegante Oleg Klymyuk im Tanz ‘La Fille du Pharaon’.

Ein Fest der Sinne und ein Triumph brillanter Technik die sich in den Dienst des grenzüberschreitenden Tanzes stellt, bereiten Natalia Sologub und Jirí Bubenicek als Louise und Günther. Höhepunkt ist der finale ‘Grand Pas de deux’. Er dreht und fliegt. Einfach zum Abheben. Sie tanzt auf der Spitze immer knapp über dem Boden, optische Täuschung hin oder her, es zählt, was man spürt. Katherina Markowskaya hat die Marie vor zehn Jahren zur Premiere getanzt. Sie vermag es heute wie damals, das Kind zu sein ohne kindisch zu wirken. Sie vermag es zudem faszinierend und berührend, die Verwirrung der Gefühle in diesem Traumtanz in jene federleichte und daher stets gefährdete Bewegung zu verwandeln, die so etwas wie die Essenz des Tanzes sein muss.

Und zum Ereignis des Tanzes kommt das des Klanges, denn die Staatskapelle unter der Leitung von Klauspeter Seibel spielt, oder besser tanzt, einfach wunderbar mit.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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dresden SemperOper ballett: Der Nussknacker

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Peter Tschaikowsky

Mitwirkende: Jürgen Rose (Bühnenbild), Dresdner Ballett (Ballettkompagnie), John Neumeier (Choreographie), Klauspeter Seibel (Dirigent), Jürgen Rose (Kostüme), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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